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Hacker-Sommercamp: Anonymous bricht die Regeln der Alt-Hacker

Aus Finowfurt berichtet

Sag, wie hältst du's mit Anonymous? Beim Sommercamp der Hacker-Szene in Brandenburg wird über die Web-Guerilla gestritten, die Namenlosen, die marodierend durch das Netz ziehen und sich nicht an die Gepflogenheiten halten. Doch es gibt auch Unterstützung für den digitalen Mob.

Chaos Computer Club: Anonymous irritiert die Hacker Fotos
DPA

Von allen Seiten wird gefilmt, geknipst und mitgeschnitten: Beim Sommercamp des Chaos Computer Clubs(CCC) laufen so viele Journalisten herum, dass es mit der Anonymität nicht weit her ist. "Einer von den Journalisten hat mich gefragt, ob ich ihm den Kontakt zu einem Anonymous-Aktivisten herstellen kann", sagt Jens Ohlig ins Mikrofon. Er gehört zum deutschen Hacker-Establishment, ist seit 20 Jahren Mitglied im Club. Sein Publikum, dicht gedrängt in einem alten Flugzeughangar, lacht.

Denn sich als "Anonymous" zu erkennen geben, als Anhänger der Web-Guerilla, widerspricht eigentlich der Grundidee: Wer sich outet, ist nicht mehr anonym, die Geschichte zerstört sich selbst, sobald sie erzählt wird. Dabei sitzt nur ein paar Schritte entfernt ein Kamerateam in einem Zelt und befragt jemanden, der sich zu Anonymous zählt - nur von hinten zu sehen, mit schwarzer Kapuze über dem Kopf. Aber solange es Anonymous gibt, kann sich jeder dazuzählen. Und wer sich outet, spricht nur für sich allein.

Nicht nur die Medien suchen nach Antworten, auch die Hacker streiten über den richtigen Umgang mit Anonymous, den Web-Aktivisten, die sich mit Unternehmen wie Sony und Staaten wie Syrien oder Iran anlegen, oft ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Respekt für Userdaten. Im Camp im brandenburgischen Finowfurt, das der CCC organisiert, treffen sich mehr als 3000 Hacker. Es geht um Raketen, die Enthüllungsplattform OpenLeaks - und um Anonymous. Zusammen mit einem Informatiker, der nur Hannes genannt werden will, diskutiert Jens Ohlig über die neue, schwer zu fassende Hacker-Bewegung. Wo sind Gemeinsamkeiten, wo muss man sich abgrenzen?

Regeln nicht mehr relevant

"Das Phänomen ist völlig neu und hat uns genauso überrascht wie den Rest der Welt", sagt Ohlig. Das Prinzip von Anonymous, LulzSec und Antisec: Man weiß nicht, wer dazugehört. Das kann sich ohnehin von Tag zu Tag ändern. Wer bei der einen Anonymous-Aktion überzeugt mitmacht, kann genauso überzeugt gegen die nächste sein. Es gibt nur die lose Übereinkunft, gemeinsam Aktionen zu starten. Dabei verstößt die neue Bewegung, die in den vergangenen zwei Jahren größeren Zulauf erfahren hat, oft gegen die Gesetze der Szene.

"Wir haben uns mit der Hacker-Ethik feste Grundsätze gegeben", sagt der 37-jährige Ohlig. "Jetzt kommen Leute, für die diese Regeln nicht mehr relevant sind." Manche der Aktionen verstoßen eindeutig gegen die acht Gebote der Hacker-Ethik, angelehnt an die Regeln, die der US-Autor Steven Levy in den achtziger Jahren formuliert hat. "Mülle nicht in den Daten anderer Leute" lautet eines, ein anderes: "Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen." Es sind Grundsätze für ein bedachtes Umgehen mit dem eigenen Können, eine grobe Richtlinie, in welche Richtung welche Grenze überschritten werden darf.

"Natürlich gab es schon immer welche, die sich an diese Ethik nicht gehalten haben", sagt Ohlig. Das ist nicht verwunderlich, da die Gemeinschaft der Hacker aus vielen Gruppen besteht, die jeweils verschiedene Ziele verfolgen - vor allem auf unterschiedlichen Wegen. "Grundsätzlich ist es doch gut, dass es eine Möglichkeit einer Online-Demonstration gibt, zum Beispiel, indem man mit einer großen Gruppe kurzfristig eine Website lahmlegt", sagt Ohlig. "Es müsste genau wie im Real Life auch online ein Demonstrationsrecht geben."

Hoch lebe die internationale Hacker-Solidarität

Blockieren, stören, sichtbar werden, um Missstände aufzuzeigen oder einen Gegner zu schwächen, das sei schließlich nichts neues. Aber es gebe natürlich einen Unterschied zwischen Demonstranten, die eine Straße oder ein Geschäft blockieren, und solchen, die brandschatzend durch die Straßen laufen und Steine werfen. "Wenn man es negativ ausdrücken will, ist Anonymous ein digitaler Mob", sagt er. Ein politisches Konzept, wie es andere Gruppen zusammenhält, gibt es seiner Meinung nach nicht. "Erst schießen und dann Fragen stellen, das ist das Prinzip."

Anonymous soll unpolitisch sein? Der US-Internetforscher und Hacker Jacob Applebaum ruft schon während des Vortrags dazwischen. Später sagt er: "Ich muss doch nicht Foucault zitieren können, um eine politische Agenda zu haben!" Korruption könne man auch ohne akademischen Abschluss erkennen. Alles findet er auch nicht toll. "Aber da gibt es viel Schlimmere. Die Hacker im Camp wollen Raketen bauen, damit sie den Weltraum erforschen können. Das finde ich toll." Beim US-Militär würden aber ebenfalls Hacker an Raketen arbeiten - mit denen Menschen getötet werden. "Wo bleibt denn bei denen die Ethik?", fragt Applebaum.

"Hacker sind keine Bruderschaft", sagt er, auch wenn das Camp der zeltenden Programmierer und Aktivisten das Gegenteil vermitteln könnte. Applebaum fordert die Hacker zu mehr Solidarität mit Anonymous auf. Erlaubt und nicht erlaubt sei eben nicht dasselbe wie richtig und falsch - für ihn steht die Ethik im Zweifelsfall über dem Gesetz. "Wenn man eine gute Bewegung nicht öffentlich unterstützen will, um seine eigene weiße Weste und das Hacker-Image nicht zu beschmutzen, dann ist das erbärmlich."

Anonymous ist Punk

Viele Anhänger des fast 3000 Mitglieder starken CCC wollen lieber nicht mit Anonymous in einen Topf geworfen werden. Sie verstehen unter Hacken den "kreativen Umgang mit Technik", beraten als Experten die Enquete-Kommission des Bundestags und präsentieren sich in der Öffentlichkeit als ansprechbare, verantwortungsvolle Truppe. Im Vergleich dazu ist Anonymous geradezu Punk.

Dabei gibt es auch innerhalb des Clubs ganz unterschiedliche Interessen. Manche hacken für den Frieden, andere lassen sich von Firmen dafür bezahlen, was wiederum andere verwerflich finden. Die Club-Philosophie sieht das durchaus vor: Grundsätzlich kann jeder mitmachen, wenn er sich gut im CCC aufgehoben fühlt.

Und so rennt Anonymous-Fürsprecher Applebaum bei anderen CCC-Hackern auch offene Türen ein. Es gibt einige, die nur deshalb eine der für Anonymous typischen Guy-Fawkes-Maske besitzen, um den Unbekannten zu helfen, unerkannt zu bleiben - eine leise Unterstützung der Idee. Zwar findet mancher Maskenträger die Aktionen von Anonymous bisher völlig daneben, will ihnen aber helfen zu existieren.

Natürlich sind auch hier im Camp Anonyme. Die meisten von ihnen möchten es auch bleiben.

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insgesamt 59 Beiträge
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1. Digitaler Mob - ohne Sinn & Verstand !
gaga007 13.08.2011
... digitalen Mob ... der marodierend durchs Netz zieht ... Eine vortreffliche Beschreibung - die digitale Variante des realen Pöbels aus London. Es gilt beide mit großer Konsequenz abzustrafen.
2. aaahhh...
ramuz 13.08.2011
Zitat von gaga007... digitalen Mob ... der marodierend durchs Netz zieht ... Eine vortreffliche Beschreibung - die digitale Variante des realen Pöbels aus London. Es gilt beide mit großer Konsequenz abzustrafen.
.. du machst den ersten 2 Silben deines Nicknames alle Ehre!
3. freiheit ist immer die freiheit der andersdenkenden
commonman 13.08.2011
Zitat von gaga007... digitalen Mob ... der marodierend durchs Netz zieht ... Eine vortreffliche Beschreibung - die digitale Variante des realen Pöbels aus London. Es gilt beide mit großer Konsequenz abzustrafen.
http://commonman.de/wp/?page_id=3164
4. Anonymus
Meckermann 13.08.2011
Natürlich sind die Anonymus-Aktivisten Rabauken. Aber es sind freiheitsliebende Rabauken. An denen geht unsere Welt nicht zugrunde, an Bankvorständen und Hedge-Fond-Managern hingen schon!
5. #iminternetgeboren
0395neubrandenburg 13.08.2011
Zitat von gaga007... digitalen Mob ... der marodierend durchs Netz zieht ... Eine vortreffliche Beschreibung - die digitale Variante des realen Pöbels aus London. Es gilt beide mit großer Konsequenz abzustrafen.
Auch #iminternetgeboren http://www.rentner-news.de/content/Innenminister-Friedrich-fordert-Zensur ???
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Neue Hacker: Marodierende Teenager piesacken das Netz

Die Web-Guerilla Anonymous
Die Namenlosen
Anonymous ist eine lose Gruppierung, die ihren Ursprung einst im anarchischen Bilderforum 4Chan hatte. Zunächst konzentrierten sich Aktivisten auf Aktionen gegen Scientology. Inzwischen werden DDoS-Attacken, bei denen Websites durch massenhafte Anfragen überlastet werden, gegen eine Vielzahl von Zielen durchgeführt. Die Gruppe erklärte sich solidarisch mit den Aufständischen in Ägypten, Libyen, Syrien und anderswo, sie verteidigt WikiLeaks und bekämpft die Branchenverbände der Musik- und Filmbranche. Freie Information und das Recht auf Anonymität gehören zu den wenigen geteilten Zielen der zahlreichen Netznutzer weltweit, die sich zu Anonymous zählen.
Masken und Anzüge
AFP
Die Maske kommt aus Alan Moores Kultcomic "V wie Vendetta" und steht dort als Symbol für den Kampf gegen Unterdrückung, Überwachung und Zensur: Man erkennt die Gruppenzugehörigkeit, nicht aber den anynomen Träger. Angelehnt ist die Maske an Guy Fawkers, einen englischen Offizier, der 1605 den König und das Parlament in die Luft sprengen wollte, um die Verfolgung der Katholiken anzuprangern. Der Mann im Anzug ohne Kopf, das Logo der Bewegung, steht für eine Organisation ohne Anführer: Jeder kann Anonymous sein. Eine Vielzahl von Websites und Foren, Social-Network-Profilen und YouTube-Angeboten propagiert die Grundideen und -ziele der Bewegung.
Dauerfeuer aus Ionenkanonen
Anonymous setzt häufig auf Distributed-Denial-of-Service- oder kurz DDoS-Attacken. Darunter versteht man Angriffe über das Internet, bei der eine Vielzahl von Rechnern für so massenhafte Seitenaufrufe sorgt, dass die angegriffenen Server mit der Überlast nicht mehr fertig werden und kollabieren. Meist sind sie Stunden später aber wieder am Netz. Die "Niederorbit-Ionenkanone" ist ein Tool, das DDoS-Attacken für jedermann ermöglicht - und den freiwilligen Anschluss an ein Botnetz. Klingt cool, ist bei Einsatz aber kriminell. Anonymous hat mehrere zehntausend dieser DDoS-Tools für sogenannte Raids in Umlauf gebracht.
Anonymous gegen Scientology
REUTERS
Anlass zur Gründung der Bewegung waren 2008 Versuche von Scientologen, das Internet zensieren zu lassen: Ein ganz besonders wirres Video, in dem der Schauspieler Tom Cruise über Scientology redet, sollte aus dem Web entfernt werden. In den Foren einiger Imageboards (vor allem 4Chan, wo alle Teilnehmer Anonymous heißen) wurde daraufhin eine DDoS-Attacke verabredet. Seitdem protestiert ein "Arm" von Anonymous regelmäßig, auch ganz in echt auf der Straße, gegen Scientology.
Unterstützung für WikiLeaks
Bekannt wurde Anonymous durch Blockade-Angriffe auf Mastercard und Visa, die "Operation Payback". Die Finanzdienstleister hatte der Enthüllungsplattform WikiLeaks die Unterstütung entzogen. Später startete Anonymous "Operation Leakspin", eine Crowdsourcing-Initiative, um die von WikiLeaks veröffentlichten Dokumente nach interessanten Geschichten zu durchsuchen. Sympathisanten sollen ihre Energie darin investieren, Enthüllungen in "bürgerjounalistischer" Aufmachung auf allen denkbaren Kanälen so weit wie möglich zu verbreiten.
Anonymous und Sony
REUTERS
Sony möchte nicht, dass die Nutzer der Playstation auf der Spielkonsole eigene Software laufen lassen. Der Hacker GeoHot veröffentlichte eine Anleitung, wie es trotzdem geht - und bekam deshalb juristischen Ärger. Anonymous blies als Reaktion Mitte April zum DDoS-Angriff, zur "Operation Sony". Unbekannte stahlen parallel mehr als hundert Millionen Nutzerdaten des Playstation-Networks, weitere Hacker-Angriffe folgten - und Sony verdächtigt Anonymous, beschuldigt die Gruppe der Mittäterschaft.
Im Visier der Ermittler
Die Website-Blockaden provozieren staatliche Gegenwehr: Das FBI ermittelt, Anfang des Jahres wurden Wohnungen durchsucht und Verdächtige festgenommen. In Deutschland durchsuchten Ermittler im Mai, mitten im Wahlkampf, Server der Piratenpartei: Auf einer offenen Plattform soll, ohne Wissen der Partei, ein DDoS-Angriff geplant worden sein. Im Juni nahm die Polizei in Spanien drei mutmaßliche Anonymous-Mitglieder fest, mehr als zwei Millionen Chat-Protokolle sollen ausgewertet worden sein. Auch das Militärbündnis Nato, das sich für den Cyber-War rüstet, hat Anonymous im Visier.


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