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Google-News-Erfinder: "Wir wollen Qualitätsjournalismus aufspüren"

Bereichert sich Google an den Web-Seiten von Online-Medien? Krishna Bharat, Erfinder von Googles Nachrichtenaggregator, erklärt, was die Maschine auswerten soll, warum sie Vielfalt fördert - und wie sie eines Tages Scoops entdecken soll.

SPIEGEL ONLINE: Ein Reporter hat einen Monat lang undercover in Mogadischu gelebt, der Hauptstadt Somalias, schreibt eine Reportage über das gefährlichste Land der Welt, in dem kein anderer Journalist unterwegs ist und aus dem niemand berichtet. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, diese exklusive Geschichte auf Google News zu finden?

Bharat: Gering. Das Ziel des aktuellen Modells ist es, Nachrichten zu strukturieren, die viele Quellen melden. Ein Stück aufwendiger, exklusiver Recherche von einer einzigen Quelle zu einem Thema, über das so niemand sonst schreiben kann, taucht derzeit nicht in Google News auf. Manchmal haben solche Stücke einen Nachrichtenwert, an dem andere Medien nicht vorbeikönnen, und zitieren es. Dann finden Leser solch ein Stück auf Google News.

Google News und sein Erfinder
Krishna Bharat
Der Informatiker Krishna Bharat wurde bei Bangalore geboren, studierte Informatik am Institute of Technology Madras und schrieb eine Doktorarbeit am Georgia Institute of Technology. Er arbeitet seit 1999 bei Google, entwickelte Google News und leitet ein Google-Forschungszentrum in Bangalore. Nachrichten verfolgt er im Büro über Google News, abonniert hat er die "New York Times" ("nur die Wochenendausgaben, wir haben gemerkt, dass wir die Zeitung werktags kaum lesen") sowie "Economist", "New Yorker" und "Atlantic Monthly" ("Ich lese im Büro in Pausen in älteren Ausgaben und entdecke tolle Geschichten, die nicht altern, weil sie exklusiv sind"). Mit der Familie blättert er am Wochenende das Gratis-Lokalblatt "Palo Alto Daily News" durch ("Wir schauen uns an, was los ist – eine soziale Sache, das würde online so nicht funktionieren").
Google News
2002 als englischsprachiger Nachrichten-Sammler gestartet, erscheint Google News heute in 29 Sprachen und wertet mehr als 25.000 Online-Medien aus – davon 5000 in englischer Sprache. In Deutschland erreichte Google News im Mai 2009 laut Nielsen Netratings 2,8 Millionen Unique User. Zum Vergleich: SPIEGEL ONLINE hatte laut den AGOF internet facts in einem durchschnittlichen Monat 5,77 Millionen Unique User. Google gibt an, jeden Monat eine Milliarde Klicks auf die Web-Seiten von Zeitungsverlagen zu leiten.

Niemand muss seine Inhalte von Google analysieren lassen. Bei Google News kann man seine Nachrichtenseite per Web-Formular ausschließen lassen, vor einer Analyse durch Suchmaschinen schützt die Zeile im HTML-Quelltext.

SPIEGEL ONLINE: Google News fördert also Konformität.

Bharat: Nein. Ich war am 11. September 2001 auf einer Such-Konferenz in New Orleans und merkte, wie mühsam es war, Nachrichten aus verschiedenen Quellen zu einem Thema schnell und effizient zu verfolgen. Mir ging es darum, unterschiedliche Quellen und Perspektiven leicht zugänglich zu machen. Ich wollte, dass die US-Öffentlichkeit die Sichtweisen aus Amerika, Europa und dem Nahen Osten liest, bevor eine Entscheidung für einen Krieg fällt. Heute wertet Google News rund 5000 englischsprachige Publikationen aus.

SPIEGEL ONLINE: Und eine Software berechnet, was relevant ist.

Bharat: Wir analysieren und bilden ab, was Journalisten für relevant halten und wie sie gewichten. Wir treffen keine journalistischen Entscheidungen bei der Auswahl der Nachrichten auf Google News.

SPIEGEL ONLINE: Sie nutzen also die Arbeit der Medien kostenlos. Wer profitiert mehr: Google News vom Auswerten der Medien oder die Seiten von der Aufnahme bei Googles News?

Bharat: Google profitiert von Google News vor allem durch die Vielfalt aktueller Inhalte, die wir erschließen. Der Profit durch die Anzeigen ist geringer - die sind nur auf wenigen Seiten in den USA zu sehen. Wichtig ist der Eindruck, dass man zu Google kommen und hier alle Nachrichten finden kann. Der Profit hieraus ist in Zahlen schwierig auszudrücken. Google vermittelt Nachrichtenseiten viele Nutzer: Eine Milliarde Klicks pro Monat im Jahr 2008. Wir binden die News-Treffer auch auf Ergebnisseiten der klassischen Google-Suche ein. Hier erreichen wir Menschen, die gar nicht nach Nachrichten suchen und über Google vielleicht zum ersten Mal auf Nachrichtenseiten kommen. Google vermittelt Nachrichtenseiten neue Unique Users und bringt Wachstum.

SPIEGEL ONLINE: US-Nutzer müssen ja gar nicht weiterklicken, seit Google News Texte von Nachrichtenagenturen anzeigt. Ist das eine Änderung des Konzepts?

Bharat: Wir haben festgestellt, dass viele Links zu verschiedenen Medien tatsächlich auf den immer gleichen Text einer Nachrichtenagentur verwiesen, den Redakteure ohne große Bearbeitung aus den Agenturen in ihr Angebot übernommen hatten. So funktioniert klassischer Print-Tageszeitungsjournalismus. Wir haben uns entschieden, diese kanonischen Quellen einzubinden, mit ihnen die Werbeeinnahmen zu teilen.

SPIEGEL ONLINE: Nachrichten, die überall stehen, sind also wertlos, und Medien sollten sich auf Analyse, Kommentierung, Exklusiv-Geschichten konzentrieren?

Bharat: Ja. Jeff Jarvis sagt: Mach im Web, was du am besten kannst, verlinke den Rest. In den Anfangsjahren des Webs war das so. Ich habe es als Wissenschaftler benutzt, viele Kollegen veröffentlichten Texte über ihre Fachgebiete online und verwiesen auf andere Forscher mit anderen Fachgebieten. Die Link-Ökonomie nutzte allen. Als das Web kommerzieller wurde, sank bei vielen Anbietern die Bereitschaft, auf Inhalte anderer Seiten zu verweisen.

SPIEGEL ONLINE: Aber diese exklusiven Ergebnisse von Eigenrecherche tauchen bei Google News, wenn überhaupt, nicht allzu prominent auf, wie Sie sagten.

Bharat: Eigenleistungen sind nicht nur die großen Reportagen. Journalisten gewichten Nachrichten, ordnen ein. Man darf diese Arbeit nicht trivialisieren. Was die Top-News an einem bestimmten Tag in einem bestimmten Land sind, gewichten Journalisten sehr gut. Und bei vielen Meldungen liefern erst ihre Analyse, Einordnung und Interpretation die Nachricht. Was bedeutet ein konkretes Gesetz für das Land? Es gibt natürlich Fälle, wo die Fakten für sich sprechen - ein Flugzeugabsturz zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Und die Autorenstücke abseits des Mainstreams vernachlässigt Google News.

Bharat: Wir arbeiten an Methoden, um exklusive, einmalige, wichtige Geschichten zu identifizieren, so dass wir eine entsprechende Kategorie auf News einrichten können.

SPIEGEL ONLINE: Sie versuchen also einen Algorithmus zu entwickeln, der Qualitätsjournalismus entdeckt?

Bharat: Es ist sehr schwierig, allgemeinverbindlich zu sagen, was hochwertiger Journalismus ist. Hier ist Personalisierung eine große Chance. Wir können Nutzer werten lassen, und wir müssen weitere Indikatoren finden: Was versenden Leser per E-Mail? Was wird zitiert? Und warum sollen uns eigentlich nicht die Medien mitteilen, was sie aktuell aus ihrem Angebot für exklusiv und hochwertig halten? Es gibt das Sitemaps-Protokoll, mit dem Seitenbetreiber Google erklären, wie ihr Angebot analysiert werden soll. Da könnte man durchaus Information ergänzen wie: Dieser Artikel enthält kein Material von Nachrichtenagenturen, das ist eine Analyse, ein Kommentar, eine Reportage.

SPIEGEL ONLINE: Google News strukturiert Nachrichten bislang nach Orten, Themensträngen, Medien - reicht das? Sollten Sie nicht zum Beispiel angeben können, welche Kritiken einen neuen Film gut, welche ihn schlecht finden?

Bharat: Das könnte sein. Man müsste die Texte analysieren - wie fällt das Urteil aus? Solch eine Textanalyse ist eine sehr, sehr anspruchsvolle Aufgabe. Aber man könnte ja die Google-News-Nutzer einbinden. Sie klicken an, ob die Kritik den Film gut oder schlecht findet.

SPIEGEL ONLINE: Sie binden von Nutzern generierte Inhalte ja schon mittelbar ein, mit Links zu Wikipedia im US-Angebot. Ist Wikipedia eine Nachrichtenquelle?

Bharat: Einige Wikipedia-Artikel sind sehr lange, gute Zusammenfassungen von allen Dingen, die passiert sind. Der Artikel zur Schweinegrippe zum Beispiel liest sich fast wie die Aufzählung von Ereignissen im Geschichtsbuch mit Links zu weiterführenden Artikeln. Bei großen Themen sind solche Überblickstücke in Wikipedia immer frisch. Diese Zusammenfassungen der Vorgeschichte einer Nachricht finden viele Leser sehr nützlich - sie werden häufiger verlinkt und geklickt als eine einzige Nachricht. Es wäre vielleicht eine gute Idee, wenn Online-Medien vergleichbare Hintergrundseiten zu großen Themen schaffen und regelmäßig aktualisieren.

SPIEGEL ONLINE: Das schafft der Google-News-Algorithmus nicht?

Bharat: Wir geben Nutzern Zugriff auf bestimmte Zeitpunkte in einem Nachrichtenstrang, man kann an einer Zeitleiste entlang navigieren. Wir müssen das ausbauen, alte Nachrichtengeschichten wieder frisch machen, wenn sie im Kontext aktuell werden. Wenn in Iran Mitarbeiter der britischen Botschaft verhaftet werden, muss man wissen, dass es dort Wahlen und Demonstrationen gab. Diesen Hintergrund müssen wir verlinken.

SPIEGEL ONLINE: Bei den Demonstrationen in Iran haben viele Medien Twitter als eine Quelle genutzt. Web-Vordenker wie Tim O'Reilly prophezeien das Echtzeit-Web und nennen immer wieder Twitter als ein Beispiel. Muss Google News Nachrichten schneller strukturieren?

Bharat: Ich will, dass Google News schneller wird. Wir hatten lange ein Reaktionsmodell: Schauen, was die Online-Medien veröffentlichen, abwarten, bis genügend Medien eine Nachricht haben, dann veröffentlichen. Früher hat es 30 bis 40 Minuten gedauert, bis wir manche Eilmeldung hatten. In den vergangenen Monaten haben wir diese Zeit auf 10 bis 15 Minuten gesenkt. Noch schneller können wir werden, wenn wir eine Nachricht zeigen, nachdem nur ein oder zwei Medien sie veröffentlichen. Natürlich können wir bei diesem Modell nie die ersten sein. Aber man kann träumen, dass es in der Zukunft vielleicht Technologien gibt, mit denen das möglich ist.

SPIEGEL ONLINE: Welche wären das?

Bharat: (lacht) Als Wissenschaftler muss man über Fragen nachdenken, auf die man die Antworten noch nicht kennt. Das ist die Richtung, in die ich denke. Das ist keine Antwort.

Das Interview führte Konrad Lischka

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