Graffiti Anthologie der Wandschmierereien

An Graffiti in Werbspots hat man sich gewöhnt. Dass die "Urban Art" aus dem Untergrund aber nach wie vor am liebsten unter der Brücke praktiziert wird, zeigt "Grafarc.org": Die Webseite archiviert geheime Graffiti-Wände und ihre Veränderung über die Jahre.

Von Verena Dauerer


Blättern wie im Bildband: Das Archiv von "Grafarc.org"

Blättern wie im Bildband: Das Archiv von "Grafarc.org"

Sprayer sehen sich oft als Künstler, im Allgemeinverständnis wird Graffiti jedoch geächtet: Frischen Werken rückt man schnellstens mit einer Ladung Chemie zur Entfernung auf den Leib. Ursprünglich entstanden als Straßenkultur etwa Ende der siebziger Jahre, hat die "Urban Art" zwar als künstlerische Ausdrucksform schon lange ihren Weg in Kunstgalerien und Museen gefunden - sie bleibt aber immer noch ein Akt des Vandalismus. Auch sie ereilte letztendlich das Los aller jugendlichen Subkulturen: Ungefähr Mitte der Achtziger wurde sie kommerzialisiert. Heute schmücken sich nicht nur Läden für Sportswear mit einem Logo, das in Graffiti-Manier gezeichnet wurde.

Dass Graffiti überhaupt von einer Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, lag vor allem an Fotografen wie Martha Cooper von der "New York Post". Sie hatte als erste die Kids auf der Straße bei einem neuen Tanz beobachtet, den sie "Breakdance" nannten und lernte die frühen Sprayer kennen. In ihrem Bildband "Subway Art" lichtete Cooper Anfang der Achtziger die gesprühten Werke auf New Yorker U-Bahnen ab - bis heute ein Standardwerk für Graffiti-Kunst. Erstmals durfte man mit ihr in die "Yards", wo nachts die Züge abgestellt wurden. Sie gewährte Einblick in die "Blackbooks", die Skizzenbücher der Sprayer und katalogisierte die Merkmale ihrer "Tags", der Signaturen unter jedem Graffito.

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Graffiti: Anthologie der Wandschmierereien

Heute ist die Verbreitung über das Internet wesentlich leichter. Bilder illegaler Graffitis an geheimen Orten werden auf Portalen wie Art Crimes ausgestellt - doch eine systematische Archivierung gesprühter Gemälde fand man bislang selten. Die Webseite Grafarc.org dokumentiert nun ausgiebig verschiedene Wände und wie sie seit Ende der Neunziger immer wieder übermalt wurden. Die selbsternannte "Graffiti Archäologie" macht sich gewissenhaft an die Arbeit und sammelt Bilder von Wänden, U-Bahntunneln, verlassenen Häuschen oder Mauerpfeilern aus der San Francisco Bay Area.

Flüchtige Kunstform archiviert

Insgesamt acht Örtlichkeiten sind zu besichtigen, die von verschiedenen Fotografen über die Jahre besucht wurden. Auf einer Zeitlinie kann man sich durch die verschiedenen Jahre klicken und durch die Farbschichten, die die Sprühdosen hinterlassen haben. Wie bei einem Spaziergang navigiert der Besucher von einer Ansicht zur nächsten und kann sich an Bilder heranzoomen.

Interessante Details lassen sich entdecken: Auf der westlichen Innenseite des "Cavern", einer Betonwand finden sich heute nur dünne violette Männchen. Geht man die Jahre zurück, wird man Zeuge eine Großreinemach-Aktion. 1998 kamen die ersten Bilder, die sich wie wild über die ganze Wand fraßen. Erst nebeneinander, später übereinander und immer eine Schicht drüber, wenn sich ein anderer Sprüher verewigen wollte. Es ist eine durchaus gängige Praxis, dass ein Sprayer öfter sein eigenes Graffito übermalt - die ganz und gar auf Flüchtigkeit ausgelegte Kunstform wird schließlich mit darüber definiert.

Nicht für die Ewigkeit gemacht: Ein Graffito ist morgen wieder übermalt
AFP

Nicht für die Ewigkeit gemacht: Ein Graffito ist morgen wieder übermalt

Die "Graffiti Archäologie" will mit der Seite nicht nur Zeitgeschichte archivieren, sie sieht sich als Projekt zum Mitmachen: Sprayer können ihre Werke auf der Fotoblog-Seite flickr zur Diskussion einreichen. Kürzlich wurden der Graffiti-Seite sogar höhere Weihen mit einer Auszeichnung der International Academy of Digital Arts and Sciences zuteil.

Wer sich nun einmal in San Francisco persönlich die echten Vorlagen ansehen will, kann aber nicht einfach an den Orten der urbanen Kunst vorbeischauen. Einen Stadtplan findet man vergebens, die meisten Werke sind eben nicht legal auf die Mauern gesprüht.



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