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"GTA"-Prozess: Kreuzzug des Spiele-Inquisitors

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In den USA wird wieder einmal ein Videospiel für ein Gewaltverbrechen verantwortlich gemacht. Ein branchenweit berüchtigter Rechtsanwalt verklagt Hersteller und Händler auf Hunderte Millionen Dollar Schadenersatz - und stößt gleichzeitig wüste Beschimpfungen gegen Industrievertreter aus.

GTA San Andreas: "Mord-Simulation"

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Jack Thompson weiß, was Amerikas Jugend verdirbt. Früher strengte der Anwalt Verfahren gegen Sittenwidriges wie die deftigen Rap-Platten der "2 Live Crew" an. Seit einigen Jahren hat Thompson einen neuen Gegner: Er ist überzeugt, dass Videospiele "Mord-Simulationen" sind, mit denen Menschen "das Töten trainieren".

Weil er sicher ist, Recht zu haben, wählt Thompson seine Worte nicht zimperlich. Wissenschaftler, die keine eindeutigen Bezüge zwischen Spielen und realen Gewalttaten finden, nennt er indirekt "Huren". Spielefans, die mit ihm Kontakt aufnehmen wollen, beschimpft er schon mal als "Idioten". Jetzt verglich er in einem Interview angeblich den Vorsitzenden eines Branchenverbandes mit einer Nazigröße. Die Community schäumt.

"San Andreas"-Spielszene: "Töten trainiert"

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Praktisch jedes Mal, wenn irgendwo ein Jugendlicher gewalttätig wird und sich auch nur die magerste Verbindung zu einem Computerspiel herstellen lässt, schlägt Thompson zu. Im Jahr 2003 verklagte er etwa Sony, den Spielehersteller Take 2 und die Supermarktkette Wal-Mart auf 246 Millionen Dollar Schadenersatz.

Zwei Teenager hatten mit Gewehren aus dem elterlichen Waffenschrank auf vorbeifahrende Autos geschossen und dabei einen Menschen getötet und einen zweiten schwer verletzt. Die beiden 14 und 16 Jahre alten Täter hatten das Spiel "Grand Theft Auto III" als Inspiration für ihre Wahnsinnstat angegeben. Thompson machte das Spiel verantwortlich - und diejenigen, die den Minderjährigen die Software verkauft hatten. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen.

Fakten werden diskret übersehen

Spiel "Manhunt": Kein Zusammenhang zwischen Spiel und Totschlag

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Auch als im vergangenen Jahr ein britischer Teenager einen Schulkollegen mit einem Hammer erschlug, war Thompson zur Stelle. Täter und Opfer hatten gemeinsam gelegentlich "Manhunt" gespielt, ein zweifellos geschmackloses Stück Software, in dem der Spieler in die Rolle eines psychopathischen Serienmörders schlüpft.

Thompson vertritt die Eltern des Opfers, übergeht dabei aber diskret die Tatsache, dass die fragliche "Manhunt"-DVD im Besitz des Opfers und nicht des Täters war. Die britische Polizei berichtete schon wenige Tage nach der Tat, es gebe keinen Zusammenhang zwischen Spiel und Totschlag - man ging von einem Raubmord aus.

Verfolgungsjagd: Eintrainieren von Verhaltensmustern?

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Auch andere spektakuläre Verbrechen führt Thompson mit schöner Regelmäßigkeit auf Videospiele zurück, so auch die so genannten "Sniper-Killings" durch John Lee Malvo und John Allen Muhammad sowie das Highschool-Massaker von Columbine.

Nun hat der Kämpfer wider die virtuelle Gewalt einen neuen Fall gefunden: Der inzwischen 18-jährige Devin Thompson tötete im vergangenen Juni in Alabama drei Männer in einer Polizeistation mit einer entwendeten Dienstwaffe, nachdem er wegen Autodiebstahls vorübergehend festgenommen worden war.

Der Täter hatte offenbar "Grand Theft Auto III" bei einem "Gamestop"-Markt und "Grand Theft Auto: Vice City" in einer Wal-Mart-Filiale erworben, als er noch nicht 17 Jahre alt war - beide Spiele dürfen in den USA nur an Jugendliche über 17 verkauft werden. Neben den beiden Geschäften klagt Anwalt Thompson nun auch gegen den Konsolen-Hersteller Sony und den Hersteller des Spiels - wiederum Take 2.

"Von vier Firmen zum Töten trainiert"

"Was in Alabama passierte, ist, dass vier Firmen daran teilhatten, Devin darauf zu trainieren, drei Männer zu töten", sagte Thompson der Zeitung "Tuscaloosa News".

Seltsame Theorien: Schusswaffen sind ungefährlich, schlechte mediale Vorbilder gefährlich?

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In einem Interview mit dem Web-Dienst des Fernsehsenders CBSNews machte der Anwalt jetzt noch einmal sehr deutlich, was er von der Spieleindustrie und ihren Argumenten hält. Auf die Frage, ob Spiele Weltflucht förderten, antwortete er: "Ja, genau so wie Ted Bundy in die Pornografie geflüchtet ist." Ted Bundy war ein Serienmörder, der in den Siebzigern mindestens 30 Frauen ermordete.

Über Studien, die eine direkte Verbindung zwischen Spielgewalt und realer Gewalt in Zweifel ziehen, hat er nichts Gutes zu sagen: "Alles, was die Industrie in der Hand hat, sind Studien, die sie selbst bezahlt hat, die darauf ausgerichtet sind, das gegenteilige Resultat zu erbringen. Anwälte nennen solche Experten 'Huren'".

Während in den Augen Thompsons Computerspiele also zum Mord einladen, hält er frei verfügbare Schusswaffen für wenig bedenklich: "Die Kids nehmen in diesem Land seit 200 Jahren Schusswaffen mit in die Schule, ohne dass sie sie gegeneinander gerichtet hätten", sagte er in dem Gespräch.

Juristen-Zielscheibe GTA: Klagen über dreistellige Millionensummen

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Den größten Faux-Pas, den Thompson sich in dem Interview leistete, korrigierte CBSNews offenbar kurz nachdem es online gegangen war. Laut mehreren Weblogs hatte der Anwalt Doug Lowenstein, den Präsidenten des Branchenverbandes Interactive Digital Software Association (IDSA), als "Joseph Goebbels der Spieleindustrie" bezeichnet. Die zweifellos justiziable Formulierung verschwand aber kurze Zeit später wieder aus dem Netz und wurde durch eine harmlose, gänzlich andere Antwort ersetzt.

Bei all dem kann man davon ausgehen, dass Thompson, der seine Karriere mit Prozessen wegen ärztlicher Kunstfehler begann, neben gerechtem Zorn auch ein sehr persönliches Interesse an seinem Feldzug gegen die Spieleindustrie hat. Die Klagesumme im jüngsten Fall in Alabama etwa beläuft sich nach Angaben von Gamespot.com auf 600 Millionen Dollar.

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