Google-Lexikon Knol Mein Wissen für alle

Es muss nicht immer Wikipedia sein. Google startet seine neue Wissensdatenbank Knol, die ganz anders funktioniert: subjektiv statt objektiv, kommerziell, die Autoren bekommen sogar Geld. Zur Premiere gibt es interessante Einsichten - über verstopfte Toiletten zum Beispiel.

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Von einem "Angriff auf Wikipedia" haben viele geschrieben. Von einer kommerziellen Konkurrenz zum Riesenlexikon der Web-2.0-Welt. Von einem potentiellen Killer für das unabhängige Angebot.

Und dann das: Auf der Startseite von Googles neuem Wissensportal Knol stehen gut 50 Artikel. Als wichtigste sind ganz oben ein paar Anleitungen plaziert:

  • Verstopfte Toiletten - Lösungen für die häufigsten Probleme.
  • Zahnschmerzen - Zahnschmerz wird in der Regel als stechender oder anhaltender Schmerz in oder um einen Zahn herum wahrgenommen.
  • Wie man Rucksacktouren macht - von Anfang an.

Die englischsprachige Wikipedia präsentiert zur selben Zeit auf ihrer Startseite mehr als 200 Beiträge mit aktuellem Bezug - Artikel über Radovan Karadzic, Guantanamo und die "Operation Gomorrha", die Bombardierung Hamburgs, die vor 65 Jahren begann.

Google Knol liefert dazu nichts.

Was ist also dran am vermeintlichen Wiki-Killer?

Knol schmeichelt der Autoren-Eitelkeit

Vor allem zeigt der offensichtliche Kontrast zwischen Knol und Wikipedia vor allem eines - dass die Interpretation falsch ist, Google wolle mit seinem neuen Angebot die Internet-Enzyklopädie angreifen. Knol taugt nicht zum Wikipedia-Konkurrenten. Es ist eine Ergänzung.

Die Unterschiede zwischen beiden Plattformen sind groß. Schon der Aufbau der Internet-Adressen ist ganz anders: Ein Artikel zu Typ-1-Diabetes wird bei Knol unter knol.google.com/k/anne-peters/type-1-diabetes abgelegt - bei Wikipedia unter wiki/Diabetes_mellitus_type_1. Sprich: Bei Googles Wissensportal kommt erst mal der Autor. Es gibt nicht einen allgemeinverbindlichen Artikel zu einem Thema. Sondern den von Anne Peters - und theoretisch auch noch einen von jedem anderem Knol-Benutzer.

Knol ermuntert Autoren, Beiträge zu Themen zu schreiben, die schon bearbeitet worden sind. In der Anleitung für Einsteiger schreiben die Macher, man verstehe das Projekt als "Forum, das individuelle Stimmen und Sichtweisen zu Themen fördern soll".

Anders als Wikipedia hat Knol Platz für alle und fast alles

Interessantes Detail: Autoren entscheiden selbst, ob andere Knol-Mitglieder ihre Artikel bearbeiten dürfen. Die Anleitung verspricht, niemand könne in Knol "redigieren, solange Sie es nicht erlauben, oder Ihnen vorschreiben, wie sie über ein Thema zu schreiben haben".

Das klingt nach einem Paradies für Freizeitschreiber, die sich nach etwas Anerkennung sehen, aber keine Lust auf die Redigierkriege ("edit wars") wie auf Wikipedia haben. Dort wird der Platz für neue Texte und neue Autoren knapp. Denn es gibt ja zu einem Thema immer nur einen allumfassenden, abschließenden Artikel, an dem viele Autoren mitschreiben, feilen - und immer häufiger in Streit geraten.

Je weniger Themen auf Wikipedia fehlen, desto stärker rücken die bestehenden Artikel ins Zentrum des Interesses - und desto heftiger werden sie debattiert, ergänzt, überarbeitet.

Die am intensivsten redigierten Wikipedia-Beiträge der vergangenen Tage, Wochen und Monate dokumentiert das Werkzeug Wikirage. Ein Blick in diese Top 100 und die Redigierprotokolle der entsprechenden Wikipedia-Artikel zeigt: Die Veränderungen an vorhandenen Artikeln gehen mit Debatten über winzige Details, minutiöser Recherche und ausgefeilten Argumentationsketten einher.

Natürlich gibt es auch manch erbitterten Streit zwischen Experten und ahnungslosen Besserwissern. Oder einfach zwischen Menschen, die unterschiedliche Ansichten zu einem Thema haben. Denn nicht immer ist eine heikle Frage auf ein Ja oder Nein zu reduzieren, auf einfach zu recherchierende Fakten.

Bei Knol können solche Debatten nicht entbrennen. Neulinge haben viel Platz, um eigene Artikel unter ihrem Namen mit ihrem Foto zu veröffentlichen. Das erinnert an die anfängliche "Jeder kann mitmachen"-Stimmung bei Wikipedia, als viele Themenfelder ganz frisch zu beackern waren.

Google belohnt Knol-Autoren mit Werbeeinnahmen

Statt Autoren mit Adminstratoren, Moderatoren, Löschorgien und ellenlangen Schreibvorschriften einzuschüchtern, will Knol Autoren schmeicheln. Entwickler Udi Manber nennt das im Gespräch mit " Wired" den wesentlichen Unterschied zu Wikipedia: "Ein Artikel wird von einer Person geschrieben. Es ist eine Meinung - und Sie wissen, wer diese Person ist und woher sie kommt."

Bei Knol können Autoren sich über eine Identitätsprüfung adeln lassen. Wer seine Identität von Google per Telefonping oder Kreditkarten-Check prüfen lässt, bekommt ein schickes grünes "Verifiziert"-Abzeichen unters Profilfoto gepappt.

Diese Eitelkeitsanreize bei Knol erinnern an Artikelportale wie Suite101 oder About.com. Ähnlich wie diese Seiten beteiligt Knol die Autoren an den Werbeeinnahmen, die über Anzeigen in ihrem Artikel erzielt werden. Trotzdem lässt sich Knol mit diesen Portalen ebenso wenig gleichsetzen wie mit Wikipedia. Denn bei Knol kann jeder mitschreiben. Bei Suite101 müssen Autoren sich bewerben.

Außerdem stellt Knol es den Schreibern frei, ob sie Anzeigen in ihre Artikel plaziert haben wollen. Bei jedem Artikel darf man außerdem entscheiden, ob man eine Weiterverwendung durch andere Internet-Nutzer unter einer "Creative Commons"- Lizenz erlauben möchte, ob nur unter Autorenangabe, allein auf nicht-kommerziellen oder auf allen Seiten.

Knol spürt Plagiate auf

Das Knol-Konzept ist eine interessante Mischung aus Wikipedia, Blogs und Portalen wie Suite101. Meinung ist erlaubt und erwünscht. Wer schreiben will, dass Dostojewskis "Idiot" ein unerträgliches Werk ist, kann das bei Knol tun. Wer das bei Wikipedia versucht, wird nach ein paar Minuten garantiert mit Löschung der entsprechenden Passagen bestraft.

Abgesehen davon - Knol sieht gut aus. Beim Anlegen und Bearbeiten von Artikeln erinnert die Benutzeroberfläche an eine Mischung aus Blog-Software wie Wordpress und Googles Online-Office Docs.

Dazu kommen kleine, schicke Zusatzfunktionen. So gleicht Knol zum Beispiel den Text von Artikeln mit anderen Dokumenten im Internet ab und liefern eine prozentuale Schätzung für die Übereinstimmung mit den ähnlichsten Seiten. Das funktioniert erstaunlich gut - und liefert in einigen Fällen interessante Links zu Plagiaten.

In der Knol-Anleitung zum Reinigen verstopfter Toiletten gibt Google als "Similar Content on the Web" zum Beispiel einen Link zum Online-Angebot des "Family Handyman Magazine" an - dessen Redaktion hat den Beitrag als Zweitverwertung auf Knol eingestellt. Aber es wird eben auch auf eine chinesische Seite hingewiesen, auf der derselbe Text steht. Ohne Hinweis auf Knol, das "Family Handyman Magazine" oder überhaupt eine Angabe zum Verfasser.

Ob die schicke Oberfläche und die vielen Schmeicheleien für potentielle Autoren Knol Erfolg bringen, ist offen. Fest steht: Einen Eintrag zu Wikipedia gibt es bei Knol bisher nicht.

Aber der Eintrag zu Knol in der englischsprachigen Wikipedia ist laut Wikirage derzeit auf Platz 14 der meistbearbeiteten Beiträge überhaupt.



Forum - Hat Knol eine Zukunft?
insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
mavoe 24.07.2008
1.
Wikipedia
storke 24.07.2008
2. .
Die Wikipedia - samt der weiteren Projekte der Wikimedia - ist in meinen Augen eine der bedeutensten und wichtigsten Errungenschaften der Gegenwart. Die Philosophie ist meiner Ansicht nach DER Grundbaustein für eine bessere Zukunft und Perspektive für die Menschheit als Ganzes, weil sie so fundamental ist, dass sie sehr vielen Problemen vorangestellt werden kann. Ein Vergleich mit "Knol" widerstrebt mir ehrlich gesagt in vielerlei Hinsicht. Wem das nicht offensichtlich erscheint, sollte sich evtl. mal genauer mit den grundverschiedenen Konzepten auseinandersetzen, auf dem beide basieren.
mavoe 24.07.2008
3.
Das ganze Knol-Konzept erinnert mich irgendwie an früher als manche Leute ihre Urlaubs-Diashows begeistert herüberbringen wollten. Ein Bild von 100 war da doch irgendwie OK aber ansonsten: GÄÄHN
jim_beam 24.07.2008
4. knol funktioniert nur, wenn google nachhilft
Zitat von sysopGoogles neuer Dienst Knol sammelt Artikel und Meinungen zu allen möglichen Dingen. Wikipedia oder Googles Wissens-Plattform - welches Konzept gefällt Ihnen besser?
Knol wird keine Wissens-, sondern eine Meinungsplattform. Obwohl einigermassen anarchisch gestaltet, gibt es bei Wikipedia sowas wie einen Redaktionsprozess - dessen kleinster gemeinsamer Nenner: zu einer Sache gibt es bloss einen Artikel, keine "Forks". Des Weiteren wird bei Wikipedia - im Detail zwar umstritten, aber grundsätzlich gegeben - eine Selektion und Gewichtung der Themen vorgenommen. Bei knol gibt es beides nicht, deswegen ist die Vermutung, dass knol im Informationsrauschen des Internets untergeht, wohl plausibel. Webspace oder noch einfacher Web-2.0-Angebote wie Blogs gibt es an jeder Ecke kostenlos hinterhergeschmissen. Warum könnte knol trotzdem interessant werden? Einfache Antwort: Wegen der Hausmacht der Google-Suchmaschine. Wenn Google Interesse daran hat, dass sein knol erfolgreich wird liegt wohl nichts näher, als knol-Inhalte bei den Suchergebnissen der eigenen Suchmaschine nach oben zu scoren. Bei knol zu publizieren könnte also die Chancen, gelesen zu werden, deutlich erhöhen, verglichen mit Blogs anderer Anbieter. Im Grunde funktionieren Wikipedia und knol (bzw. Google insgesamt) wie große Content-Sauger im Netz. Auf diesen Plattformen wird alles an "Wissen" - präziser wäre vermutlich "Information" - gesammelt und konzentriert, was sich on- und offline angesammelt hat. Das System ist im Grunde ein Selbstläufer: je erfolgreicher die Plattform, desto mehr Interessierte werden angezogen, da die Chance, dass die eigene Arbeit wahrgenommen wird, durch die "Marktmacht" der Plattform groß ist. Dasselbe Prinzip funktioniert ja auch bei ebay, amazon etc. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, Alternativangebote wie Wikiweise (Wikipedia-Konkurrenz) oder hood (ebay-Konkurrenz) krauchen am Rande des Wahrnehmungsbereichs herum, da sie keine kritische Masse an Teilnehmern zusammenbekommen. Die sind ja auch alle schon beim jeweiligen Erstling. Google knol hat gegen Wikipedia bzw. aufgrund der hybriden Konzeption gegen etablierte Blog-Anbieter wie schon gesagt vor allem durch Googles Suchmaschine eine Erfolgschance und muss nicht unbedingt das Schicksal der sonstigen Klone erleiden.
pu_king81, 24.07.2008
5. Weltherrschaft ueber Information
Dies ist was Google will! Erst wird die Informationssuche im Netz dominiert und kein Mensch weiss wie die Algorithmen funktionieren und wie stark sie eingefaerbt sind. Dann wird Wissen an sich kontrolliert. Man stelle sich z.B. mal vor: ein amerikanischer "Experte" schreibt einen Artikel zur russischen Revolution. Da ist mir die Wikipedia tausendmal lieber!
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