Cyber-Attacken Simuliertes Wasserwerk lockt chinesische Hacker in die Falle

Seit dem Stuxnet-Wurm geht die Angst vor Cyber-Angriffen auf Industriebetriebe und Infrastruktur um. Tatsächlich sind Hacker offenbar ständig auf der Suche nach verwundbaren Anlagen. Ein IT-Experte simulierte nun als Hackerfalle eine Wasserpumpstation - und bekam reichlich Besuch.

Wasserversorgung (Symbolbild): IT-Sicherheitsfachmann simuliert Wasserwerk
DPA

Wasserversorgung (Symbolbild): IT-Sicherheitsfachmann simuliert Wasserwerk

Von Uli Ries


Hauptberuflich nimmt Kyle Wilhoit im Auftrag seines Arbeitgebers Schadsoftware auseinander. In seiner Freizeit betreibt er im Keller seines Hauses die Wasserpumpstation einer US-Kleinstadt. Zumindest sieht es für Cyber-Angreifer so aus, wenn sie im Internet nach Zielen suchen. Tatsächlich stehen im Keller des Software-Experten nur die Steuerungsanlagen, mit denen solche Pumpstationen betrieben werden. Die Teile dafür hat er bei Ebay gekauft und so zusammengebaut, dass sie für Hacker wie ein leichtes Angriffsziel erschienen. Wilhoits kleiner Test war beunruhigend erfolgreich.

Honeypot, Honigtopf, nennt man Anlagen, die absichtlich unsicher konfiguriert und von Hand mit Schwachstellen präpariert werden. Derart vorbereitet schloss Wilhoit die nachgemachte Pumpstation ans Internet an. Nach außen entstand so der Eindruck, die Anlage sei das Scada-Kontrollsystem (Supervisory Control and Data Acquisition) einer kleinstädtischen Wasserversorgung.

Bekannt geworden sind solche Steuerungsanlagen durch den Stuxnet-Wurm. Mit der 2010 entdeckten Schadsoftware waren die Scada-Systeme der iranischen Atomaufbereitungsanlage in Natanz manipuliert und so Hunderte dort zur Urananreicherung benutzen Hightech-Zentrifugen überlastet und zerstört worden. Die USA und Israel stecken wohl hinter dem Angriff. Spätestens seitdem gelten Scada-Systeme als einer der Angriffspunkte für den echten Cyberwar. Im Bestseller "Blackout" aus dem Jahr 2012 wird mit ihrer Hilfe in ganz Europa der Strom abgeschaltet.

Ein echter und acht virtuelle Honeypots

Die Fänge der von Wilhoit vorbereiteten Scada-Falle sind beachtlich: Binnen weniger Tage verzeichnete er etliche Angriffe aus verschiedenen Ländern. Um noch mehr Attacken zu provozieren, bildete er das System mit virtuellen Komponenten nach, die er an acht Orten quer über den Globus verteilte.

Das Ergebnis der Mühe: Binnen einiger Monate erfasste Wilhoit mit seinem Aufbau 74 Angriffe, deren Ablauf auf Scada-Fachkenntnisse der Angreifer schließen lässt. Etwa die Hälfte davon ging von chinesischen Rechnern aus. Automatisierte und ungezielte Angriffswellen, wie sie jeden Tag millionenfach durchs Web schwappen, nahm der Fachmann zwar zur Kenntnis, verfolgte sie aber nicht weiter.

Persönlicher Angriff auf den fiktiven Pumpenbetreiber

Bei einem guten Dutzend der analysierten Attacken aber nahmen die Angreifer ernsthafte Schäden der Wasserversorgung in Kauf. Beispielsweise wäre das Wasser verschmutzt, extrem erwärmt oder die Prozessoren der Steuerungs-Hardware überhitzt worden.

Zwei der Angreifer manipulierten ganz gezielt das in Scada-Umgebungen übliche Modbus-Protokoll. Laut Wilhoit sind dafür Spezialkenntnisse notwendig, über die Hacker normalerweise nicht verfügen. Im Gespräch bestätigte er, dass Angriffe, wie er sie in seinem Keller beobachtet hat, auch in wirklichen Scada-Installationen regelmäßig stattfinden.

Der Hobby-Pumpwerksbetreiber wurde darüber hinaus noch mit einer ganz besonderen E-Mail bedacht: Er erhielt eine sogenannte Spear-Phishing-Nachricht. Empfänger war ein von Wilhoit erfundener und auf der Webseite des fiktiven Pumpenbetreibers genannter Ansprechpartner. Die Autoren der E-Mail verwendeten die korrekte Anrede und versuchten, den Rechner des Opfers mittels eines bösartig manipulierten Word-Dokuments mit Schadsoftware zu infizieren.

Überraschende Parallele

Kyle Wilhoit verseuchte den zum Honeypot gehörenden Server nun absichtlich und beobachtete, wie die huckepack per Word-Datei eingeschleppte Schadsoftware Daten absaugen wollte. Dazu gehörte unter anderem die Passwortdatenbank des Servers, die an einen offenbar in China betriebenen Rechner geschickt wurde. Wilhoit sah sich nun seinerseits auf dem schlecht geschützten Rechner des Angreifers um und entdeckte neben den von seinem Server geklauten Dateien Dokumente weiterer Opfer - zu denen auch diverse Regierungsbehörden gehörten.

Eine Analyse des Schädlings brachte eine Parallele zutage: Die Hacksfase getaufte Malware wurde bereits bei verschiedenen Angriffen auf Unternehmen gesichtet, die im Energiesektor tätig sind. Außerdem soll der Schädling zum Arsenal einer Gruppierung von Datendieben gehören, die dem Bericht des US-Unternehmens Mandiant zufolge im Auftrag der chinesischen Regierung handeln.

Hackermethoden gegen Hacker

Um mehr über die Angreifer in Erfahrung zu bringen, bediente sich Kyle Wilhoit allerdings selbst zweifelhafter Methoden: Sobald sich jemand Zugriff auf die Steuerung seiner virtuellen Pumpenanlage verschaffte, übertrug sein Server unbemerkt eine Software auf den Rechner des Angreifers. So konnte er beispielsweise den Namen des Rechners, den ungefähren Standort, die IP-Adresse und andere Informationen erfassen.

Warum sich die Scada-Cracker ausgerechnet für seinen Honeypot interessierten, kann sich der Malware-Fachmann nicht erklären: "Ich habe ja nun nicht gerade die Infrastruktur von Exxon Mobile oder Shell nachgebaut. Dennoch verbrachten einige der Angreifer reichlich Zeit damit, Daten aus meinem Honigtopf zu klauen."

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rambleon 06.08.2013
1.
Wieso hängen solche Rechner am Internet? Das werde ich nie verstehen.
Teile1977 06.08.2013
2. Einsparungen
Zitat von rambleonWieso hängen solche Rechner am Internet? Das werde ich nie verstehen.
Damit man sie zentral Steuern kann und Personal einspart.
felisconcolor 06.08.2013
3. kann gaaanich sein
die Chinesen sind doch die liebsten Menschen auf der Welt. Sie wollen doch mit allen Geschäfte machen. Sie sind aber wohl die einzigen die nach den 285 Erwerbsregeln der Ferengi arbeiten und diesen noch ein paar nicht gerade uninteressante hinzu gefügt haben.
nicf 06.08.2013
4. Volltreffer
Danke @rambleon für diesen logischen Kommentar, ernsthaft. Da wo Kontakt mit Kunden besteht, Shops, Banken usw, geht es nicht anders. Stadtwerken, Wasserwerke, Atomanlagen usw, haben nichts am Internet-Netz verloren, schon gar nicht wo alles gelenkt wird.
Nachnahme 06.08.2013
5. Die bösen Chinesen ...
"[...] Wilhoit sah sich nun seinerseits auf dem schlecht geschützten Rechner des Angreifers um [...]" Das deckt sich soweit mit eigenen Erfahrungen und andere Berichten. Nur: Falls "Wilhoit" gewillt ist, das nächste Mal noch ein wenig genauer hinzuschauen, ist die Wahrschneilichkeit groß, dass er entdeckt, dass sein "chinesischer Hacker-Rechner" auch nur ein Proxy ist. Mit ein paar weiteren Zwischenstationen geht es dann im Normalfall wieder zurück nach Hause. Und das sind dann Dinge, die Mr. Wilhoit vielleicht nicht wirklich so genau betrachten mag :-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.