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Hackerkongress: Von Geheimnissen und Entschwörungen

Von Helmut Merschmann

Nichts interessiert Hacker so sehr wie guter Code, spannende Gerüchte und eine wohl platzierte Verschwörungstheorie - so auch auf dem heute in Berlin endende Chaos Communication Congress. Selbst Geheimnisse sollen wieder im Kommen sein.

Ausgerechnet gestern Nacht um 23 Uhr setzte der "trampende Wortarbeiter" Daniel Kulla an, die schon ermattete Hackergemeinde über Verschwörungstheorien aufzuklären. Dabei ranken sich um die Zahl 23 selbst zahlreiche konspirative Gedanken. Beim Kultautor Robert Anton Wilson ("Illuminatus"-Trilogie) gilt die Primzahl als Symbol für den Geheimbund der Illuminaten.

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Ihren nachhaltigen Ruf über Hackerkreise hinaus begründete aber erst der Film "23 - Nichts ist so wie es scheint" von Hans-Christian Schmid. Darin beteiligt sich der in den achtziger Jahren dem Chaos Computer Club nahe stehende Hannoveraner Karl Koch an zahlreichen spektakulären Hacks, bis er schließlich an eine weltweite politische Verschwörung glaubt.

Dass der Zusammenhang zwischen Uhrzeit und Vortragsthema den Anwesenden sofort auffiel, kommt nicht von ungefähr. In manchen Hackerkreisen genießen interessante Verschwörungstheorien durchaus ein gewisses Ansehen. Das mag daher rühren, dass es der Szene zumindest zu ihren Anfängen gefiel, einen Nimbus des Konspirativen um sich herum zu errichten. Hacken selbst hatte etwas Verschwörerisches: Wir gegen den Rest der Welt. In seinem Vortrag "Entschwörungstheorie" zeigte Daniel Kulla denn auch auf, dass die Wir-Konstruktion ("Wir sind die Guten") notwendiger Bestandteil einer jeden erfolgreichen Verschwörungstheorie sein muss.

Darüber hinaus weisen Verschwörungstheorien meist eine spannende Geschichte auf, gestützt auf nicht immer uninteressante, mitunter schwer zu widerlegende Annahmen. Beispielsweise zirkulierten nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York offenkundig antisemitisch motivierte Mutmaßungen darüber, der israelische Geheimdienst Mossad sei von den Plänen unterrichtet worden und hätte 4000 israelische Bürger warnen können, die ihren Dienst am 11. September 2001 gar nicht erst antraten. Obwohl der Nachweis, wie unsinnig dieses Gerücht war, umgehend durch die Listen der WTC-Toten erbracht wurde, hält es sich als hartnäckige Verschwörungstheorie.

Der gedankliche Sumpf, der sich meist auf zweifelhafte, schwer nachprüfbare Quellen beruft, und die dahinter dräuende Weltverschwörung sind typisch für konspirologische Ideen. "Verschwörungstheorien sind auch attraktiv", glaubt Daniel Kulla, "weil interessante Dinge zu erfahren sind". Allzu oft allerdings stammten sie aus "kontaminierten Quellen". So konnten die Ursprünge der Mossad-Geschichte später auf ein rechtsradikales amerikanisches Online-Magazin zurückgeführt werden.

Weniger gefährlich, aber nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren die so genannten Fnords - gezielte Desinformationen in Massenmedien. Der Begriff stammt ebenfalls aus der Illuminatus-Trilogie von Wilson und ist den medienkritischen Hackern auf dem alljährlich stattfindenden Berliner Kongress eine stets gut besuchte eigene Veranstaltung wert: die "Fnord News Show". Genüsslich werden dabei skurrile Meldungen präsentiert, die es nicht in die Tagesschau geschafft haben, wohl aber von aufmerksamen Hackern irgendwo im Internet entdeckt und zusammengetragen worden sind. Über ihren Wahrheitsgehalt lässt sich nur mutmaßen. Und manche der Legenden hätten sicherlich das Zeug zu einer eigenen kleinen Verschwörungstheorie.

Wie dicht beisammen Information und Desinformation liegen können, wird immer dann offenbar, wenn Medienberichte sich widersprechen oder revidiert werden. Über die Todesarten von Wim Duisenberg, dem ehemaligen Chef der europäischen Zentralbank, und des britischen Abgeordneten Robin Cook kursierten jeweils mehrere Versionen in den Medien.

Es bleibt der eigenen Fantasie und Spekulation überlassen, auf welche Fassung man sich den besten Reim machen kann - oder die beste Verschwörungstheorie.

Mit ihren halbgaren Fundstücken und Fnords, die auf dem Hackerkongress vom überwiegend sehr jungen Publikum dankbar beklatscht wurden, liegen die Veranstalter voll im Trend. "Es gibt wieder Geheimnisse", glaubt auch CCC-Gründungsmitglied Peter Glaser, "Informationen verschwinden". Der österreichische Journalist und Buchautor sieht das Informationszeitalter auf Abwegen: hinein in die "Geheimnisgesellschaft". Quasi als Reaktion auf den für den wirtschaftlichen und politischen Fortschritt propagierten freien Informationsfluss sei nach dem 11. September 2001 ein Gegenkurs eingeschlagen worden.

Das amerikanische Information Security Oversight Office habe etwa die Klassifikation "top secret" von Behördenakten um über vierzig Prozent auf 15,6 Millionen Dokumente erhöht. Selbst die einmal käuflichen Telefonbücher des Pentagon sind seit 2001 nur noch "für den dienstlichen Gebrauch" bestimmt.

"Die offene Gesellschaft fängt an, die Zugbrücken wieder hochzukurbeln", so Glaser. Dahinter wird bestimmt an Weltverschwörungen gebastelt. Diese aufzudecken, ohne dabei an einer eigenen Gegenverschwörung zu stricken, gehört zum wahren Hacker-Ethos, das auf dem Chaos Communication Congress sorgsam gepflegt und propagiert wurde.

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