Grimme Online Award Der Pannen-Preis

Die Sieger stehen vorab im Netz, Blogger wittern Mauschelei – der Grimme Online Award kämpft in diesem Jahr mit vielen Pannen. Preisträger Stefan Niggemeier zweifelt, ob er die Auszeichnung überhaupt annehmen soll.

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Gestern Abend erfährt der Blogger und Medienjournalist Stefan Niggemeier, dass er den Grimme Online Award gewonnen hat. Nicht vom Adolf-Grimme-Institut, sondern aus einem Kommentar in seinem Weblog. Da gratuliert um 22:37 Uhr schon eine Leserin – zwei Tage vor der offiziellen Bekanntgabe der Gewinner. Judith schreibt: "Dem Grimme Institut ist der peinliche Fehler unterlaufen, dass es heute, bereits die Preisträger online gestellt hat." Der Kommentar des Preisträgers: "Kann bitte jemand den Grimme Online Award aus den Händen dieser Organisatoren befreien?"

Eine Reihe umstrittener Nachnominierungen und böser Blog-Kommentare ist diesem Höhepunkt der Peinlichkeit vorausgegangen. Angesichts dieser Pannenserie ist Niggemeier unsicher, ob er den Preis annehmen soll, wie er zu SPIEGEL ONLINE sagt. Einerseits wolle er nicht dazu beitragen, dass die ganze Debatte noch hysterischer werde. Aber: "Andererseits kann ich mir, nach allem was in diesem Jahr schiefgelaufen ist, nur schwer vorstellen, wie ich auf der Bühne stehe, den Preis entgegen nehme und unbeschwert sage: 'Ich danke auch meinen Eltern und der Jury.'" Die größten Pannen im Überblick:

Sieger vorab im Netz

Wie die Liste mit den Gewinnern schon gestern gegen 23 Uhr auf die offizielle Preis-Webseite kam, erklärt Katrin Bernsmann, Sprecherin des Adolf-Grimme-Institut so: Schuld sei eine falsche Dateiverknüpfung im Content-Management-System. Bernsmann zu SPIEGEL ONLINE: "Ob nun das System gehakt hat oder versehentlich ein falscher Link aktiviert wurde. Fakt ist: Wir haben die Panne verschuldet und es tut uns leid."

Ein Online-Preis, der mit seinem Content-Management-System kämpft? Preisträger Stefan Niggemeier kommentiert das gegenüber SPIEGEL ONLINE so: "Ich erwarte von den Organisatoren eines Preises, der professionell gemachte Internetangebote auszeichnen will, schon eine gewisse eigene Professionalität. Das ist denen dieses Jahr nur so mittel gelungen."

Publikums-Sieger noch am letzten Wahltag veröffentlicht

Ein merkwürdiges Detail: Auf der Siegerliste vom 18. Juni stand auch der Gewinner des Publikumspreises, hausgemacht.tv. Eigentlich sollten Internet-Nutzer über diesen Preis bis zum 18. Juni abstimmen können. So steht es noch immer bei TV Spielfilm: "Wie in jedem Jahr konnten außerdem unsere Leser - bis zum 18. Juni - ihren Favoriten für den Publikumspreis aus den Nominierten auswählen."

Die Organisatoren bestreiten, dass hier spät abgegebene Stimmen nicht mehr gezählt wurden. Instituts-Sprecherin Bernsmann gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Als die Ergebnisse bekannt wurden, war die Wahl für den Publikumspreis bereits abgeschlossen." Das bestätigt Uwe Barfknecht, Sprecher der Verlagsgruppe Milchstraße gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Die Abstimmung ist um 18 Uhr geschlossen worden." Zu der Verwirrung habe lediglich eine unpräzise Zeitangabe geführt. Sprecherin Bernsmann: "Wir haben nie eine Uhrzeit kommuniziert, es hieß immer nur, dass man bis zum 18. abstimmen kann."

Ungewöhnliche Nach-Nominierungen

Misstrauen haben zudem diverse Nach-Nominierungen der Jury geschürt. Zu den solcherart Geehrten gehörte Mario Sixtus mit seinem wöchentlichen Video-Interview "Elektrischer Reporter", das sich seit vergangenem Jahr Fachleuten aus dem Bereich der elektronischen Medien widmet und nun mit dem Grimme Online Award für Wissen und Bildung ausgezeichnet wurde.

Sixtus war ursprünglich Mitglied der GOA-Jury. Blogger argwöhnen: "Preis zuschubsen", "dreistes Zuschustern", "Mauschelei" tönt es in der Blogosphäre. Katrin Bernsmann, Sprecherin des Adolf-Grimme-Instituts, dementiert gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass Sixtus über seine eigene Nominierung hätte abstimmen können: "Bevor über die Nachnominierung des Elektrischen Reporter diskutiert wurde, hatte Mario Sixtus die Jury bereits verlassen." Bernsmanns Fazit: "Es ist doch alles sauber. Was da zum Skandal aufgebauscht wurde, hat mit der Realität nichts zu tun."

Auch Alexander Svensson, Mitglied der GOA-Nominierungskommission, findet diese Mauschelei-Vorwürfe unbegründet: "Es wurden tatsächlich Hunderte und Hunderte von Webseiten begutachtet und bewertet. Es wurde tatsächlich diskutiert, ausgesiebt, leidenschaftlich plädiert und leidenschaftlich verworfen", schreibt er in seinem Blog.

Als die GOA-Jury im Mai die Nachnominierungen bekannt gab, geriet Svensson selbst in den Verdacht, ein Mauschler zu sein. Denn unter den Nachnominierten fanden sich unter anderem die Blogs der Tagesschau, die nun Preisträger in der Kategorie Information sind und für die Svensson gelegentlich als freier Journalist arbeitet. Zuletzt bloggte er für das Format vom G-8-Gipfel.

Svensson hatte mit der nachträglichen Nominierung seines "Kunden" jedoch gar nichts zu tun: Die Nominierungskommission tagte das letzte Mal Ende April; die nachträglichen Nominierungen gab die Jury Mitte Mai bekannt. Dennoch war er nun Zielscheibe von allerhand Verschwörungstheorien. "Um es vorsichtig auszudrücken: In diesem Jahr in der Nominierungskommission des Grimme Online Award zu sitzen, erfordert etwas mehr Leidensfähigkeit, als ich vorher vermutet hatte", so Svensson.

Die Konsequenzen

Die Kritik an dem Auswahlverfahren kann Instituts-Sprecherin Bernsmann nicht nachvollziehen: "Bei der Nominierung und Juryentscheidung ist alles korrekt gelaufen. Zum Skandal ist das durch die nicht ganz korrekte Darstellung in einigen Blogs geworden." Dennoch will das Adolf-Grimme-Institut die Modalitäten der Preisvergabe überprüfen. Instituts-Sprecherin Bernsmann zu SPIEGEL ONLINE: "Wir werden das Statut dahingehend überprüfen, dass rechtzeitig über mögliche Überschneidungen von Jury-Mitgliedschaft und Angebotsbeteiligung entschieden wird."

Dafür plädiert auch Preisträger Stefan Niggemeier. Er verlangt, den Preis so zu organisieren, dass auch der bloße Anschein von Kungelei vermieden werde. Niggemeier räumt aber ein: "Man wird vermutlich nicht alle Interessenskonflikte vermeiden können. Aber man kann auch nicht so unsensibel und unprofessionell vorgehen wie in diesem Jahr." Alexander Svensson, Mitglied der Nominierungskommission verlangt: "Ich hoffe sehr, dass fürs nächste Mal die Statuten nachgebessert werden."

Mitarbeit: Richard Meusers



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