Grimme Online Award 2015 Grimme Online Award für YouTube-Kanal und "Tagesspiegel"

Es ist die wichtigste Auszeichnung im Online-Journalismus. In Köln wurde der Grimme Online Award vergeben - unter anderem an einen mutigen YouTube-Kanal und einen Newsletter schreibenden Chefredakteur. Alexander Gerst ging leer aus.

Checkpoint: Der Newsletter des "Tagesspiegel" sei "Pflichtlektüre"

Checkpoint: Der Newsletter des "Tagesspiegel" sei "Pflichtlektüre"


25 Nominierte und die Aussicht auf maximal acht Preise: Am Donnerstagabend wurden in Köln die Grimme Online Awards vergeben - eine der renommiertesten Auszeichnungen für besonderen Journalismus im digitalen Zeitalter.

Kategorie Information

"Checkpoint", ein Newsletter des "Tagesspiegel"-Chefredakteurs Lorenz Maroldt, ist in dieser Kategorie ausgezeichnet worden: "Innerhalb von wenigen Monaten hat sich 'Checkpoint' zur Pflichtlektüre entwickelt", befand die Jury. Maroldt kommentiert allmorgendlich pointiert die Berliner Politik, legt sich mit Mächtigen an, gibt Tipps zum Tag und hält über aktuelle Entwicklungen in Berlin auf dem Laufenden. Das Projekt gebe eine Antwort auf die Frage, wie lokaler und vielleicht auch sublokaler Journalismus im Netz aussehen kann. In der digitalen Nachrichtenflut wird der Newsletter für die Leser zum verlässlichen Ankerpunkt und ist Begleiter in den neuen Tag", sagt die Jury.

Nur ein paar Kilometer weiter, im achten Berliner Bezirk, hat sich das ehrenamtliche Team von neukoellner.net auch dem lokalen Journalismus verschrieben: Es finden sich Themen wie Stadtspaziergänge und Restauranttests ebenso wie Berichte aus dem Obdachlosencafé oder von der Bürgermeisterwahl. Laut Jury bleibt neukoellner.net auf Augenhöhe mit den Bewohnern des Viertels und begleitet Themen wie die Gentrifizierung kritisch und fair zugleich. "Das Angebot erzeugt die Wiederbelebung zivilgesellschaftlicher, nachbarschaftlicher Kommunikation - offenbar sogar mit Ausstrahlung auf analoge Begegnungen. Hinter dem Projekt verbirgt sich eine authentische Bottom-up-Bewegung - der Graswurzeljournalismus, von dem andere sonst nur reden."

Außerdem wurde "MH17 - Die Suche nach der Wahrheit" prämiert, eine Webreportage des Recherchebüros Correctiv über den Absturz des Passagierflugzeugs über der Ostukraine. Die Jury würdigte das Projekt als Beispiel für klassischen Journalismus mit digitalen Erzählmethoden. Die Reportage ist das Ergebnis einer monatelangen Vor-Ort-Recherche des unabhängigen Rechercheteams, das sich über Spenden und Stiftungen finanziert. Es ist eine packend erzählte Geschichte, die geolokalisierte O-Töne, kurze Videosequenzen, Karten und Grafiken sowie einen umfangreichen Text zu einem schlüssigen Ganzen vereint und die von anderen frei verwendet werden darf. Die Jury: "Wir würdigen es als Beispiel für die zahlreichen Beiträge hoher publizistischer Qualität, die das gemeinnützige Recherchebüro Correctiv auszeichnen, und die es anderen Medien zur Verfügung stellt."

Kategorie Wissen und Bildung

Nur ein Preis in dieser Sparte: Der geht an "netwars/out of CTRL", eine interaktive Webserie über einen drohenden Cyberkrieg. Cyberattacken gebe es schon seit vielen Jahren, sagte einer der Macher. Die Webdokumentation wolle klarmachen, dass dies jeden betreffe, zeige aber auch, wie man sich schützen könne. Das Projekt zeichne ein stimmiges und realistisches Zukunftsszenario eines Cyberkriegs, so die Jury. Es sei interaktiv in Text und Bild und biete Expertenmeinungen mit O-Tönen , zu denen man direkt auf Twitter antworten könne. "Es liefert dabei aber auch Hilfe zur digitalen Selbsthilfe, wenn es darum geht, die eigene Internetnutzung sicherer zu gestalten."

Kategorie Kultur und Unterhaltung

Gleich vier Preise vergab die Jury hier diesmal: Freuen durften sich die Macher der Arte-Webreportage "Polar Sea 360°", die den Klimawandel unmittelbar erfahrbar machen will. Der Nutzer kann dabei selbst entscheiden, was er sich näher ansehen möchte. "'Polar Sea 360°'", urteilt die Jury, "macht den Klimawandel sichtbar und ermöglicht - eindrücklich auch per zugehöriger Smartphone-App und mit Virtual-Reality-Brille - ganz genau hinzuschauen, wie sich die Erde wandelt."

Das Städel-Museum bekam einen Award für geschickt aufbereitete Hintergrundinformationen zu einer großen Ausstellung: das Digitorial "Monet und die Geburt des Impressionismus". Die spielerische Komponente, die in der Wissensvermittlung bereits etabliert ist, hat das Städel Museum nun auch in die Kulturvermittlung transportiert und führe mit einer ungewöhnlichen Leichtigkeit an die Kunst heran. "Während immer mehr Museumsportale geballte und des Öfteren überbordende Informationsberge aufschichten, besticht das Digitorial durch die Reduktion auf eine Epoche und seine Maler, von Monet bis Renoir", so die Jury. Der gezielte Einsatz von Technologien leite den Blick dabei spielerisch auf die wichtigen Details. So könne der Besucher die Geschichte dieser Kunstepoche ganz für sich und im eigenen Tempo entdecken.

Auch das Videonetzwerk "Hyperbole TV" ist ausgezeichnet worden. Der YouTube-Kanal besteche durch Witz und eine frische Professionalität, befand die Jury. Einer der Macher sagte, "Hyperbole TV" tue, was die Öffentlich-Rechtlichen nicht tun könnten, nicht tun wollten oder nicht tun dürften. Es lädt zum Surfen, Staunen und Schmunzeln auf verschiedenen Kanälen ein - als Teil eines Forschungsprojektes der Leuphana Universität Lüneburg. Das Webvideo-Angebot verbindet gesellschaftlich relevante Themen mit Unterhaltung und Witz. So "bieten die Macher ihrem Publikum zielgruppengerechte Informationen, Unterhaltung und vor allem: Diskussionsstoff", schreibt die Jury in ihrem Statement und ergänzt: "Aktuelle Themen werden pointiert und modern in Bewegtbild übersetzt, der Diskurs dazu über sämtliche Social-Media-Kanäle angefeuert und das Feedback wiederum in die eigenen Formate eingespeist."

Ebenfalls in der Kategorie "Kultur und Unterhaltung" prämiert wurde das Web-Special "Mamour, mon amour" über die Geschichte einer Liebesbeziehung zwischen einer Schweizerin und dem Senegalesen Mamour, der ohne Papiere in der Schweiz lebt. Simultan zur Liebesgeschichte, die sich nach und nach entfaltet und erst am Ende aufgelöst wird, wird auch der Nutzer erst dann erlöst, wenn er sich durch sämtliche 161 Einzelfolien geklickt hat. "Diese Geschichte zieht einen in ihren Bann", so die Jury.

Kategorie Spezial

In diesem Bereich vergab die Jury in diesem Jahr keinen Preis, wodurch der Astronaut Alexander Gerst mit allen hier Nominierten leer ausging - er war für seine Twitter- und Facebook-Beiträge aus dem Weltraum nominiert worden.

Aus allen Kategorien wurde der Sieger des Publikumspreises ermittelt: Beim Voting setzte sich die YouTube-Reihe "Shore, Stein, Papier" durch. In mehr als 300 Folgen berichtet hier der Ex-Junkie Sick aus seinem Leben als Süchtiger. Auf die Plätze zwei und drei wählte das Publikum die Multimedia-Reportage über das Münsteraner Original "Onkel Willi" und den Newsletter "Checkpoint".

Der nicht dotierte Grimme Online Award zeichnet seit 2001 deutschsprachige Online-Angebote aus. Moderatorin Sandra Rieß nannte ihn den wichtigsten deutschen Preis für "qualitativ hochwertige Internetangebote".

mia/dpa



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Oliver Hartwig 19.06.2015
1. Preis für sportliche Fairness für Spiegel online
…und dass die meistgelesene Online-Redaktion Deutschlands hier alle Gewinner so ausführlich würdigt ist einen Spezialpreis wert - für Fairplay.
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