GuttenPlag Wiki: Im Netz der Plagiate-Jäger

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Das Web jagt den Minister: Auf der Internet-Plattform GuttenPlag Wiki durchsuchen Netznutzer die Doktorarbeit von Minister Guttenberg nach möglichen Plagiaten. Das Interesse an ihrer Arbeit ist gewaltig, viele helfen mit - und sie diskutieren schon über das nächste Ziel.

Verteidigungsminister Guttenberg (CSU): Aktivisten analysieren seine Dissertation Zur Großansicht
dapd

Verteidigungsminister Guttenberg (CSU): Aktivisten analysieren seine Dissertation

Das Projekt ist ein Paradebeispiel für die Macht der Masse: Innerhalb weniger Tage erledigte eine Schar Freiwilliger, wofür Wissenschaftler vermutlich Wochen gebraucht hätten. Organisiert über die Web-Seite GuttenPlag Wiki durchsuchten sie die Doktorarbeit von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg nach Passagen, die nachweislich aus anderen Quellen abgeschrieben, aber nicht entsprechend gekennzeichnet waren - nach Plagiaten also.

Guttenberg wiegelt ab, er hält ungeachtet immer heftigerer Vorwürfe an seinem Amt fest. Zwar lässt er seinen Doktortitel vorübergehend ruhen. Dennoch habe er bei seiner Dissertation "zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht", verteidigte sich der CSU-Politiker am Freitag. Bundeskanzlerin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer stärkten ihm den Rücken, die Opposition sieht seine Glaubwürdigkeit schwinden. Dort wird offen über einen möglichen Ghostwriter gesprochen.

Nun ist die Universität Bayreuth am Zuge. Sie setzte Guttenberg bereits am Donnerstag eine Frist von zwei Wochen, um zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Dann wird sie über mögliche Sanktionen entscheiden, die bis zur Aberkennung des Doktortitels reichen können.

Im Web bei GuttenPlag Wiki läuft die Prüfung dagegen schon auf Hochtouren. Nur zwei Tage dauerte es, bis die Aktivisten eine beeindruckende Zwischenbilanz vorlegen konnten: Auf 247 von 407 Seiten habe man Plagiate gefunden, teilten sie am Samstag mit. Erledigt war die selbst gestellte Aufgabe damit aber noch lange nicht. Noch bis zum Sonntag solle man weiter nach Plagiaten fahnden, erklärte der anonyme Initiator der Aktion, der sich selbst PlagDoc nennt. Erst Sonntagmittag wolle man die Suche einstellen, sich danach der weiteren Überprüfung sämtlicher gemeldeten Fundstellen widmen. Mindestens zwei Personen, so die selbst gestellte Vorgabe, müssten jede reklamierte Passage bestätigen, bevor man am Sonntagabend schließlich eine endgültige statistische Auswertung veröffentliche.

Das Tempo, mit dem die Web-Gemeinschaft vorgeht, ist erstaunlich. Erst am 17. Februar hatte PlagDoc die Aktion ins Leben gerufen. Mit der kostenlosen Online-Office-Software GoogleDocs legte er ein Dokument an, in dem Freiwillige Plagiat-Fundstellen zusammentragen sollten. Frühmorgens um 4.30 Uhr rief er via Twitter zur Mitarbeit auf - und musste schon nach nicht einmal sechs Stunden die Segel streichen.

Die Teilnehmer bleiben anonym

"Wow, Google Docs ist mit 100 Betrachtern überlastet", meldete PlagDoc und kündigte den Umzug auf die Mitmach-Plattform-Wikia an, der nach nicht einmal einer Stunde erledigt war. Und dann ging es erst richtig los. Noch am selben Abend konnte PlagDoc melden, dass Inhalte auf "über zehn Prozent aller Seiten in zu Guttenbergs Doktorarbeit aus anderen Quellen kopiert sind". Einen Tag später waren es schon 29 Prozent und am Samstag schließlich lag der Wert bei fast zwei Drittel. Auch eine Übersicht der plagiierten Quellen haben die Aktivisten zusammengetragen.

Um möglichst viele Helfer zu mobilisieren, hat PlagDoc eine FAQ, eine Sammlung häufiger Fragen samt entsprechender Antworten, zusammengetragen, in der erklärt wird, wie man sich beteiligen kann. Auf professionelle, aber kostenlose "Tools um Plagiate aufzuspüren" wird dort hingewiesen. Gleichzeitig wird erklärt, wie man sich Textpassagen aus der Doktorarbeit über die Suchfunktion der E-Book-Plattform Libreka zusammenstückeln kann.

Diese Quelle ist mittlerweile allerdings versiegt. Selbst wer die Arbeit regulär für 88 Euro als E-Book kaufen will, bekommt nur eine Fehlermeldung zu sehen. Die Fahnder müssen sich nun also aus anderen Quellen mit Guttenbergs Texten versorgen. Im GuttenPlag Wiki werden Universitätsbibliotheken genannt. Und auch im Online-Chat-System IRC sollen gelegentlich Fragmente auftauchen. Auf normalem Wege, so scheint es, ist kaum jemand an den Text der Doktorarbeit gekommen.

Und trotzdem wollen sich offenbar viele Freiwillige an dieser Fleißarbeit beteiligen. Wie viele genau, ist bislang unklar. Im Forum allerdings taucht neben etlichen vollkommen anonymen Beitragschreibern nur eine Handvoll Mitglieder auf, die sich zumindest mit einem Pseudonym anmelden. Mehr hat bislang auch der GuttenPlag-Gründer nicht über sich preisgegeben, dessen Pseudonym PlagDoc offenbar ein Kunstwort aus den englischen begriffen "Plagiarism" und "Documentation" ist, der sich also als Dokumentar der Plagiate sieht.

Jeder darf mitmachen

Seine Anonymität ist allerdings auch weise gewählt, denn das Wissen über seine wahre Identität würde sofort Fragen nach seiner politischen Orientierung aufwerfen. Berichte, dass es sich bei PlagDoc um den Medienwissenschaftler Stefan Weber handle, werden auf dem GuttenPlag Wiki jedenfalls dementiert.

Dem Vorwurf, die Suche nach Plagiaten in Guttenbergs Doktorarbeit sei politisch motiviert, begegnet PlagDoc in der FAQ zum GuttenPlag Wiki zwar wortreich, im Grunde ist aber nur ein Satz wichtig: "Dieses Wiki jedenfalls hat keinen geschlossenen Teilnehmerkreis und steht Benutzern jedes politischen Lagers offen." Genau das nämlich ist das Wesen eines Wikis. An Gemeinschaftsprojekten auf Wiki-Basis, so wie der Wikipedia, kann sich jedermann beteiligen. Die Teilnehmer sind Textlieferanten und Korrektiv zugleich - und das trifft auch auf GuttenPlag zu. Es kann also durchaus jedermann anonym vermeintliche Plagiate bei GuttenPlag melden, diese sollten aber in der Regel bei der anschließenden Überprüfung wieder aus dem Bestand getilgt werden.

Nicht alles ist eindeutig

Wie gut das zu funktionieren scheint, lässt sich aus den Statistiken ablesen, die in unregelmäßigen Abständen auf GuttenPlag veröffentlicht werden. Wenige Stunden nach der Meldung, es seien Plagiate auf 247 Seiten gefunden worden, erschien eine neue Berechnung, derzufolge doch nur 238 Seiten betroffen sind. Diese Zahl dürfte in die folgenden Stunden und Tagen noch weiter oszillieren, abhängig davon, wie viele Textstellen noch neu als Plagiat gemeldet werden und wie viele sich als Falschmeldungen entpuppen.

Darüber, ob am Ende tatsächlich alle plagiierten Textstellen korrekt benannt wurden und ob alle als Plagiat gekennzeichneten Texte tatsächlich Plagiate sind, wird es wohl noch heftige Diskussionen geben. Zwar nennt PlagDoc selbst einige Kriterien, nach denen er festlegt, wann ein Text oder Textfragment ein Plagiat ist, allgemeingültig sind diese aber offensichtlich nicht. Ein Beispiel dafür, wie knifflig das ist, zeigt eine Passage auf Seite 218.

Das Problem: Der übernommene Text ist zwar mit einer Fußnote zur Originalquelle versehen, nicht aber in Anführungszeichen gesetzt. Darüber, ob dies ein echtes Plagiat oder bloß ein dummes Versehen ist, diskutieren jetzt die User. In der Statistik aber wird die Passage als Plagiat gewertet - auch wenn der entsprechende Eintrag mit dem Hinweis versehen ist: "Das Plagiat ist nach dem letzten Satz mit einer Fußnote versehen, die die genaue Quellenangabe enthält."

Planung für die Zeit danach

Unter anderem solche diskussionswürdigen Stellen zu finden und zu kennzeichnen, alle gemeldeten Plagiate zu überprüfen, wird die freiwilligen Prüfer jetzt beschäftigen. Bis zum Sonntagmittag wollen die Aktivisten alle Plagiat-Fundstellen durch mindestens zwei Personen checken lassen, dann soll die Suche nach weiteren Plagiaten eingestellt werden. Einen Abschlussbericht auf Basis der zusammengetragenen Erkenntnisse wollen die Wiki-Mitarbeiter am Montag zusammenstellen, bis 18 Uhr soll er fertig sein. Ein ambitioniertes Ziel, wie einer der Teilnehmer kritisch anmerkt.

Einigen ganz begeisterten Mitstreitern aber scheint es damit noch nicht genug der freiwilligen Suche nach Verfehlungen zu sein. Sie wollen auch nach Abschluss des Falls Guttenberg weitermachen. So wie Wikia-Nutzer ChrisSeisem, der den "fahlen Beigeschmack" kritisiert, den es hinterlässt, dass zurzeit "nur ein Angehöriger eines politischen Lagers aufs Korn genommen wird". Sein Vorschlag: "Wäre es nicht nett, wenn jährlich die besten Plagiatoren oder einseitigsten Rechercheure aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft öffentlichkeitswirksam ausgezeichnet werden könnten?"

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Forum - Kann Karl-Theodor zu Guttenberg Verteidigungsminister bleiben?
insgesamt 12057 Beiträge
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1. Wie dreinst Uwe Barschel
mischli 19.02.2011
Guttenberg hat gelogen, was seine Augen in den entscheidenden Passagen gestern verraten haben. Ich fühlte mich sehr schnell an Uwe Barschel erinnert und gestern war das 'Ehrenwort' das einzige, was noch gefehlt hat. Und dies an einem Tag mit drei toten deutschen Soldaten in Afghanistan! Jeder weitere Tag im Amt ist eine Schande!
2. Nein, er muss zurücktreten.
Wertkonservativliberaler 19.02.2011
Nein, Guttenberg muss zurücktreten. Er ist als Verteidigungsminister oberster Dienstherr aller Soldaten und Mitarbeiter der Bundeswehr und entscheidet über diese bei Dienstvergehen. Er selbst plagiiert seine Doktorarbeit, gibt bei der Abgabe seiner Doktorarbeit vor der Promotionskommission der Uni Bayreuth eine falsche ehrenwörtliche Erklärung ab, bezeichnet nach Bekanntwerden des Plagiats dies als "abstrus" (Mittwoch, 16.02.) und hält an seiner Version nicht getäuscht zu haben weiterhin fest (Freitag, 18.02.). Wie soll so ein Mann von seinen Dienstuntergebenen noch Ernst genommen werden? Und von CDU-Wählern wie mir, die es mit dem "Konservativ-Sein" tatsächlich genau nehmen. Ich will keine "Blender" in Regierungsverantwortung!
3. Natürlich nicht
gambio 19.02.2011
Zitat von sysopDie Doktor-Affäre des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg schlägt lang andauernde Wellen. Immer neue Informationen zur Promotion des CSU-Politikers gelangten an die Öffentlichkeit, zu Guttenberg will jetzt "vorübergehend auf seinen Doktortitel" verzichten. Kann er unter diesen Umständen noch Verteidigungsminister bleiben?
Wer klaut, lügt, betrügt, fälscht und unterschlägt hat keinen Anspruch auf ein öffentliches Amt.
4.
Gesine Ungefragt, 19.02.2011
Zitat von sysopDie Doktor-Affäre des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg schlägt lang andauernde Wellen. Immer neue Informationen zur Promotion des CSU-Politikers gelangten an die Öffentlichkeit, zu Guttenberg will jetzt "vorübergehend auf seinen Doktortitel" verzichten. Kann er unter diesen Umständen noch Verteidigungsminister bleiben?
Für mich ist da nur ein Aspekt ausschlaggebend: Guttenberg ist augenblicklich Chef zweier Bundeswehrhochschulen. Das darf er auf keinen Fall bleiben.
5. Deutsche wollen Guttenberg behalten
mike stevens 19.02.2011
Zitat von sysopDie Doktor-Affäre des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg schlägt lang andauernde Wellen. Immer neue Informationen zur Promotion des CSU-Politikers gelangten an die Öffentlichkeit, zu Guttenberg will jetzt "vorübergehend auf seinen Doktortitel" verzichten. Kann er unter diesen Umständen noch Verteidigungsminister bleiben?
Der Focus ist sagt die Wahrheit voraus, lasst den armen KT im Amt, sonst muss er nen Psychiater, womöglich mit Doktortitel aus Beyreuth, aufsuchen, könnt ihr das vertreten, von was soll er dann Leben, von Luft und Sabine, Hatz4 zahlt bestimmt nicht das Gel zum gleiten auf dem Scheitel.
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Die Plagiats-Affäre

Ist Verteidigungsminister zu Guttenberg noch im Amt zu halten?


Guttenbergs Schummelaffäre
Was wird ihm vorgeworfen?
Karl-Theodor zu Guttenberg soll an mehreren Stellen seiner 475 Seiten umfassenden Doktorarbeit "Verfassung und Verfassungsvertrag" fremde Textpassagen ohne Quellenangabe verwendet haben. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hat der Minister unter anderem Textpassagen aus einem Vortrag des CDU-Europaabgeordneten Andreas Schwab und aus einer Rede des Verfassungsjuristen Gerhard Casper übernommen. Beide Autoren wurden nicht korrekt ausgewiesen. Es sieht sehr danach aus, dass er auch ganze Textpassagen aus mehreren Zeitungen nahezu wortgleich abgeschrieben hat.
Kann ihm der Doktor aberkannt werden?
Die Uni Bayreuth hat Verteidigungsminister Guttenberg zwei Wochen Zeit gegeben, sich zu den Plagiatsvorwürfen zu äußern. Ein Jura-Professor an seiner alten Uni, Diethelm Klippel, prüft als "Ombudsmann für Selbstkontrolle in der Wissenschaft" die Anschuldigungen. Mit welchen Konsequenzen Guttenberg rechnen muss, ob er sogar den Dr. in seinem Namen streichen muss, hängt vom Ergebnis dieser Prüfung ab. Allerdings ist es auf Doktoranden-Ebene so: Wer erst einmal seine Prüfung bestanden hat, behält seinen Titel meist.
Was sagt er selber?
Guttenberg selbst und sein Doktorvater, der emeritierte Verfassungsrechtler Peter Häberle, haben die Vorwürfe zurückgewiesen. "Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus", sagte der Minister. Er will jedoch prüfen, ob er bei den mehr als 1200 Fußnoten Fehler gemacht hat. An der Dissertation hätten keine Mitarbeiter mitgewirkt, beteuerte er. "Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung."

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