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Google Maps: Das Katastrophen-Werkzeug

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Die Google-Applikationen Maps, Earth und Street View sind so populär wie umstritten. In Australien zeigt die Technik gerade wieder, wie sie im Katastrophenschutz Leben schützen kann - in den USA, wie man sie mit streitbaren Methoden für politische Zwecke ausbeutet.

Es brennt in Weerite, Murmungee und Murrindindi. Doch wie schlimm ist die Lage gerade wirklich? Ist es sicher, durch Baynton zu fahren? Kann man zurück nach Woodside? Ist die Lage im Bunyip State Park unter Kontrolle?

Mehr als 100 Menschen starben in den vergangenen Tagen in den Buschfeuern im Süden Australiens. Die Rettungskräfte arbeiten längst jenseits ihrer Kapazität. Wenn Katastrophen ganze Landstriche ins Chaos stürzen, ist die effektive Bündelung und Verteilung aktueller Informationen von höchster Wichtigkeit. Auch um die Öffentlichkeit zu informieren - und zu verhindern, dass deren Anfragen die Kommunikationswege weiter belasten.

Früher spielte das Radio diese Rolle, später das Fernsehen. Schnelle Medien, die doch ihre Schwächen haben: Mangelnde Detailtiefe, keine Möglichkeit, das eben Erfahrene noch einmal zu hören. Hat man eine aktuelle Durchsage verpasst, muss man auf die nächste warten - mit potentiell fatalen Folgen.

Auch das Internet ist ein schnelles Medium mit Schwächen. Es verlangt ein aufwendigeres Empfangsgerät und eine funktionierende Infrastruktur. Ist jedoch beides vorhanden, ist es unschlagbar. Das demonstrierten zum Wochenende einmal mehr Programmierer der australischen Dependance von Google, die aktuelle Informationen zur Brandsituation in ein Mashup für Google Maps einfließen ließen. Sie gaben der Flash- Übersichtskarte mit den Brandinfos eine eindeutige Web-Adresse und machten sie öffentlich, das australische Fernsehen ABC übernahm sie zudem für die eigene Webseite.

Seitdem kann sich jeder über dieses visuelle Interface über den aktuellen Status der Brandbekämpfung, über die Gefahrenlage erkundigen - bis hinab nach Redesdale, Victoria, 307 Einwohner, wenn man will oder muss.

Bisher verzeichnet die Geschichte des winzigen Weilers die Eröffnung des Postamtes im Jahre 1865 als größtes Ereignis. Jetzt brennt das Grasland um Redesdale. Am Montagmorgen deutscher Zeit wurde der Brand als unkontrolliert, aber klein gemeldet. Löschfahrzeuge sind noch nicht vor Ort. Es wäre zurzeit wohl kein guter Plan, nach Redesdale zu fahren.

Information auf einen Blick

Das sind für die Betroffenen Informationen von höchster Wichtigkeit. Kein anderes Medium könnte sie so aktuell und detailliert vorhalten. Die Google-Map zoomt hinab ins winzigste Detail. Im 566-Seelen-Städtchen Christmas Hills, rund 45 Kilometer von Melbourne, werden am Montag drei Feuer gemeldet: Eines, direkt im Zentrum, entpuppt sich als Fehlalarm und wird von Google Maps folglich als Grün, also sicher gemeldet. Ein kleines Grasland-Feuer ist unter Kontrolle, ein Löschfahrzeug ist vor Ort. Das Gebiet um die Wallace Road am Nordostrand der Gemeinde aber sollte man derzeit wohl meiden: Dort brennt das Grasland, das in der Gegend gerade verfügbare Löschfahrzeug ist aber noch am Buttermans Track beschäftigt, ein paar Kilometer nordwestlich.

All diese Informationen hätte man sich alternativ auch auf der Webseite der Country Fire Authority CFA, der freiwilligen Feuerwehr des Bundesstaates Victoria, zusammensuchen können. Denn von dort bezieht die Map ihre Daten. Der direkte Vergleich zeigt nur: Die Google Map stellt sie weit zugänglicher und viel leichter zu erfassen zur Verfügung.

Denn der Mensch ist ein visuelles Lebewesen. Eine Liste zu durchsuchen ist mühselig. Zudem wird man Dinge übersehen, die einen nicht direkt betreffen, aber eventuell bald betreffen könnten: Die Karte ermöglicht, nicht nur den eigenen Bereich, nach dem man sucht, zu erfassen, sondern nebenbei auch das Umfeld mit wahrzunehmen. Hey, mag da mancher denken, meine Gegend ist zurzeit zwar sicher, aber in der Nachbarschaft rückt die Katastrophe näher. Auf der Karte ist das nicht zu übersehen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Katastrophenhelfer darauf kommen, Google Maps so einzusetzen. Bereits seit 2005 verfolgt das Central Florida Hurrican Center die Wege heranziehender Wirbelstürme auf Google Maps. Die abstrakte Darstellung macht viel klarer als beispielsweise Wetterkarten, wo der Sturm am schlimmsten wütet - und welchen Weg er gerade nimmt. Prinzipiell lassen sich alle denkbaren geografischen Daten auf eine Google Map übertragen. Das Hurricane-Center veröffentlicht am Jahresende sogar seine Jahresbilanz in dieser Form.

Risiken und Nebenwirkungen

Doch nicht alles, was über das so genannte Maps-API eingebunden wird, ist so sinnvoll. Es gibt Fans, die markieren damit den Todesort ihres Stars (Beispiel: Der Todesort von AC/DC-Sänger Bon Scott, gestorben am 19.2.1980 in einem geparkten Auto auf einer Straße in London). Geschäftsleute lokalisieren gegen Zahlung genealogische Daten. Wetter-Unternehmen nutzen die Maps, um ihre Prognosen einmal anders darzustellen, ein Internet-Dienstleister gibt Auskunft über die aktuellen Benzinpreise in den USA.

All das ist charmant, oft nützlich, zumindest aber harmlos - was man nicht unbedingt sagen kann, wenn die Google Maps für politische Themen genutzt werden. Auch das ist verlockend, wie die Visualisierungen der Wähler-Präferenzen bei der letzten US-Vorwahl zeigten.

Die Maps sind Werkzeug wie Waffe - so, wie man mit einer Gabel Kuchen essen kann oder jemanden erstechen.

Mit Drohungen gegen Leib und Leben haben ganz aktuell Menschen in den USA zu rechnen, die für eine Initiative gegen die Homosexuellen-Ehe in Kalifornien Geld gespendet haben. Das berichtet zumindest die "New York Times", die anonymisiert einen Uni-Professor zitiert, der nicht nur Drohungen erhalten habe. Es seien auch Briefe an seine Vorgesetzten verschickt worden, in denen sein Spendenverhalten angeprangert wurde.

Anonyme Urheber hatten eine Webseite aufgesetzt, über die man auf Google-Karten nachvollziehen kann, wer wo wie viel Geld gegen die Homo-Ehe gespendet hat - und für wen er arbeitet. Möglich ist das, weil in Kalifornien seit 1974 ein Gesetz Spenden ab 100 Dollar veröffentlichungspflichtig macht. Ursprünglich sollte das Korruption verhindern. Das Entstehen des WWW und von Google Maps hat damals niemand geahnt. Doch jetzt lassen sich die komplizierten Listenwerke mit einem Klick und einem Blick erschließen. Es ist fast, als hätte man eine Fahndungskarte veröffentlicht.

Es ist kein Einzelfall, dass Google-Map-Mashups an die Grenze zum unheimlichen Überwachungsregister gehen. Bekannt sind Tracking-Dienste, die in den USA seit Jahren via Google Maps den Aufenthaltsort verurteilter, aus der Haft entlassener Sexualstraftäter erfassen. Diese müssen sich in vielen Staaten melden und werden regional öffentlich gemacht. Die Maps tragen ihre Bilder um die Welt.

Wie gefährlich so etwas ist, wie scharf die Waffe Map-Mashup ist, zeigt ganz aktuell eine Karte, die auf Daten der israelischen Regierung beruht: Sie erfasst und zeigt israelische Außenposten und israelische Siedlungen auf der Westbank. Jede einzelne ist mit detaillierten Beschreibungen über Einwohnerzahlen, Baustrukturen und jene Siedlungsteile versehen, die ohne Genehmigung errichtet wurden. Ob es aufgrund solcher "Steckbriefe" schon zu gezielten Übergriffen kam, ist bisher nicht bekannt.

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Google-Maps-Mashups: Tolles Werkzeug, tolle Waffe


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