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Flüchtlinge in Griechenland: Start-up-Gründer helfen auf ihre Art

Von Viktoria Kleber

Junge Unternehmer fahren mit einem Segelboot zur griechischen Insel Samos. Sie wollen Geflüchteten helfen. Sie entwickeln die Webseite first-contact.org, versorgen die Menschen mit wichtigen Informationen. Doch damit geht die Arbeit erst los.

First-contact.org: Fluchthilfe im Netz Fotos

Geflüchtete irren auf den langen Landstraßen der Insel Samos umher. Immer wieder treffen die Gründer auf sie. Es sind viele Familien dabei, kleine Kinder. "Schlepper setzen sie oft auf der anderen Seite der Insel aus", sagt Henrik Matthies. Von dort sei das Weiterkommen schwierig. "Manchmal wissen sie auch gar nicht, auf welcher griechischen Insel sie genau sind."

Henrik Matthies, junger Gründer aus Berlin, fuhr im August mit 17 Kollegen aus Deutschland, Griechenland und Südafrika auf die griechische Insel Samos - mit einem Segelboot. Die meisten der Unternehmer hatten bis dahin wenig mit Flüchtlingen zu tun. "Alle waren geschockt, als sie das Ausmaß der Katastrophe sahen", sagt die Initiatorin Paula Schwarz. Schnell war klar, sie wollen helfen. Und zwar auf die Weise, wie Start-up-Macher es am besten können: schnell, unkompliziert, produktorientiert. Ihr Projekt nennen sie das StartupBoat.

Flüchtende brauchen einfache Informationen

"Welche Bedürfnisse haben die Geflüchteten - das war der erste Schritt", sagt Paula Schwarz. Die deutschen Gründer unterhalten sich mit vielen von ihnen, auf der Straße, am Hafen, im Supermarkt und stellen schnell fest: Es sind Informationen, die fehlen.

Wo bekomme ich eine Sim-Karte? Wo kann ich übernachten? Wo gibt es günstige Lebensmittel? Und vor allem: Wie komme ich weiter? Auf einer Webseite, die sie später first-contact.org nennen, tragen sie die Informationen zusammen. Auch ein U-Bahn-Plan von Athen ist hier zu sehen - die griechische Hauptstadt, der nächste Knotenpunkt, der die meisten Geflüchteten ins nördliche Europa weiterbringen soll.

Die Webseite auf Deutsch, Englisch und Paschtu

Die Informationen auf der Webseite gibt es nicht nur auf Englisch, sie haben sie auch auf Arabisch und Paschtu - eine Sprache in Afghanistan und Pakistan - übersetzen lassen. Mehr als 8000 Zugriffe hatte die Seite in den vergangenen 30 Tagen, Tendenz steigend. Damit noch mehr Flüchtende davon erfahren, posten sie ihre Seite in verschiedenen Gruppen auf Facebook. Sie überlegen, Aufkleber drucken zu lassen, die sie in türkischen Schlepperhochburgen verteilen könnten, wo besonders viele Syrer ihre Reise übers Mittelmeer beginnen. Ein weiteres Problem bleibt für viele aber der Zugang an sich: Ohne Strom fürs Handy, einen mobilen Internetzugang oder WLAN geht es nicht.

Rund 800 Geflüchtete kommen täglich auf Samos an und mit der großen Welle, die vor dem Winter noch loszieht, werden es auch hier Tag für Tag mehr. Die Behörden auf der Insel sind überfordert - doch bei Weitem nicht so wie auf anderen griechischen Inseln, Lesbos oder Kos. "Wir müssen helfen", sagt Natalia Kristali, junge Unternehmerin aus Athen, "Und zwar wir alle. Griechen, Deutsche, alle Europäer."

Abdel Rahman Alali hat es schon bis nach Deutschland geschafft. Vor einem Jahr ist der Kinderarzt in Berlin angekommen. Seine Reise dauerte sieben Monate. "Solche Informationen sind Gold wert", sagt er. "Ich bin vielen Menschen auf der Flucht begegnet, die Angst vor uns hatten. Oder uns nicht helfen wollten." Das Internet kann immer helfen und zum treusten Begleiter auf der Flucht werden.

Andere Inseln wollen nun auch eine Webseite

"Der Bürgermeister der Insel Samos hat sein Okay gegeben und die Aktion gutgeheißen", erzählt Paula Schwarz. Andere Inseln wollten nun auch so eine Webseite. Dass die jungen Gründer mit Samos begonnen haben, liegt daran, dass Paula Schwarz Halbgriechin ist. Sie hat die Ferien ihrer Kindheit auf der Insel verbracht. "Es ist ein Ort, den ich Heimat nenne", sagt Schwarz.

Über 50 Anfragen von Institutionen und Helfern auf anderen griechischen Inseln gab es bereits. Viele von ihnen schreiben über das Kontaktformular der Seite. Doch darüber erreichen sie auch andere Nachrichten. "Wir bekommen viele Anfragen von einzelnen Flüchtenden, die auf Samos stranden und um Hilfe bitten", sagt Paula Schwarz. Das können die Initiatoren von first-contact.org aber nicht leisten. "Die leiten wir dann an lokale Helfer weiter, das funktioniert bislang ganz gut."

Auf lokale Hilfe sind sie auch angewiesen, wenn es um das Aktualisieren der Webseite geht. Regelmäßig gibt es neue Informationen, beispielsweise die über kostenlose Übernachtungsplätze. Deshalb ist Paula Schwarz mit ihren Freunden auf Samos in Kontakt. Viele von ihnen sind Aktivisten. Sie geben Aktuelles weiter. Schließlich, so sagt sie, gehe es ihnen allen um eines: dass die Flüchtenden schnell weiterkommen. "Wir wünschen euch das Beste für eure weitere Reise" - das steht auch auf der Webseite.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Rettet den Kapitalismus!
traeumer 21.09.2015
Jungunternehmer kriegen es tatsächlich gebacken, eine Informations-website für Flüchtlinge zu basteln. Das clevere Setzen auf die Hilfsbereitschaft der Menschen und das richtige Marketing (danke, SPON!) werden sicher zu den gewünschten Donate-Button-Clicks auf der website führen. Der Kapitalismus als unmenschliches Fehlkonzept, wie ihn so mancher Neider als eigentlichen Urheber der Flüchtlingskrise betrachtet, ist damit offiziell vom Tisch! Hurra!
2. viele Infos, damit sie bloß schnell weiterziehen, oder?
KlausP22 21.09.2015
Zitat: "Schließlich, ... gehe es ihnen allen um eines: dass die Flüchtenden schnell weiterkommen." Ein Start-Up will ja eigentlich Geld verdienen mit neuen Ideen. Handelt es sich also um ein Schlepper-Support-Start-Up, oder wie wird da Geld verdient? Oder ist es doch gar kein Start-Up sondern nur eine Art Ehrenamtliche Hilfsorganisation? Und natürlich ist der Bürgermeister der Insel voll für solche Informationssammlungen. Je besser die ankommenden Flüchtlinge informiert sind, desto schneller sind sie auch wieder von seiner Insel runter und damit nicht mehr sein Problem. Wahrscheinlich ist die Insel ja auch eine sehr gefährliche Gegend in der man, wie in ganz Griechenland, nicht sicher ist und wo ständig Kriegshandlungen ausbrechen können. Asyl will und muss da keiner beantragen. Also auf auf auf ... und weiter ins gelobte Merkelland. Jetzt auch NEU mit Start-Up Support! Bald auf jeder griechischen Insel und in vielen Schlepperhochburgen.
3. Gute Idee
hammadi 21.09.2015
Google könnte sich ja überlegen ebenso wie den Verkehr anzuzeigen, wo eine Fluchtroute momentan versperrt ist und wo nicht. Dann müsste man nicht solche traurigen Bilder sehen, wie von den Grenzen in Ungarn und Kroatien. Das ganze kombiniert mit einem Routenplaner für öffentliche Verkehrsmittel und den Schlepperbanden wird das Handwerk gelegt. Ich finde es gut wenn Menschen in Not geholfen wird und nicht immer nur an Profit gedacht wird. Und falls jetzt der Aufschrei kommen sollte sei gesagt, diese Menschen werden uns sowieso erreichen, wenn sie weniger traumatisiert sind ist das gut für uns alle.
4. Sporadisches Stimmungsbild
Ursprung 21.09.2015
Wer haette damit gerechnet, dass die Insel Samos (Kos, Lesbos, Kalymna und andere verschlafene Antikzentren) nach vielen Tausend Jahren wieder zu einem Brennpunkt europaeischen Geschehens werden koennte? Samos, Insel der Einsamkeit nach Pythagoras Bluetezeiten, des faulgaerigsten Hafenwassers Griechenlands, nun Durchgangsstation fuer Nahostvertriebene statt Touristen, Tuerkei mitsamt diesem obskuren Erdogan nur einen Steinwurf ueber Wasser weg. Natuerlich ist dem Buergermeister dort geholfen, wenn ihm private startups helfen, seine Sonderjobs zu tun, die mit dem bisherigen beschaulichen Tagesablauf auf der Insel nichts aber auch gar nichts mehr zu tun haben. Ein Lob fuer die Gestaltungskraft neoliberalen Weltmarktgeschehens: ohnedem wuerde Griechenland weiter vergessen ohne Tsipras und Fluechtlingen im flirrenden Licht der Kuesten medienunbeachtet rumdaemmern, deutsche Passinaber mit Nazis statt Fluechtlingshelfern gleichgesetzt werden, die mentale Bewegungslosigkeit in den zentraleuropaischen Altersbezirken zu- statt abnehmen. Europa wuerde ohne neue Fluechtlinge irreversibel verkalken wie weiland die Neandertaler. Auf den britischen Inseln wirds aber laenger dauern, obgleich die dank einem Bahntunnel wieder an den Kontinent angeschlossen sind.
5. Grenzwertig
olafjens 21.09.2015
Menschen die bereits unterwegs sind zu unterstützen ist die eine Sache. Wenn aber in relativ sicheren Fluchtländern Informationen zur möglichst schnellen illegalen Einreise nach Deutschland verbreitet werden hört mein Verständniss auf. Danach stellt man sich dann hin und sagt: Die Menschen kommen ja sowieso. Dann brauchen wir auch keine Schlepper mehr verfolgen. Das Deutschlands führendes Leitmedium das Ganze so hymnisch bejubelt, macht es auch nicht besser.
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