Hack-Attacke auf Georgien Ehrenamtliche Angriffe

Parallel zum Kaukasus-Krieg gerieten in den vergangenen Tagen auch Web-Seiten aus Georgien unter Beschuss. Schnell kam der Vorwurf, Russland habe den ersten Cyberwar entfesselt. Das war wohl gar nicht nötig: Die Angriffe kamen wahrscheinlich von persönlich motivierten Hackern.

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Die aktuelle Nachricht zum angeblichen Cyberwar Russlands gegen georgische Hacker ist, dass es eigentlich nie eine wirkliche Nachricht im Sinne von Neuigkeit gab: Alles ist so wie immer, business as usual. Seit dem Wochenende kommt es zu kontinuierlichen, massiven Hack-Attacken gegen Web-Seiten aus Georgien, und seitdem wird die nicht zuletzt durch georgische Regierungsinstanzen forcierte Frage verbreitet, ob die Angreifer vielleicht im Auftrag der russischen Regierung handeln. Auch SPIEGEL ONLINE berichtete über diesen angeblich von offizieller Seite gestützten Cyberwar - ohne dabei diesem Vorwurf zu folgen.

Denn eine offizielle Beteiligung, sagen Experten verschiedener IT-Sicherheitsunternehmen, war wohl wie üblich gar nicht nötig: Seit Ende der neunziger Jahre wird jede politische Krise, jeder Konflikt, jeder Krieg zwischen Nationen im Web durch gegenseitige Attacken politisch motivierter Hacker begleitet. Allen Indizien nach war dies auch diesmal so - der Cyberwar zumindest in Form von Web-Seiten-Attacken und Defacements scheint nach wie vor keine militärische, sondern eine ehrenamtliche Seite des politischen Konflikts zu sein.

Ob Regierungsinstanzen solche Hack-Attacken geschehen lassen, wurde auch in Bezug auf Konflikte zwischen Nordkorea und den USA, zwischen Israelis und Palästinensern, Türken und Armeniern, jüngst zwischen Esten und Russen immer wieder gefragt. Möglich ist es, dass da ein Auge zugedrückt wird. Zu beweisen ist es nicht.

Aber es ist auch nicht wahrscheinlich: Warum sollte man Polizeibehörden und Regierungsinstanzen, die rund ums Jahr im Kampf gegen Cyberkriminalität versagen, einen Einfluss auf die Aktivitäten von politisch motivierten Hackern unterstellen? Die dokumentieren seit Jahren, dass sie machen, was sie wollen und dabei nur selten zu fassen sind - und kaum zu kontrollieren. Beim angeblichen Cyberwar Russlands gegen Estland im April 2007 zog die estnische Regierung entsprechende Vorwürfe gegen Russland nach einem Monat zurück.

Warum bezahlen, wenn man es auch umsonst bekommt?

Befürworter der Theorie einer staatlichen Beteiligung an solchen Cyber-Attacken verweisen auf das Kostenargument: Es sei konkurrenzlos billig, per Botnetz die Infrastrukturen eines Gegners zu stören. Auch das stimmt, und die für Denial-of-Service-Attacken notwendigen Botnetze kann man einfach mieten, wenn man selbst das nötige Know-how nicht hat. Auch in Russland, beispielsweise von der kriminellen Hacker-Gruppe "Russian Business Network", die an den Attacken auf georgische Web-Seiten beteiligt sein soll.

Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Regierungen gar kein Geld in die Hand nehmen müssen, um Cyber-Attacken gegen Länder, mit denen sie im Clinch liegen, zu initiieren. Das übernehmen ganz von sich aus schon irgendwelche ehrenamtlichen Cyber-Krieger, von denen viele die Pubertät noch vor sich haben.

Im aktuellen Fall, berichtete am Montag in der "New York Times" John Markoff, haben sie damit anscheinend schon am 20. Juli begonnen - denn die Cyber-Attacken begannen schon Wochen vor den kriegerischen Handlungen zwischen Georgien und Russland. Bevor es am Kaukasus knallte, interessierte das nur kaum jemanden.

Für die These, dass hinter den Attacken nicht der Staat steht, sondern frei operierende Hacker, spricht auch, dass nicht nur georgische Regierungsseiten angegriffen werden, sondern alles, was das Kürzel ".ge" im Namen trägt - Pornoseiten inklusive. Seit einigen Tagen läuft natürlich auch der Gegenangriff von Georgien-Unterstützern auf russische Server, wie im richtigen Leben nur mit weniger Erfolg.

Internet-Angriffe gefährden diplomatische Bemühungen

Doch das alles macht die Attacken nicht weniger gefährlich: Sie tragen zu den Spannungen bei, auch wenn sie von privaten Enthusiasten kommen. Der Kaukasus-Konflikt stellt insofern eine Premiere dar, als dass es der erste mit physischen Mitteln geführte Krieg ist, der von gezielten Cyberattacken begleitet wurde. Während der Waffenstillstand im Kaukasus bei anhaltend nervöser Atmosphäre hält, gehen die Cyber-Attacken fleißig weiter. Beobachter sehen darum gerade dann ein ganz besonderes Risiko in Cyberwar-Aktivitäten, wenn sie eben nicht von offizieller Seite kommen: Massive Internet-Attacken, argumentiert Paul Kurtz, Ex-Mitglied des US-Sicherheitsrates, könnten diplomatische Bemühungen hintertreiben.

Von Seiten der russischen Regierung gibt es zu dem Thema bisher kaum Äußerungen. Ein Sprecher des russischen Botschafters in den USA wollte zumindest nicht ausschließen, dass die Attacken von russischen Hackern kamen und kommen. Er dementierte allerdings vehement, dass die russische Regierung irgendetwas damit zu tun habe: "Es gibt Leute, die mit etwas nicht einverstanden sind und versuchen, das auszudrücken. Sie haben solche Leute auch in Ihrem Land."

Da hat er Recht: Die Vereinigten Staaten und nicht etwa Russland, Rumänien oder China sind nach wie vor die absolute Hochburg der Cyber-Kriminalität, der Defacer und der hackenden Chaotentruppen. Der Witz am Cyberwar ist jedoch, dass man weder staatliche Hack-Abteilungen, noch Truppen hackender Polit-Chaoten braucht, um einen Netzkrieg vom Zaun zu brechen: Im Zweifelsfall braucht es nur einen einzigen fitten Cracker, der ein kräftiges Botnet kontrolliert, um eine politische Krise zwischen Staaten zu verschärfen. Auch in Zeiten, in denen Bomben fallen und Menschen sterben, sind Angriffe auf staatliche Web-Seiten darum zwar ziemlich harmlos, aber noch lange keine Lappalie.

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