Online-Karten: Googles lückenhafter Bahn-Fahrplan

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Google arbeitet ab sofort mit der Deutschen Bahn zusammen - und zeigt auf seinen Online-Karten auch Zugverbindungen an. Doch Reisende werden zum Teil in die Irre geführt. Und Experten fragen sich, warum der ehemalige Staatskonzern ausgerechnet mit dem Suchmonopolisten kooperiert.

Google-Bahn: Ohne U-Bahn durch Deutschland Fotos

Hamburg - Die Deutsche Bahn und Google haben am Montag eine Kooperation vorgestellt. Künftig zeigt Google auf seinen Online-Karten auch Bahnverbindungen an, für den Nah- und Fernverkehr der Deutschen Bahn. Bisher wurden Routenvorschläge bei dem Google-Angebot in Deutschland nur für Fahrzeuge und Fußgänger gemacht.

Die Routenplanung zeigt Zugnummern und Abfahrtszeiten an, mit einem Klick geht es zur Buchung auf der Website der Bahn. Für den Fernverkehr ist das nützlich, auch wenn Zugverspätungen nicht direkt angezeigt werden. Ein Link führt direkt auf die Verbindung auf der Bahn-Website. Doch für den Nahverkehr ist das Angebot in vielen Fällen unbrauchbar: Weil die U-Bahn in Berlin, Hamburg und München, um nur drei wichtige Großstädte zu nennen, nicht von der Deutschen Bahn betrieben wird, fehlen diese Verbindungen in der ersten Ausbaustufe.

Hier bräuchte Google die Daten der Nahverkehrsbetriebe, die der Deutschen Bahn in vielen Fällen sogar vorliegen, um ein brauchbares Angebot zu schaffen. Das Fehlen dieser Daten hat groteske Folgen.

Nur ein Beispiel: Das Büro von SPIEGEL ONLINE liegt nahe an der U-Bahn-Haltestelle Messberg. Wollte man von dort zum Tennis am Rothenbaum, könnte man mit der U1 zur Hallerstraße fahren und wäre in nicht einmal zehn Minuten dort. Doch Google und die Deutsche Bahn schicken Kunden erst zu Fuß zum Hauptbahnhof (14 Minuten), setzen sie in die S-Bahn zum Dammtor (3 Minuten) und lassen sie dann weiterlaufen. Ergibt als Gesamtreisezeit stolze 36 Minuten.

"Der exklusive Deal mit Google ist ein Nachteil"

Die Deutsche Bahn hat diese Daten zwar, Nutzungsverträge hindern den Konzern aber daran, die Fahrplandaten regionaler Verkehrsgesellschaften einfach an Google durchzureichen. So kommt es, dass die schnellere U-Bahn-Verbindung auf der Website der Bahn korrekt ausgeworfen wird, inklusive Fußmarsch zur Haltestelle: neun Minuten. Google kündigte an, künftig weitere Nahverkehrsdaten anbieten zu wollen.

Abgesehen davon muss sich die Deutsche Bahn fragen lassen, warum sie ihre Fahrplandaten nicht der Öffentlichkeit zur freien Verfügung stellt, sondern nur dem Suchmonopolisten Google den Zugang zur Datenschnittstelle gewährt. Immerhin: Geld ist nach Angaben beider Unternehmen nicht geflossen.

Mit den Fahrplandaten in maschinenlesbarer Form ließen sich interessante Anwendungen entwickeln. Ein Beispiel ist der Zugverspätungsmonitor, der im Auftrag von süddeutsche.de programmiert wurde. Der kommt ohne die Unterstützung der Bahn aus, die Daten werden mühselig von der Bahn-Website zusammengekratzt, mit einem eigens entwickelten Skript.

Der freie Entwickler Michael Kreil, der auch den Verspätungsmonitor programmiert hat, sieht einen großen Bedarf an den Fahrplandaten der Bahn. Er kann sich zum Beispiel eine sogenannte Wheelmap vorstellen, eine App, die bei Verbindungen darauf achtet, dass sie auch von Rollstuhlfahrern genutzt werden können. Oder eine Offline-Version der Bahn-Auskunft, damit man auch ohne Handynetz seine Reise planen kann. All das könnte entwickelt werden - wenn die Daten öffentlich verfügbar wären.

"Der exklusive Deal mit Google ist ein Nachteil", sagt Kreil. Für Konkurrenten wie Microsoft oder Yahoo stelle das durchaus ein Problem dar - von freien Entwicklern ganz zu schweigen. Bei der Bahn heißt es dazu, man arbeite mit mehreren ausgewählten Partnern zusammen, wolle aber eine hohe Qualität sicherstellen. Sollte es bei Auskünften zu Fehlern kommen, würde das schließlich auf die Bahn zurückfallen. Man will sich deswegen aussuchen, mit wem man zusammenarbeitet.

Weil die Deutsche Bahn keine Schnittstelle für alle anbietet, hat Kreil die Fernverkehrsverbindungen mit einem Programm abgerufen und in eine Datenbank gepackt, in einem offenen Format zum Download. "openPlanB" nennt er sein Projekt. Auch Nahverkehr ist zum Teil dabei, etwa für Berlin und Brandenburg. Inoffiziell ist das, ohne Erlaubnis der Verkehrsbetriebe. Die Bahn erklärte zu der Veröffentlichung der Daten im Web, man frage sich, welchen Mehrwert das biete.

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insgesamt 33 Beiträge
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1. Suchmaschinen brauchen dringend alle Nahverkehrsdaten
metzelkater 17.09.2012
Es wird Zeit, das Googlemaps und andere Anbieter die Möglichkeit bekommen, Nahverkehrsdaten in ihr Kartenmaterial und ihre Dienste integrieren zu können. Seltsamerweise scheinen Bahn und Verkehrsbetriebe nur wenig Interesse daran zu haben, diese Daten bereit zu stellen, obwohl es ja auch eine Form der Werbung für ihre Produkte ist. Hier sollte im Zweifelsfalle der Gesetzgeber einschreiten und die Verkehrsbetriebe gesetzlich verpflichten, ihre Verkehrsdaten bereit zu stellen, und zwar in einer standardisierten Schnittstelle. Dazu gehören auch die Verspätungsdaten der Bahn und der anderen Anbieter. Die Bahn gibt selbst auf explizite Anfrage keine Informationen heraus, wie häufig eine Strecke Verspätungen hat und wie groß die im Durchschnitt ausfallen. Dabei sind solche Informationen für Pendler sehr wichtig.
2. Bereitstellung von Daten
ouananiche 17.09.2012
Ich nehme an, wenn ein, zwei Große (z.B. die Bahn) ihre Daten zur Verfügung stellen, kommen die anderen schnell hinterher. In der Schweiz fürht das dazu, dass man kartenbasiert auf fast allen Suchdiensten öffentlichen Nahverkehr - und dort alle Anbieter - suchen kann, bei Google genauso wie bei bing, nokia maps oder search.ch Gruß aus Zürich
3. Ziemlich lückenhaft
kahabe 17.09.2012
Zitat von sysopGoogle arbeitet ab sofort mit der Deutschen Bahn zusammen - und zeigt auf seinen Online-Karten auch Zugverbindungen an. Doch Reisende werden zum Teil in die Irre geführt. Und Experten fragen sich, warum der ehemalige Staatskonzern ausgerechnet mit dem Suchmonopolisten kooperiert. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/google-kooperation-mit-deutscher-bahn-wirft-fragen-auf-a-856215.html
auch im firmeneigenen System der Deutsche Bahn AG. DB Netz (eine Konzerntochter - leider) führt Instandhaltungsarbeiten durch; nun ja, teuer für den Konzern wegen einer völlig überflüssigen Behörde namens Eisenbahnbundesamt. Grob gesagt, also nix mit Finanzierung aus den öffentlichen Haushalten. Die dazu erforderlichen Streckensperrungen oder Fahrplanänderungen erscheinen nicht unbedingt im Personenverkehrsfahrplan (Baustellenhinweise), wenn die vornehmlich im Nahverkehr fahrenden Züge von der Konkurrenz betrieben wieder, z. B. von deutschen Tochterunternehmen europäischer Staatsbahnen. Wieso Google da mit macht, erschließt sich mir nicht.
4. öffi
spon-facebook-10000021845 17.09.2012
Die App Öffi kombiniert schon längst die Daten der Bahn mit denen der Nahverkehrsbetriebe... wie machen die denn das, wenn die Daten der Bahn offiziell nicht vorliegen? Zudem: das Google System ist auch noch im Betastadium... wer bitteschön ist so ver..... dass er glaubt, dass das schon alles perfekt funktioniert?
5. So, indirekt sind die also
hdudeck 17.09.2012
Zitat von sysopGoogle arbeitet ab sofort mit der Deutschen Bahn zusammen - und zeigt auf seinen Online-Karten auch Zugverbindungen an. Doch Reisende werden zum Teil in die Irre geführt. Und Experten fragen sich, warum der ehemalige Staatskonzern ausgerechnet mit dem Suchmonopolisten kooperiert. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/google-kooperation-mit-deutscher-bahn-wirft-fragen-auf-a-856215.html
doch auf die Unterstuetzung der Bahn (ueber Daten von der Webpage) angewiesen. Vielleicht einmal eine Hinweis: Die Bahn ist ein ganz normales Unternehmen, das tun und lassen kann was es will bzw was das Management entscheidet. Dabei spielt es keine Rolle, das es z.Z. der Staat Besitzter ist. Vorrangig ist es das Unternehmensziel, Umsatz und Gewinn zu generieren. Daten sind heute so wertvoll, das sie keiner mehr so ohne weiteres zur Verfuegung stellt. Damit wird Geld verdient. Der Zugverspätungsmonitor ist auch nicht aus Menschenfreundlichkeit entstanden, vielmehr hat sich die Sueddeutsche (Zeitung?) einen Mehrwert davon versprochen, naemlich Reklame fuer ihr eigentliches Produkt. Warscheinlich wird dort auch noch Reklame Dritter geschaltet, was zu Umsatz fuehrt. Warum sollte die Bahn das auch noch unterstuetzen? Die Bahn hat vielmehr das Ziel, potentelle Kunden auf ihre WebPage zu leiten. Mit Google wird das, so weit ich verstanden hab, gewaehrleistet. Es gibt etwas, das wird strategische Zusammenarbeit genannt. Dabei muss nicht umbedingt Geld fliessen. Damit behaelt man den Einfluss auf das Produkt, was von grossen Vorteil ist.
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