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Grenzüberschreitungen: Mord vor laufender Kamera

Seit rund dreißig Jahren kursieren Gerüchte über eine Filmer-Szene, die vorzugsweise im Verborgenen agiert: Da werden Menschen vor laufender Kamera getötet, manchmal sogar gegessen. Im Web hat diese Szene neue Vertriebs- und Kommunikationswege gefunden.

Snuff-Film: Der ultimative Horror, völlig handlungslos

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Irgendwann in den achtziger Jahren begann die unbegreifliche Erfolgswelle eines Filmes, der in seiner ungeschnittenen Version nur unter den Ladentheken vorzugsweise schmieriger Videotheken weitergereicht wurde. Auf eine Geschichte hatten die Macher verzichtet: Das Machwerk zeigte nichts als den Tod. Echt, wirklich, in all seinen blutigen Schattierungen. Exekutionen, Verstümmelungen, Folterungen, Detailaufnahmen zerfetzter Körper nach Unfällen, Mordopfer. Nonstop, über 90 Minuten lang.

Der Film wurde weltweit zum unheimlich heimlichen Erfolg. Die Macher produzierten einen zweiten, einen dritten, einen vierten Teil. Es folgte die 150-Minutenversion "Worst of": Je schlimmer, desto geiler empfand und empfindet das eine Szene, die lange weit verteilt und mit vergleichsweise wenig Kontakten zueinander existierte, und seit Mitte der neunziger Jahre boomt und wächst.

Denn 1994 begann der Siegeszug des World Wide Web.

Seitdem stehen vielfältige Kontakt- und Vertriebswege offen. Längst geht das Video, mittlerweile zeitgemäß auch als DVD, vor allem über die virtuelle Ladentheke. Die schauerlichen Sammlungen sind die bekanntesten Filme einer Szene, deren härterer Teil über diese Machwerke fürs breite Publikum nur lacht: Irgendwann waren den Machern die Menschenmorde ausgegangen. Irgendwann zeigten sie auch das Morden von Tieren. Jeder Tod war recht. Mantafahrer-Futter sei das, kommentieren die Harten, Stoff für Luschis, nichts wirklich Hartes.

Denn die wirklich heiße Ware wird nicht über Websites gehandelt, sondern in IRC-Chats, in Usenet-Foren, in geschlossenen Benutzergruppen. Angeblich echte Morde in voller Länge, oftmals als perverser Höhepunkt härtester pornografischer Szenen inszeniert. Wer sich so etwas anschaut, meint der Psychologe Rudolf Egg im Interview mit SPIEGEL ONLINE, ist noch nicht unbedingt krank, "aber es geht in die Richtung".

"Snuff" nennt man solche Filme, und sie haben Fans. Die verweisen stets darauf, dass dies alles nur Film sei, und die meisten einschlägigen Videos sind tatsächlich Fälschungen. Ihren Kick aber beziehen solche Filme, Geschichten und Bilder aus der Tatsache, dass nie so richtig klar ist, wo Inszenierung endet und Realität beginnt. Auch Deutschlands Polizeibehörden halten sich da bedeckt. Gerüchte um echte, gefilmte Vergewaltigungen und Morde kursieren seit 1969: Da ermordete Charles Manson angeblich vor laufender Kamera Sharon Tate - die Filme wurden nie gefunden.

Doch es gibt sie, die Funde, auch wenn die Fahnder nicht gern darüber sprechen: 1998 untersuchten deutsche Kriminalbeamte den angeblichen Mord an einer Prostituierten, der nur durch einen Film belegt war. Gefunden wurde der Streifen im Internet, wo er zum Kauf angeboten wurde. Die Frage der Echtheit wurde von der Polizei nie beantwortet.

"Eaten alive": Kannibalismus als Dauerthema von Billigstfilmen

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Hinter vorgehaltener Hand erzählen Fahnder, dass es zahlreiche Fälle gäbe, vor allem im Kontext mit Kinderpornografie: Morde an Babys und Minderjährigen. Details würden mit Rücksicht auf die Familien zurückgehalten. Weniger zurückhaltend war 1997 ein überführter Kinderschänder in Großbritannien: Er persönlich habe fünf Filme gesehen, in denen Kinder und Babys getötet worden seien. Im Netz bringen solche Filme 2000 Euro und mehr pro Download. 2000 Euro Kopfgeld für ein vergewaltigtes, ermordetes Baby.

Wenn klar wäre, das alles nur "gespielt" ist, wäre Snuff langweilig

Das ist wahrer Snuff, doch die Grenze ist fließend. Das Thema wird im Usenet und etlichen IRC-Chats völlig offen diskutiert, unter Fans und Gegnern. Erstere argumentieren, hier würden doch nur Horror-Phantasien inszeniert, nichts sei echt. Gegner entgegnen, dass die Grenze eben zu oft überschritten werde.

Genau darum geht es: Grenzverletzungen.

In spezialisierten Foren werden Phantasien ausgetauscht. Snuff-Comics, eine extrem gewalttätige Variante der Manga, sind die erste Stufe, die Phantasien an der Grenze des Mach- und Fassbaren in Szene zu setzen. Es folgt der schlecht gemachte Film, der "bessere", darauf der Film, der so gut ist, dass man nicht mehr weiß, ob er echt ist oder nicht. Am Ende steht der ultimative "Special-Effekt": die perverse Ausweidung eines frisch geschlachteten Menschen.

Wer im Web danach sucht, wird fündig. Und ja, es gibt auch Kontaktanzeigen, die mit dem Grenzgang spielen: "Ich habe mein Leben satt", schreibt eine junge Frau in einem Bulimie-Forum, "und suche jemand, der mich isst". Andere suchen in PC-Supportgruppen, in Sado-Maso-Gruppen, immer wieder in Bondage-Foren. Ja, es gibt sogar Kannibalismus-Foren, die sich ganz offen auch so nennen.

Mit dieser ganz speziellen Phantasie des Gequältwerdens, der abschließenden Tötung, des Kannibalismus spielen vornehmlich Frauen. Die Suchenden am anderen Ende sind zumeist Männer.

Einer beschreibt, dass er seine Frau beim Geschlechtsverkehr gezielt verbrenne. Teil des "Spiels" sei ein Ofen. Ihren sexuellen Kick beziehe sie daraus, dass sie nie wisse, "ob sie den Akt überlebt". Ob er sie am Ende esse. So geht das über vier lange Seiten, in allen Details.

Solche Phantasien finden sich in Hetero- wie Schwulenforen gleichermaßen, weit häufiger aber sind sie an anderen Orten. Wie beim Film beziehen auch diese Internet-Aktivitäten ihre Spannung aus der Frage, wo die Grenze liegt, wer sie überschreitet: Wo endet die Phantasie, wo beginnt der echte Mord?

"Die Menschen", sagt Psychologe Egg, "müssen sich schon fragen, was ihnen daran gefällt. Wenn sie solche Phantasien haben, müssen sie sich fragen lassen, was das eigentlich über ihre Person und ihre sexuellen Bedürfnisse aussagt".

Nachrichten wie die vom kannibalischen Mord in Hessen sind erschütternd. Wäre die vom Täter gefilmte Szene, vielleicht in leicht abgemilderter Form, Bestandteil eines Hollywood-Streifens gewesen, hätten Millionen Filmfans noch Jahre mit angenehmen Schauder davon gesprochen. Stichwort Hannibal Lector: So dünn ist die Grenze in unserer Kultur. Schnell überschritten.

"Jemand, der auf einem Berg lebt", sagt der Medienpädagoge Jo Groebel, "wird nie auf die Idee kommen, ein Boot zu bauen". Was heißen soll: Mediale Anregung mag Auslöser von Taten sein.

Das Problem beginnt nicht im Web, sondern im Kino, in der Alltagskultur, irgendwann im Kopf der kranken Täter. Aber es hilft auch kein Herumreden: Das Internet befördert die Verbreitung von Inhalten, die nicht verbreitet werden sollten. Das Web hat Snuff potenziell massenmarktfähig gemacht, weltweit. Technisch ist das Problem nicht zu lösen, sondern nur gesellschaftlich: Die Frage ist nicht, wie so etwas zu zensieren wäre, sondern was man unternehmen muss, damit Menschen sich solchen Müll erst gar nicht ansehen wollen.

Denn bestimmt wird dieser perverse Markt von Angebot und Nachfrage: Echter, tödlicher Snuff entsteht nur, weil Menschen ihn kaufen. Tatsache ist aber, dass zu viele Menschen so etwas sehen wollen.

Wie dünn die Grenzlinie zwischen der durchaus nicht unmenschlichen Lust am kontrollierten Grauen und krankhaften Exzessen ist, zeigt keine Szene deutlicher, als die so genannte Gore-Szene. Sie rekrutiert ihr Publikum über das Web und erreicht unendlich viele Menschen da, wo diese stets online sind: im Büro.

Weiter zu: Gore: Die kulturlose Zone

Frank Patalong

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