Moderne Kammerjäger Liebe Leserin, lieber Leser,

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wissen Sie, was eine Bananen-App ist? Es handelt sich dabei um Software, die unfertig ausgeliefert wird und beim Kunden reift, der sich dann mit allerlei Fehlern herumschlagen muss.

Einen ziemlich massiven Fall von Bananen-App hat sich Nokia geleistet, jene Firma, die mal weltgrößter Handyhersteller war und dann wie die Titanic absoff. Nokia ist heute ein Netzwerkausrüster, der seit 2016 auch eine Gesundheitssparte mit dem Namen Nokia Health hat. Das Geschäft stammt im Wesentlichen aus der Übernahme des erfolgreichen französischen Unternehmens Withings, das für smarte Körperwaagen, Blutdruckmesser und Schlaftracker bekannt ist.

Nokia Health baute die Withings App zu Nokia Health Mate um - und fast nichts funktionierte mehr. Die Kunden wüteten in Rezensionen: Ihre Geräte seien wertlos, Schriften kaum lesbar, Daten könnten nicht exportiert werden. Zwar reagierte das Unternehmen mit Updates, doch der Ärger hält an.

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Tech-Historie in Berlin: Highlights der Nokia-Geschichte

Das Schlafsystem Aura, welches Nokia nicht fortführen will, bereitet weiter Probleme. Dabei kann es an allen Ecken im Netz noch gekauft werden. Man wolle die App weiter verbessern und eine Art Gesundheitscoach daraus machen, heißt es bei Nokia Health in Frankreich auf Nachfrage. Starb Nokia als Handyhersteller nicht auch deshalb, weil andere bessere Software schrieben?

Google Street View: Deutschland so wie früher

Wenn Sie eine kleine Zeitreise machen wollen, um zu sehen, wie Deutschland vor ein paar Jahren aussah, gehen Sie doch zu Google Maps und klicken dort die Funktion Street View an. Die Bilder stammen aus den Jahren 2008 bis 2010 - seitdem ist nichts passiert. Denn in Deutschland gab es seinerzeit große Proteste gegen das Abbilden der Häuserfassaden.

Zwar ließ am Ende nur rund ein Prozent der Deutschen ihr Haus verpixeln, aber das deutsche Recht fordert eine sogenannte Opt-out-Möglichkeit vor Veröffentlichung. Deshalb lässt Google die Finger von einem Bilderupdate. Dabei würden sich immer wieder Nutzer bei Google darüber beschweren, dass die Bilder von deutschen Straßen so alt seien, heißt es.

Ein Google-Sprecher sagt: "Wir haben derzeit keine Pläne, neues Bildmaterial von deutschen Straßen in Street View verfügbar zu machen. Wir würden gerne aktualisieren, aber deutsche Datenschutzbestimmungen verhindern das leider."

Google-Fahrzeuge fahren trotzdem immer wieder über deutsche Straßen. Durch die Fahrten würde allerdings nur der Kartendienst verbessert werden - Aufnahmen mache man keine. In anderen Ländern aktualisiert Google die Daten von Street View dagegen regelmäßig. Seit Juli sind Fahrzeuge etwa wieder in Österreich unterwegs, um dort Straßen abzufotografieren.

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Seeing AI: Eine App, die die Welt interpretiert

Für Menschen, die an den Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz zweifeln und finden, Software sei noch ziemlich dumm, habe ich noch einen App-Tipp außer der Reihe: Seeing AI von Microsoft. Das Programm ist für Blinde oder sehbehinderte Menschen konzipiert und interpretiert, was die Smartphonekamera aufgenommen hat. Die Ergebnisse sind verblüffend.

Die Software kann das Alter von Menschen schätzen, deren Emotionen interpretieren, das Geschlecht angeben und sogar erkennen, dass ein Schreibtisch unordentlich ist und wie eine Landschaft aussieht. Anhand des Barcodes erkennt sie Lebensmittel oder Medikamente, kann Hinweise und Zubereitungstipps für Mahlzeiten geben. Und Seeing AI kann blitzschnell Text erkennen und vorlesen.

Aber passen Sie auf: Sie können sich schnell unbeliebt machen, wenn die App mal danebengreift und einen Menschen älter schätzt als er ist, oder blonde Haare für graue hält. Die kostenlose App ist aktuell leider nur für Apples iOS verfügbar und kann derzeit auch nur im US-App-Store geladen werden.


Seltsame Digitalwelt: Kammerjäger mit WLAN

Vor kurzem war ich bei einem Schädlingsbekämpfer für eine SPIEGEL-Geschichte. Wir unterhielten uns über Mäuse- und Rattenplagen in Großstädten, Taubenkot an Fassaden und Mottenbefall in Bäckereien. Mein Besuch endete mit der Erkenntnis, dass die Digitalisierung wirklich alles erobert, sogar die Kammerjägerbranche.

Längst findet man nämlich Hightech-Konkurrenz zur altbekannten Schlagfalle aus Holz: Es gibt Mausefallen, die mittels Lichtschranke auslösen und per WLAN-Verbindung einen Alarm aufs Handy senden, wenn eine Maus gefangen und getötet wurde. Und mittels der Smartphone-App iSchädling lassen sich kostenlos Käfer, Motten, Schaben oder andere Eindringlinge bestimmen. Einen sehr analogen Tipp bekam ich auch noch: Mit Käse, so der Fachmann, fange man Mäuse nur schwer. Nutella funktioniere besser.

Die App der Woche: Hurry
getestet von Sebastian Meineck

"Hurry" zählt die Tage und Minuten bis zu einem bestimmten Ereignis. Ungeduldige können mit der App zum Beispiel dem Wochenende oder ihrem Geburtstag entgegenfiebern. Und Vergessliche können sich von "Hurry" an Dinge erinnern lassen, auf Wunsch sogar im Tages- oder Wochenrhythmus. Die gespeicherten Countdowns lassen sich als schicke Widgets auf den Homescreen legen.

Gratis von Sam Ruston, ohne In-App-Käufe: Android

Fremdlink: Drei Tipps aus anderen Medien

  • "The Real Story Behind Elon Musk's 2,6 Billion Acquisition of SolarCity" (Englisch, 25 Leseminuten)
    Ein sehr langer, aber durchaus erkenntnisreicher Text von "Fast Company": Was steckt hinter den großspurigen Ankündigungen von Elon Musk, der nichts weniger tun will, als die Welt zu revolutionieren?

  • "Blockchain im Gesundheitswesen" (25 Minuten Hördauer)
    Johannes Bittner ist Arzt und an der digitalen Zukunft der Medizin interessiert. In dieser Podcast-Folge erzählt er als Talkgast, was die Blockchain im Gesundheitswesen ändern könnte.

  • "How Peter Thiel's Secretive Data Company Pushed into Policing" (Englisch, 20 Leseminuten)
    Die Firma Palantir gilt als geheimnisvoll, der deutschstämmige Peter Thiel ist ihr Hauptinvestor. Geschäftszweck ist die Analyse großer Datenmengen. Hier berichtet "Wired", wie sich die Firma in die Polizeiarbeit einmischen könnte.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche,

Martin U. Müller

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
nein_zur_vds 14.08.2017
1. Jau,
...und das ist gut so. Meine Hütte bleibt verpixelt. Ich lass mit mir drüber reden im Gegenzug zu einer Google 'Board of directors bedroom App
jewill 14.08.2017
2. Fortschrittsfeindlichkeit
Datenschützer und ein paar Kleingeister sorgen zusammen dafür, dass es überall auf der Welt Google-Streetview gibt nur nicht bei uns. Typisch deutsch.
Immerandersdenker 14.08.2017
3. Man sollte endlich mal
etwas dagegen tun. Es kann nicht sein, dass Deutschland so rückständig ist und es auch bleibt. Ich bin weder Google-Freund noch -Feind, ich sehe einfach nur den immensen Nutzen von Diensten wie Google Street View und Maps. Das ist die Zukunft und Punkt. Wer auch immer darauf besteht sein Haus oder seine Wohnung verpixeln zu lassen, tut das aus sturem unnötigem Trotz oder Angst vor Neuem und nicht aus Datenschutz-Gründen.
Bürger Icks 14.08.2017
4. Und
Zitat von Immerandersdenkeretwas dagegen tun. Es kann nicht sein, dass Deutschland so rückständig ist und es auch bleibt. Ich bin weder Google-Freund noch -Feind, ich sehe einfach nur den immensen Nutzen von Diensten wie Google Street View und Maps. Das ist die Zukunft und Punkt. Wer auch immer darauf besteht sein Haus oder seine Wohnung verpixeln zu lassen, tut das aus sturem unnötigem Trotz oder Angst vor Neuem und nicht aus Datenschutz-Gründen.
nicht nur aus Datenschutz, sondern vielleicht auch aus Einbruchspraventions-Gründen. Noch bie von gehört? Haus vorher per Google Street View ausgespäht... Und sonst haben wir doch auch alle so Angst vor Terroristen, deshalb angeblich ja dieser ganze Überwachungswahn. Aber: Mit Google haben Terroristen hier freie Sicht https://www.welt.de/wissenschaft/article1191311/Mit-Google-haben-Terroristen-hier-freie-Sicht.html Was Terroristen können, können Einbrecher auch! Soll ich denen auch noch freiwillig helfen bei mir einzubrechen?
götzvonberlichingen_2 14.08.2017
5. Ach herrje
Zitat von nein_zur_vds...und das ist gut so. Meine Hütte bleibt verpixelt. Ich lass mit mir drüber reden im Gegenzug zu einer Google 'Board of directors bedroom App
Aber in "Real-Life" muss man ihre Hütte leider unverpixelt anschauen. Da haben Sie auch niemanden gefragt ob die Umwelt nicht lieber die platte Wiese anstatt Ihres Hauses ansehen möchten.
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