"Hacktivismus" Das Pentagon will die "totale Abschreckung"

Das Gespenst vom "Cyberwar" geht um, und die Hüter "kritischer Infrastrukturen" fühlen sich zunehmend bedroht. Dem Pentagon gelang es nun, einen Milliardenetat für Schutzmaßnahmen gegen Cyberattacken loszueisen. Teile sollen dafür verwendet werden, selbst eine schlagkräftige Hackertruppe aufzubauen.

Von


"Cyber-Soldiers" der US-Airforce: Online-Technologien machen schlagkräftiger - und verletztlicher
USAF

"Cyber-Soldiers" der US-Airforce: Online-Technologien machen schlagkräftiger - und verletztlicher

Keine Regierung, kein Großunternehmen kommt heute mehr ohne eine Website aus. Doch die Kontrolle darüber, was darauf zu sehen ist, wird zunehmend schwieriger: "Hacktivismus", der Protest durch Online-Sabotage, ist auf dem Vormarsch.

Am 22. Januar dieses Jahres erlebten die Betreiber von 24 Websites in den USA, Großbritannien und Australien eine böse Überraschung. Die Hackergruppe "Pentaguard" war zu Besuch - und hinterließ ihre Spuren. Wo vorher Informationsangebote von Behörden und Regierungen standen, da prangten nun Forderungen nach mehr Internet-Pornografie, Grüße an weibliche Bekannte und Aufrufe, über Regierungs-Websites Bier zu verkaufen. Ein netter Scherz?

14. Februar 2000: Bill Clinton pflegt sein Image, indem er sich auf einen Chat-Event einlässt - einen Tag vor Beginn einer Konferenz über Computersicherheit im Weißen Haus. Der Chat ist - natürlich - moderiert. Clinton diktiert seine Antworten, auch die Fragen werden ausgewählt, bevor sie online gehen. Was der damalige Präsident nicht zu sehen bekam? Zum Beispiel seine "eigene" Antwort auf eine Frage nach Sex im Internet, die ihm jemand auf ungeklärte Weise zuschob: "Persönlich würde ich gern mehr Pornos im Internet sehen". Kurz darauf erschien auf den Schirmen eine Frage nach dem Verhältnis des Präsidenten zu Monika Lewinsky. Harmlos?

November 2000. Palästinensische Hacker verfremden rund 40 israelische Websites, ihre israelischen Kollegen kümmern sich um 15 palästinensische Seiten. Am Ende sieht es so aus, als hätten die verfeindeten Seiten ihre Propaganda-Inhalte schlicht getauscht. Im Dezember nahmen sich daran indische und pakistanische Hacker ein Beispiel und verhackstückten ähnlich viele Websites mit Kaschmir-Propaganda aus ihrer jeweiligen Perspektive.

Man könnte allein mit den Beispielen des letzten Jahres ein Buch füllen. Egal, ob die Website der Opec für Tage offline geht, Microsoft zugeben muss, dass sich im Netzwerk des Unternehmens Hacker tummelten, der Ober-Terrorist Bin Laden seine Nachrichten neuerdings in so genannten JPGs verstecken lässt - "Hacktivismus" ist offensichtlich auf dem Vormarsch.

Anfang Februar erwischte es das WEF: Hacker hatten Tausende von Telefon- und Kreditkartennummern der World Economic Forum-Besucher von den Servern der WEF "weggefunden". Dass die Täter damit keinen Schindluder trieben, schützte sie vor Strafverfolgung nicht: Die Hacker hatten Politik und Wirtschaft erfolgreich die eigene Verletzlichkeit vor Augen geführt. Eine internationale Fahndungsmaschinerie lief an - nach knapp drei Wochen ging ein erster Tatverdächtiger ins Netz.

Doch selbst beim Einbruch in "kritische Infrastrukturen" ist und bleibt es eine Ausnahme, wenn die Täter ausfindig gemacht werden. Die World Trade Organisation WTO erlebte ihren Kummer im letzten Jahr, als sie mehrere Male Ziel von Hacker-Attacken wurde. Der originellste Hack: Im Rahmen einer Online-Pressekonferenz tauchten plötzlich "Journalisten" mit Namen wie "No-to-WTO" auf, die ziemlich seltsame Fragen stellten. Als der WTO-Moderator ordnend eingreifen wollte, schmissen ihn die Hacker einfach raus. Der Rest der Pressekonferenz fand ohne WTO-Beteiligung statt.

Harmlos? Witzig? Originell?

Hacktivism-Forum: "Die Straße findet ihre eigenen Nutzungen für Technologien"

Hacktivism-Forum: "Die Straße findet ihre eigenen Nutzungen für Technologien"

Aber ja, sie ist es - noch. Hacktivismus, die kreative Online-Sabotage, wird zunehmend zum Mittel der Wahl zahlreicher politischer Aktivisten. Das hat ein gewisses Robin-Hood-Flair. Hand aufs Herz: Wer grinst nicht, wenn er von "Hacks" wie den oben geschilderten hört?

Hacktivismus dieser Form, könnte man argumentieren, verletzt niemanden. Imageschäden und Reparaturkosten entstehen, in der Regel aber kein bleibender Schaden. Noch: Neben der Online-Spaß-Guerilla wächst auch die Gefahr des "Cyber-Terrorismus".

Das sagen zumindest Pentagon, CIA und FBI, NSA (National Security Agency) und BND - und wie sie alle heißen. Und hier beginnt das Problem.

Das Pentagon will eine Schrotflinte, um Scharfschützen zu bekämpfen

Denn im Kielwasser der immer zahlreicheren Störaktionen politisch motivierter Hacker fahren die Geheimdienste in Richtung Etaterhöhung und Freibrief zum Schnüffeln. Mitte Februar äußerten sich in Washington die Köpfe von Geheimdiensten und Militär anlässlich eines Senats-Hearings über Fragen der Sicherheit zu ihren Albträumen in Sachen Hacktivismus. Eines der größten Sicherheitsrisiken, ließ sich Admiral Tom Wilson, Kopf des militärischen Geheimdienstes Defense Intelligence Agency, vernehmen, bestehe derzeit darin, dass Fidel Castro, 74-Jähriger Hackerführer aus Kuba, versuchen könnte, seine militärische Unterlegenheit online auszugleichen.

Auf die Rückfrage, ob er wirklich daran glaube, dass so etwas eine "reale Bedrohung" sein könne, antwortete Wilson: "Es gibt sicherlich das Potenzial, dass die Kubaner solche Taktiken gegen eine moderne und überlegene Supermacht anwenden könnten".

Was müssen den Geheimdienstchefs die Nerven zittern: Mehr Konjunktive hätte Wilson kaum in einen Satz packen können. Immerhin: Zumindest Online-Spionage ist Gang und Gäbe, auf allen Seiten. Was da alles möglich ist, wissen vor allem die USA aus allererster Quelle: Keine Nation schnüffelt selbst die eigenen Verbündeten unverfrorener aus, als die Amerikaner - siehe "Echolon".

Was sie nicht davor schützt, selbst auch zum Opfer zu werden. Gerade eben musste die US-Navy zähneknirschend einräumen, dass es am Wochenende einen Hack in ihre Systeme gab. Raketendaten seien entwendet worden, aber - so beschwichtigt die Navy - "nichts Geheimes".

"Virtueller NMD": Ein 50-Milliarden-Dollar-Programm?

Dass es nicht geheime Raketendaten gibt, war bisher ein militärisches Geheimnis. Immerhin dürfte die Nachricht die US-Militärs gefreut haben: Einen besseren "Flankenschutz" für die Vorstellung ihres "virtuellen NMD" hätten sich die Pentagon-Strategen kaum wünschen können.

Ex-Präsident Bill Clinton: Plötzlich antwortete im Chat jemand in seinem Namen
AP

Ex-Präsident Bill Clinton: Plötzlich antwortete im Chat jemand in seinem Namen

Denn seit dem Wochenende ist es raus: Dem Pentagon ist es gelungen, den Verteidigungsetat ganz kräftig aufzustocken. Bis zu 50 Milliarden Dollar, berichtet das "Handelsblatt", will sich Amerika den Aufbau eines "Hackerschutzschildes" in den nächsten zwei Jahren kosten lassen. Dieses sei das unabdingbare virtuelle Gegenstück zum Raketenschutzschild NMD - das eine ohne das andere sinnlos und nicht denkbar.

Keine Frage, dass die Gefahr eines militärische Maßnahmen flankierenden Hacks tatsächlich steigt. Doch neben den staatlich bezahlten Hackern gibt es weit zahlreichere "Hacktivisten", die online vergleichsweise harmlose, aber publikumswirksame Protestmöglichkeiten gefunden haben. Doch selbst ihre "Defacings", die Veränderung von Websites durch Hacks, werden nun zu Argumenten für Militärs und Geheimdienste, immer effektivere Schutz-, Kontroll- und Schnüffelprogramme durchzuziehen.

Und sie sind Anlass, auch das scheint nun klar, zunehmend auch aggressive Schritte einzuleiten. So zitiert das "Handelblatt" den "Berater" des US-Geheimdienstes NSA, James Adams, es solle eine "totale Abschreckung" erreicht werden. Adams: "Wenn ein Staat unsere Wasserversorgung unterbricht, müssen wir im Stande sein, seine Stromversorgung oder sein Bankensystem lahmzulegen". Dass CIA und Pentagon Hacker beschäftigen, ist nicht neu. Dass diese nun aber von der Schnüffel- und Schutz- zur virtuellen Angriffstruppe umgeschmiedet werden sollen, wurde bisher so öffentlich nicht gesagt.

Die "Hacktivisten" selbst sind sich darüber im Klaren

"Flint Jones" beantwortete am 11. Februar, kurz nach dem WEF-Hack, Bedenken des "Hacktivism"-Forums-Besuchers "Bronc Buster": "Du mahnst uns, bestimmte Taktiken nicht einzusetzen, weil sie zu einer zunehmenden Repression und Kontrolle des Webs durch die Regierung führen könnten. Aber das ist genau das Argument, das gegen Straßen-Aktivismus vorgebracht wird. Militante Taktiken mögen dem Staat als Anlass und Begründung dienen, einzugreifen. Die Straße wird ihre eigenen Nutzungen für Technologien finden."

Die Eskalation ist damit vorprogrammiert.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.