YouTube-Star Gronkh "Der Schund kommt zwangsläufig nach oben"

Er steht ungern im Rampenlicht und hat trotzdem Millionen Fans, die ihm beim Spielen zuschauen: Gronkh ist Deutschlands bekanntester YouTuber. Hier spricht er über schlechte Videos und Hass im Netz.

Gronkh
Andreas "eosAndy" Krupa

Gronkh

Ein Interview von und


Viele Erwachsene dürften beim Namen "Gronkh" ratlos mit den Schultern zucken. Fragt man dagegen ihre Kinder, dürfte die Begeisterung groß sein. Denn Erik Range alias Gronkh ist einer der berühmtesten deutschen Videomacher, wenn nicht sogar: der berühmteste. Er befeuerte den Hype um das Spiel "Minecraft" in Deutschland mit mehr als tausend Videos maßgeblich mit.

Range lässt sich selten interviewen. Er gibt sich öffentlichkeitsscheu, obwohl er mit jedem seiner Videos und Livestreams Hunderttausende Zuschauer unterhält - als eine Art berühmter großer Bruder, dem man gern beim Spielen über die Schulter schaut.

"Friendly Fire II"-Team um Gronkh und Partnerin Tatjana Werth alias Pandorya (Mitte)
Andreas "eosAndy" Krupa

"Friendly Fire II"-Team um Gronkh und Partnerin Tatjana Werth alias Pandorya (Mitte)

Die Spendenveranstaltung "Friendly Fire II", die Range mitorganisiert, hat den YouTuber nun zu einem Gespräch motivieren können: Am 3. Dezember will er mit weiteren Videomachern einen halben Tag lang live auf Sendung sein und dabei Geld sammeln, unter anderem für den Bundesverband Deutsche Tafel. Der zwölfstündige Stream, der übernächsten Samstag um 15 Uhr beginnt, wird sich dieses Jahr auch über SPIEGEL ONLINE unter spiegel.de/netzwelt anschauen lassen.

Im Interview erklärt Gronkh, welche Regeln beim Fluchen während des Spielens gelten und was YouTuber wie er im Kampf gegen den Hass im Netz beitragen können.

Zur Person
  • Gronkh.tv
    Erik Range alias Gronkh, 39, ist Deutschlands wohl bekanntester YouTuber. Populär wurde er durch seine Let's-Play-Videos, sprich: durch das Kommentieren von Videospielen wie "Minecraft". Range ist seit 2010 auf YouTube und seit 2014 auf dem Livestreaming-Portal Twitch aktiv. Sein YouTube-Kanal war lange der meistabonnierte in Deutschland. Im November zählte er fast 4,3 Millionen Abonnenten, aktuell ist hierzulande nur ein Fußballkanal beliebter. 2015 gewann Gronkh, der die Medienöffentlichkeit meidet, den Webvideopreis in der Kategorie "Ehrenpreis National".

SPIEGEL ONLINE: Herr Range, YouTube gilt als Fernsehersatz für die ganz Jungen. Schauen Sie dort auch selbst Videos?

Range: YouTube hat sich so stark verjüngt, dass ich seltener dort unterwegs bin. Ich schaue nicht mehr viele YouTube-Videos. Bei ein paar alten Kollegen gucke ich mal rein, bei LeFloid, MrTrashpack oder den Pietsmiets. Bei manchen populären Inhalten auf YouTube weiß ich nicht einmal mehr, ob die nicht gegen Gesetze verstoßen - ganz abgesehen vom guten Geschmack.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nicht, als seien Sie als YouTuber der ersten Generation zufrieden mit der Entwicklung der Plattform.

Range : Wir YouTuber wollten es ab einem bestimmten Punkt besser als das Fernsehen machen. Authentischer. Inzwischen sehe ich auf YouTube dieselbe Entwicklung wie bei RTL. Die waren zum Senderstart auch mutig, rebellisch, wollten etwas ausprobieren. Heute beschwert sich jeder über gescriptete Nachmittagsshows, die aber eben die höchste Quote bringen. Auch auf YouTube gilt mittlerweile leider: Mit solchen Inhalten kriegt man die meisten Zuschauer.

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SPIEGEL ONLINE: Wie drückt sich das auf YouTube aus?

Range : Die Startseite von YouTube besteht zum Großteil aus Prankvideos und Brüsten. Das ist erschreckend. Unter dieser Kruste gibt es natürlich viele gute Videos zu entdecken. Nur kriegen Nutzer die leider nicht mehr so leicht zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man das ändern? Sollte YouTube eingreifen und bestimmte Inhalte besser platzieren?

Range : Man kann versuchen, den jungen Leuten Dinge schmackhaft zu machen. Ihr Geschmack wird sich dadurch aber nicht ändern. Der Schund kommt zwangsläufig wieder nach oben, weil er geklickt wird.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Zuschauer also selbst schuld an schlechten Inhalten?

Range : Letzten Endes ja. Angenommen, lange Dokumentationen würden plötzlich hohe Viewzahlen erzielen - man könnte gar nicht so schnell schauen, wie diverse YouTuber mit hochwertigen Kameras sofort herumlaufen und Dokus drehen würden. Das wäre schön, wird aber nie passieren.

SPIEGEL ONLINE: Trägt Ihr eigenes Programm zu diesen Problemen bei?

Range: Ich spiele Spiele und rede dazu. Dafür gewinnt man keinen Oscar und man besetzt da eher ein Nischenprogramm. Mir ist klar, dass die "Let's Play"-Schiene nicht den höchsten intellektuellen Anspruch hat. Aber ich will die Leute gut unterhalten und emotional mitnehmen beim Spielen. Und ich flechte auch immer mal wieder Gesellschaftskritik in mein Programm ein, poche aufs Miteinander. Das geht nur oberflächlich, aber ich möchte das Thema wenigstens anschneiden.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem gesellschaftlichen Miteinander klappt es derzeit im Internet nicht so gut. Wie erleben Sie die Debatte um Hassrede?

Range: Man muss zwischen zwei Gruppen differenzieren. Ich kenne zum einen die klassischen Trolle, die gewollt möglichst fiese Kommentare absondern. Bei solchen Hasskommentaren auf Twitter oder Facebook bin ich seit jeher rigoros und blockiere die Nutzer. Ab und zu pfeffere ich einem Troll auch mal eine Antwort zurück, einfach, weil es Spaß macht. Prinzipiell sollte man den Internet-Trollen aber wenig Aufmerksamkeit schenken, sonst spielt man ihnen nur zu.

SPIEGEL ONLINE: Und die zweite Gruppe?

Range: Ich erlebe zum Beispiel immer mehr politischen Hass. Ein Trump wurde zum Beispiel nicht zwingend von "dummen" Menschen gewählt, wie es gerne stark vereinfacht wird. Er wurde gewählt von Menschen, die das Gefühl haben, sie werden nicht gehört. In Deutschland ist aus ähnlichen Gründen die AfD auf dem Vormarsch. Eine solche Fraktion wird auch dank der sozialen Medien lauter. Sie finden dort Gleichgesinnte und blenden alle Informationen außerhalb ihrer Blase aus. Das macht mir Sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Stehen Sie und andere bekannte YouTuber beim Thema Hass im Netz besonders in der Pflicht?

Range: Das Problem betrifft nicht nur YouTube, sondern uns als Gesamtgesellschaft. Wir YouTuber können nur unsere Reichweite nutzen, um auf das Problem aufmerksam zu machen und unsere Zuschauer dazu auffordern, sich dem Dialog nicht zu verschließen. Man darf die Menschen nicht abschreiben und ihnen nur sagen: Ihr seid scheiße. Das schafft Blockaden und gesellschaftliche Ausgrenzung. Letztlich muss da jeder bei sich selbst anfangen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern tragen Sie in Ihren Videos Verantwortung für das junge Publikum, müssen ein Vorbild sein?

Range: Political Correctness ist ein wichtiges und furchtbares Thema zugleich. Es ist schrecklich, wenn man immer aufpassen muss, was man sagt - man lebt dann beinahe mit einer ständigen Angst, jemandem mit einer unbedachten Aussage irgendwo auf die Füße zu treten. Bei meinen Streams bin ich auch irgendwo Unterhalter, da sind natürlich auch immer mal ein paar Randgruppen-Witze dabei. Einige wenige Zuschauer lachen plötzlich nicht mehr mit, wenn man sich vielleicht selbst in der jeweiligen Gruppe wähnt. Dabei wäre es bei vielen Themen besser, wenn man darüber lachen kann, wenn es moralisch vertretbar ist.

SPIEGEL ONLINE: Macht diese Verbissenheit die Unterhaltung kaputt?

Range : Teilweise ja. Ich achte aber darauf, mir nicht den Mund verbieten zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Sollte man in einem Stream oder Video "Spasti" sagen, wie es manche YouTuber machen? Oder "Hurensohn"?

Range : Sollte man natürlich nicht und passiert mir hoffentlich auch nicht - doch der Sprachjargon begrenzt sich ja nicht nur auf YouTube. Selbst im Alltag könnte sowas vorkommen. Jedoch assoziiert wohl niemand das Wort "Spasti" im gesprochenen Augenblick bewusst mit behinderten Menschen. Das macht es nur bedingt besser, ist aber natürlich nicht das Optimum. "Hurensohn" ist inzwischen ein gefühlter Schulhof-Klassiker, da sage ich lieber "Hustensohn" oder "Uhrensohn" und umschreibe das Wort. Und Huren haben immerhin einen Job im Gegensatz zu denen, die das Wort exponentiell verwenden. Das darf man nicht vergessen.

SPIEGEL ONLINE: In einem - durchaus kritischen - Redemanuskript zum Webvideopreis 2015 sprachen Sie noch von einem "Wir" im Bezug auf die Gemeinschaft der deutschen YouTuber. Gibt es dieses "Wir" überhaupt noch?

Range : Schwierige Frage. Ich weiß selbst nicht mehr, welcher YouTuber noch wirklich mit wem befreundet ist und wer nur eine Kollaboration macht, um Klicks zu kriegen. Das interessiert mich auch gar nicht mehr. Wer aktuell mit wem Beef hat, damit will ich meine Zeit nicht verschwenden. Da habe ich einfach andere Prioritäten.

SPIEGEL ONLINE: Viele junge YouTuber setzen auf Inszenierung und baden geradezu in ihrem Ruhm. Sie gelten als öffentlichkeitsscheu. Haben Sie das Gefühl, ein untypischer YouTuber zu sein?

Range : Ich sehe mich nicht als berühmt an. Ich bin weiter der komische Typ, der zu Hause in Schlabberhose rumläuft, mit verwuschelten Haaren. Bei meinen Videos fühle ich mich mit den Zuschauern auf Augenhöhe. Wir haben gemeinsam eine gute Zeit. Ich mag es nicht, auf ein Podest gehoben zu werden. Anonym in der Menge zu verschmelzen und vielleicht eine Prise "Das Glücksprinzip", das ist eher mein Ding.

SPIEGEL ONLINE: Für Sie steht bald zum zweiten Mal ein größerer Stream für den guten Zweck an, "Friendly Fire II". Wie wichtig sind solche Veranstaltungen für die Community?

Range : Wichtiger als man denkt. Wenn irgendwo eine Katastrophe passiert, dann fragen meine Zuschauer tatsächlich, ob ich nicht einen Spendenstream dafür machen könnte. Ich habe auch die Ehre, bald erster Digitalbotschafter für "Aktion Deutschland Hilft" zu werden. Die Leute interessieren sich für wohltätige Aktionen und das ist toll.

SPIEGEL ONLINE: Was können Ihre Zuschauer bei "Friendly Fire II" erwarten?

Range : Demütigung! Wir haben uns wie letztes Jahr lustige Bestrafungen für uns YouTuber ausgedacht, wenn ein Spendenziel erreicht wird. Eine Motivation für die Zuschauer sozusagen. Letztes Jahr habe ich mir den Bart bis auf einen immens peinlichen Schnauzer abrasiert und musste dann auch so rumlaufen, bis der Bart nachwuchs. Dieses Jahr werde ich mir wohl sämtliche Haare komplett grau färben. Alles will ich noch nicht verraten, aber: Es wird furchtbar.



insgesamt 47 Beiträge
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cor 23.11.2016
1.
Welche Wette hat er denn verloren, dass er diese Schuhe zum Anzug tragen muss?
peeka(neu) 23.11.2016
2. Es gibt doch ganz gute erfolgreiche youtuber
Ich hab zum Beispiel Marti Fischer abonniert, der originell erklärt, wie verschiedene Musikgenres funktionieren oder die in letzter Zeit etwas schlechter werdende slivki show mit ihren livehacks bzw. zwei wirklich außergewöhnlichen Videos aus der Stratosphäre, die sie mit recht einfachen Mitteln produziert haben. Beide youtuber sind recht erfolgreich, die slivki show zählte vor kurzem sogar als am schnellsten wachsender Kanal. Und wenn man angemeldet ist, bekommt man bei youtube auch eher Videos angeboten, die in der Kategorie der zuvor angesehenen Videos liegen. Wer da nur Gewalt und Brüste zu sehen bekommt, entlarvt sich ein wenig selbst.
Institutsmitarbeiter 23.11.2016
3.
Sehr schönes Interview. Herr Range wirkt sehr reflektiert. Ich bin selber kein Minecraft-Fan, aber für viele Kinder ersetzen seine Videos das Fernsehen komplett. Ich finde, dass ist eine interessante Entwicklung. Für mich ist es mittlerweile unvorstellbar, mich den Sendezeiten eines Fernsehsenders zu unterwerfen, wenn ich den Film auch zu mir genehmen Zeit in der mir genehmen Sprache auf Netflix schauen kann. Bzgl. Sprachauswahl verstehe ich nicht, wieso diese Option nie angeboten wurde. In Amerika kann man seit zwei Jahrzehnten die Sprache wechseln. Wenn man sich die Versuche des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bezüglich Jugendfernsehen anschaut, dass dann auch noch "Funk" heißt, weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. In Bezug auf die Qualität von Youtube möchte ich anmerken, dass man im englisch sprachigen Raum ein deutlich diverseres Angebot findet. Dort gibt es natürlich auch die gleichen Prank und Titten-Videos, aber auch (sehr beliebte) Videos zu Kunst und Geschichte. Ebenso wie der Podcast ist es heutzutage jedem möglich zu senden und dabei kommen auch Angebote heraus, wie Dan Carlin's Hardcore History, wo geschichtliche Ereignisse spannend und informativ behandelt werden, wobei eine Episode durchaus vier Stunden lang sein kann. Sowas wäre im Radio niemals möglich. Im Internet findet sich dafür ein Publikum, so dass Carlin davon leben kann.
luziferx 23.11.2016
4. Guter Mann!
Erik ist einfach ein super Typ. Er bringt noch den ehrlichsten Content auf YouTube und macht seinen Viewern nichts vor. Schade das auf YouTube heute nurnoch Leute groß rauskommen die in Nutella baden oder irgendwelche Pranks machen die wahnsinnig übertrieben sind. Oft dann auch noch mit Clickbait ala "absoluter Prank, verhaftet!!!! " und im Video im Endeffekt nichts davon zu sehen ist. Erik hat recht wenn er sagt das man lange suchen muss um auf YouTube gute Videos zu finden, aber es lohnt sich. Die Generation die jetzt Pranks und Challanges hyped ist in 5 Jahren auch älter und vielleicht nicht mehr so oberflächlich und kindisch um so etwas noch zu feiern.
nannocyt 23.11.2016
5. Antwort an peeka
Das mit dem sich selbst entlarven ist so nicht ganz richtig. Es gibt zwei Arten von Startseiten: Die, die sich nach dem eigenen Sehverhalten orientiert und die, die zeigt was gerade angesagt ist (Die sogenannten Trends). Letztere ist die, die Gronkh in seiner Aussage meinte.
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