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Halbnackt in San Francisco: Google entblößt Ahnungslose

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Der Internet-Konzern Google hat San Franciscos Straßen abgefilmt und präsentiert die Bilder jetzt in seinem Atlas Google Maps. Leider sind darauf auch sonnenbadende Bikini-Mädchen, Nasenbohrer und Pornokino-Besucher zu sehen – allesamt ahnungslos abgelichtet.

Mary Kalin-Casey ist sauer. Die Hausverwalterin aus dem kalifornischen Oakland hat wie viele Web-Nutzer diese Woche Googles neuen Dienst Street View ausprobiert. Google hat die Straßen ihrer Stadt - und die von San Francisco, der Bay Area, New York und Las Vegas - fotografiert. Kalin-Casey will sehen, wie hier ihr Haus aussieht. Also tippt sie ihre Adresse ein, zoomt sich an das hellgelbe Haus heran und erschrickt: Das Fotomaterial ist so detailreich, dass Kalin-Casey durch ihr Wohnzimmer-Fenster in der zweiten Etage ihren Kater Monty erkennen kann, der auf seinem Katzenbaum sitzt.

Kalin-Casey hat Angst, sie protestiert, sagt der "New York Times": "Wo zieht man die Grenze zwischen dem Fotografieren öffentlicher Plätze und dem Heranzoomen ins Privatleben anderer Menschen?" Wie detailreich das Bildmaterial von Street View ist, demonstrieren schon ganz harmlose Beispiele: Auf dem Marina Drive vor der Golden Gate Bridge in San Francisco sieht man einen Isuzu Geländewagen stehen, Kennzeichen 4WAM538. Ein blonder Mann mit Sonnenbrille beugt sich über die Motorhaube, ein runder älterer Herr steht mit einem Jungen an der offenen Fahrertür.

Ein harmloses Beispiel - schließlich sind die drei vollständig bekleidet und wahrscheinlich haben sie nichts dagegen, gemeinsam gesehen zu werden. Gefragt hat sie aber niemand.

Google ist sich dieser Problematik offensichtlich bewusst. Mit zwei Mausklicks kann jeder Street-View-Nutzer "unangemessene Inhalte" melden. Als mögliche Gründe gibt Google unter anderem vor: Verletzung der Privatsphäre, Gefährdung der persönlichen Sicherheit. Auf die Vorwürfe, Street View verletze generell die Privatsphäre der fotografierten Passanten, reagierte Google hingegen schmallippig mit folgender Stellungnahme im IT-Fachdienst Cnet: "Street View zeigt nur Fotos, die im öffentlichen Raum aufgenommen wurden. Diese Bilder unterscheiden sich durch nichts von den Dingen, die jedermann sehen und fotografieren kann, wenn er eine Straße entlanggeht."

Das stimmt - nur können solche Eindrücke von Passanten nicht verlinkt und millionenfach auf Webseiten verbreitet werden. Genau das aber passiert gerade mit den pikantesten und peinlichsten Bildern aus Street View.

Für Kalin-Casey hat Google ihre Privatsphäre mit dem Blick ins Wohnzimmer eindeutig überschritten. Was aber sollen erst die Menschen sagen, die für Googles neues Fotoreservoir unwissend im Bikini, beim Bohren in der Nase oder vor einem Pornokino fotografiert wurden?

Privates in der Internet-Öffentlichkeit -
drei streitbare Straßenszenen auf Google Maps:

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