Künstliche Intelligenz Dieser Herr macht bald Ihren Job

Es ist eine Urangst der Menschen: Maschinen übernehmen die Macht. Google und viele andere Unternehmen arbeiten mit Hochdruck an künstlicher Intelligenz - Prominente wie Bill Gates und Stephen Hawking warnen vor den Folgen.

Von , San Francisco

Maschinen sollen wie Menschen denken können: Prominente Forscher warnen vor dieser Entwicklung
Corbis

Maschinen sollen wie Menschen denken können: Prominente Forscher warnen vor dieser Entwicklung


Die Zukunft der menschlichen Zivilisation liegt vielleicht zu einem Teil in den Händen eines freundlichen, älteren Herren, der vor Rückenschmerzen nicht sitzen kann und alle Unterhaltungen nur noch im Stehen führt: Geoffrey Hinton, Informatik-Professor an der University of Toronto, graue Eminenz auf dem Feld der künstlichen Intelligenz.

Schon vor Jahrzehnten hat Hinton erste Theorien mit einer radikalen Idee formuliert: Dass es möglich sein muss, Maschinen beizubringen, so wie ein menschliches Gehirn zu lernen, zu verstehen - und zu denken. Seine Ideen galten lange als "schwarze Kunst", wie er selbst sagt, "wir galten als durchgeknallte Querdenker". Inzwischen aber werden die Wissenschaftler gefeiert als Stars, als Avantgarde der Forschung, die auf dem Weg ist, intelligente Maschinen zu schaffen. Seit zwei Jahren arbeitet Hinton für Google.

Wenn Hinton erklären will, woran er forscht, wandert er aufgeregt an einer riesigen Plastiktafel auf und ab, die in einem Konferenzraum im Google-Hauptquartier in Mountain View hängt. Er malt komplexe Diagramme und Grafiken auf, die Kortex-Ebenen und künstliche Neuronen symbolisieren. Hinton hat seine Karriere, sein Leben dem Traum gewidmet, Computersysteme zu entwickeln, die organische Intelligenz simulieren. Er wünscht sich Computer, "die menschlicher agieren".

Viel hängt davon ab, wer die klügsten Maschinen baut

Künstliche Intelligenz zu schaffen ist schon lange das große Ziel der Informatik, doch über Jahrzehnte blieben die Fortschritte gering. Das ändert sich nun rasant.

Seit Jahren wird im Silicon Valley an kaum etwas intensiver gearbeitet als daran, Maschinen klüger zu machen. Das sogenannte Machine Learning ist der Kern vieler technologischer Sprünge: Smartphones verstehen Sprache, Roboter können ihre Umgebung besser erkennen und interpretieren, Computer können ein menschliches Genom entschlüsseln, Autos lernen, autonom zu fahren.

Aber das sind nur erste Schritte. Inzwischen wird überall, wo Maschinen im Einsatz sind, daran gearbeitet, sie intelligenter und selbstständiger zu machen. Nicht nur bei Google, sondern auch bei Siemens oder Bosch, Mercedes-Benz oder Zalando. Denn die Zukunft vieler deutscher Kernindustrien vom Autobau bis zur Robotik hängt davon ab, wer die klügsten Maschinen bauen kann. Wer in der Industrie 4.0 und im Internet der Dinge federführend sein will, muss sich vor allem mit Maschinenintelligenz auskennen.

Google hat dabei auf einigen Gebieten einen Vorsprung, nicht zuletzt bei selbstfahrenden Autos: Dem Roboter am Steuer werden Verkehrssituationen nicht einprogrammiert, er lernt sie vor allem selbstständig, indem die Maschine Millionen von Kilometern im Simulator fährt. "Machine Learning ist derzeit ein Hammer für viele Nägel", sagt Christian Plagemann, ein deutscher Ingenieur, der bei Google an virtueller Realität forscht.

Das Gehirn als lernfähige Universalmaschine

Die jüngsten Sprünge gehen dabei wesentlich auf die Arbeit von Geoffrey Hinton zurück. Sein Ansatz, das menschliche Gehirn nachzubauen, genannt Deep Learning, basiert dabei auf einer radikalen Theorie: dass die menschliche Intelligenz auf einige sehr wenige Algorithmen, vielleicht sogar nur auf einen einzigen Algorithmus zurückgeht. Lange glaubte man das Gegenteil, dass es Tausende Quellen geben müsste und dass, wer künstliche Intelligenz schaffen will, entsprechend jeweils komplexe Computersysteme bauen müsste für jede Eigenschaft: Sprache, Logik, Sehen.

Die Theorie vom singulären Algorithmus dagegen basiert auf Experimenten, die vermuten lassen, dass die Gehirnregion, die Sehimpulse von den Augen verarbeitet, auch Hörimpulse von den Ohren verarbeiten kann. Zwar funktioniert das nicht bei Erwachsenen, sondern nur in einem sehr frühen Entwicklungsstadium, aber die Forscher ziehen daraus die Schlussfolgerung, dass das menschliche Gehirn letztlich eine lernfähige Universalmaschine ist.

KI könnte zur Bedrohung für die Menschheit werden

"Wir sind fasziniert von der Idee, dass das Gehirn durchgängig auf die gleiche Art lernt, und dass das auch er Grund ist, warum die Hirnrinde in allen Regionen sehr ähnlich aussieht", sagt Hinton. "Und sobald man einmal herausgefunden hat, wie das funktioniert, macht es keinen Unterschied, ob man einem System das Sehen, Hören, Fühlen oder vielleicht sogar logisches Denken beibringt."

Hintons Forschung arbeitet deswegen vor allem mit der Idee, sogenannte Gedankenvektoren auf unterschiedliche Weise in die neuronalen Netze einzuspeisen: "Wir können unserem Netz antrainieren, dass da ein Hund, ein Baby, ein Sofa ist, und dann erkennt die Maschine, was das bedeutet", so Hinton.

Was wird alles möglich mit einer Maschine, die auch nur ansatzweise das menschliche Gehirn simuliert? Zu viel vielleicht? In den vergangenen Monaten haben mehrere prominente Unternehmer und Wissenschaftler von Bill Gates über Tesla-Gründer Elon Musk bis Stephen Hawking öffentlich gewarnt, dass künstliche Intelligenz zu einer Bedrohung für die Menschheit werden könnte.

Google-Chef Larry Page dagegen hält solche Bedenken für übertrieben: "Ja, wir machen sicherlich Fortschritte in Richtung künstliche Intelligenz, aber wir sind dennoch weit von ihr entfernt", sagte er vor einigen Monaten. Es sei sehr wichtig, sich weiter in diese Richtung zu bewegen: "Denn das Potenzial, die Lebensqualität für uns alle zu steigern, die Welt besser zu machen, scheint mir enorm."

Eine neue industrielle Revolution steht bevor

Google ist so überzeugt vom Potenzial kluger Maschinen, dass der Konzern vor wenigen Wochen sein Machine-Learning-System namens TensorFlow in ein Open-Source-Projekt umgewandelt hat. Dadurch ist ein guter Teil der Google-Forschungen nun öffentlich zugänglich und können von Wissenschaftlern genutzt werden. Der Konzern erhofft sich dadurch noch schnellere Fortschritte.

Schon jetzt ist erkennbar, dass kluge Maschinen auch immer mehr Aufgaben übernehmen, die bislang exklusiv von Menschen verrichtet wurden. Selbst wenn der Pflegeroboter für Altenheime, an dem etwa die Japaner arbeiten, noch weit entfernt scheint, drängen Software und Computer doch bereits immer weiter in die Arbeitswelt vor: Buchhalter, Steuerberater und Sekretärinnen werden schon jetzt immer häufiger von Programmen ersetzt, die ständig dazulernen - ohne jemals müde zu werden.

Manche Experten sind überzeugt, dass eine neue industrielle Revolution bevorsteht. Nur geht es dieses Mal nicht darum, die menschliche Muskelkraft durch Maschinen zu ersetzen, sondern das Gehirn. Hinton sagt: "Es ist wie damals, als es die ersten Dampfmaschinen gab und die Menschen ein Wett-Tauziehen veranstalteten, wer stärker ist. Als das erste Mal eine Dampfmaschine gewann, war es vorbei. Der Mensch hatte nie wieder eine Chance."



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insgesamt 194 Beiträge
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Seite 1
curiosus_ 22.12.2015
1. Wer sich fundiert ...
.... und tiefer mit dem Thema auseinandersetzen will dem wird hier geholfen (Link, anzuklicken): Das Digital-Manifest von neun europäischen Forschern und KI-Experten (Spektrum der Wissenschaft): Die Autoren warnen darin vor ernsten Gefahren für Freiheit und Demokratie durch Big Data und Künstliche Intelligenz – und fordern eine neue Aufklärung für das digitale Zeitalter. Die Süddeutsche Zeitung etwa kommentierte, es sei verdienstvoll, "dass jetzt eine Gruppe renommierter Wissenschaftler in einem Manifest vor einer ungesteuerten Digitalisierung warnt." Die Neue Züricher Zeitung urteilte, "der unaufgeregte, aber intellektuell anregende Text" verdiene unbedingt ein großes Echo. (http://www.spektrum.de/pdf/digital-manifest/1376682)
jerkrussel 22.12.2015
2. Vielleicht...
....eine neue Variante der Evolution? Nicht durch Mutation oder Anpassung sondern durch Entwicklung? Für die Eroberung des Weltalls die ideale Spezies!! Ich glaube ja noch immer an die Vereinigung beider Formen.
Badischer Revoluzzer 22.12.2015
3. Aber dazu fällt mir
noch ein gutes Argument ein: Kann man nicht künstliche Intelligenz Politik machen lassen, in Ermangelung echter Intelligenz? Ein verlockender Gedanke.
cvdheyden 22.12.2015
4. Wie Menschen?
Computer werden nie wie Menschen denken, sie werden es lediglich simulieren. Es wird immer eine Komponente fehlen, von daher gibt es nichts zu befürchten. Die Menschen sind auch ohne die Rechner schon idiotisch genug.
vox veritas 22.12.2015
5. Nicht auf der Höhe der Zeit oder Entwicklung
Knapp vorbei ist auch vorbei http://www.bloomberg.com/features/2015-george-hotz-self-driving-car/
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