Handel mit Erkennungsmarken Soldatenschicksale zu ersteigern

Immer häufiger werden Erkennungsmarken deutscher Wehrmachtssoldaten im Internet versteigert - angeboten von Grabplünderern und dubiosen Zwischenhändlern. Experten sind alarmiert: Mit den Blechmarken verschwindet der letzte Hinweis auf das Schicksal Tausender vermisster Landser.

Von Roman Heflik


Die Hoffnung von Frau K. ist aus Blech. Gewalzt zu einem ovalen Plättchen von etwa zehn Zentimeter Breite, in der Mitte perforiert zum Durchbrechen. In scheinbar kryptischer Reihenfolge sind einige Buchstaben und Zahlen ins Metall gestanzt. Für Frau K. aber enthält diese Erkennungsmarke eine Botschaft, auf die sie seit über sechzig Jahren wartet. Es ist die Nachricht vom Tod ihres Mannes. Seit der Schlacht um Stalingrad 1943 gilt er als vermisst - genauso wie rund 120.000 andere in dem Kessel gefallene Deutsche, deren Leichen niemals gefunden wurden.

Aber die Nachricht wird Frau K. niemals erhalten. Denn das Schicksal ihres Mannes wurde vor kurzem von "vlad2308" ausgelöscht. Für ein paar Dollar hat der anonyme Anbieter aus Russland die Erkennungsmarke bei eBay an einen Militaria-Sammler verkauft. Die Metallplatte war das einzige, das seinem früheren Träger noch eine Identität gegeben hatte.

Dutzende Erkennungsmarken deutscher Wehrmachtssoldaten hat "vlad2308" bereits bei eBay versteigert - sie werden im Auktionstitel meist als "Hundemarken" bezeichnet. Rund 40.000 Dollar habe "Vlad" damit vermutlich schon verdient, schätzt Guntram Berndt. Er ist Vorstandsmitglied des Vereins zur Klärung von Schicksalen Vermisster und Gefallener ( VKSVG). "Der Handel mit den Marken ist ein lukratives Geschäft, relativ unkompliziert über Internet und Postversand abzuwickeln", sagt Berndt. 

Wenn auf einem früheren Schlachtfeld Gebeine entdeckt werden, helfen die Mitglieder des Vereins VKSVG. In Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge protokollieren sie penibel den Fund und die Erkennungsnummer, bevor sie die Toten umbetten. Ein Ende der Arbeit ist nicht in Sicht: Noch immer gelten allein 1,1 Millionen deutsche Armeeangehörige vor allem im Osten als vermisst.

Helme und Koppelschlösser geraubt

Doch ob an der Wolga oder in den Wäldern Brandenburgs: Immer wieder stoßen die ehrenamtlichen Helfer auf Knochenhaufen, in denen Grabplünderer gewühlt haben. Oft fehlen den Skeletten dann nicht nur ihre ovalen Blechzeichen, sondern auch alles andere, was sich auf dem internationalen Militaria-Markt zu Geld machen lässt: Waffen, Helme, Koppelschlösser.

Viele tauchen auf Flohmärkten oder im Internet wieder auf. Zwischen zehn und 40 Dollar bringt eine gewöhnliche "Hundemarke". War der Tote Mitglied der Waffen-SS, blättern Militaria-Fans für das vermeintlich prestigeträchtige Stück schon mal bis zu 150 Dollar hin. Die Abzeichen und Marken habe er von "ein paar Jungen", die ehrenamtlich nach den Überresten gefallener Soldaten graben würden, behauptet "vlad2308" im Internet. Auf schriftliche Nachfragen reagiert er nicht.

"Für uns ist das Entfernen der Marken ein sehr akutes Problem", stellt Peter Gerhardt von der Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht fest. "Weil uns damit die Möglichkeit genommen wird, den Toten einen Namen zu geben." Rechtlich gesehen gehören seiner Behörde die Marken, sie verwaltet auch Millionen Personalkarten deutscher Kriegsteilnehmer. Die Beamten erfassen die Funde und Umbettungen bislang vermisster Soldaten, lassen die Sterbeurkunden ausstellen und informieren die Angehörigen.

Für die Hinterbliebenen seien die Mitteilungen der Dienststelle unglaublich wichtig, sagt Gerhardt. "Mir hat eine alte Dame geschrieben: 'Jetzt kann ich endlich in Ruhe sterben. Ich weiß, dass er ein ordentliches Grab hat.'" Manche Angehörigen hätten sogar das Glück, dass bei dem Toten noch Wertsachen gefunden werden, eine Brieftasche mit Foto oder einen Ehering. "Wenn der Tote aber nicht eindeutig identifiziert werden kann, bleiben sie für immer im Unklaren."

Für deutsche eBayer nur scheinbar verboten

"Auktionen von Erkennungsmarken, die nachweislich von vermissten Soldaten stammen", seien dem Unternehmen "nicht bekannt", heißt es in einer Stellungnahme eBays gegenüber SPIEGEL ONLINE. Eine Plakette könne schließlich auch "aus Dachbodenfunden stammen oder von dem Träger an den Sohn oder den Enkel verschenkt worden sein." Diese Erklärung überzeugt jedoch kaum. Als Gerhardts Behörde bei einer Stichprobe drei über eBay angebotene Erkennungsnummern überprüfte, stieß man prompt auf die Karteikarten von drei bislang verschollenen Landsern.

Ganz geheuer scheint aber auch den Auktionsveranstaltern das Thema nicht zu sein. Für deutsche User ist die Teilnahme an solchen Versteigerungen blockiert - mit zwei Veränderungen an den Browsereinstellungen lässt sich die vermeintliche Sperre allerdings schnell umgehen. Für amerikanische und britische Mit-Auktionäre ändert sich sowieso nichts. Man habe, so heißt es bei dem Unternehmen, in dieser Frage Kontakt mit der deutschen Dienststelle aufgenommen.

"Ihr kauft Identitäten von Menschen!"

Besondere Eile hatte man aber damit bislang anscheinend nicht: Bereits vor zwei Jahren habe er eBay in dieser Angelegenheit kontaktiert, sagt Gerhard. Und obwohl auch momentan wieder verschiedene Erkennungsmarken versteigert werden, gibt es noch keinen festen Gesprächstermin mit einem eBay-Vertreter.

Vermissten-Fahnder Guntram Berndt spricht jetzt lieber in Internetforen Militaria-Liebhaber direkt an: "Ich habe denen geschrieben: Leute, ihr kauft Identitäten von Menschen! Die sind dann für immer weg!" Inzwischen, berichtet Berndt, hätten ihm einige zerknirschte Sammler geantwortet: Sie hätten ja keine Ahnung gehabt, woher die Marken stammten.

"Vlad2308" ist mittlerweile nicht mehr bei eBay registriert. Seine zweifelhaften Memorabilien vertreibt er nun angeblich über andere Internetauktionshäuser, bei denen ebenfalls die sogenannten Hundemarken angeboten werden. Auf eBay hat sich bereits ein Nachfolger gefunden: Unter der Kennung "Szwarawilczyca" verkauft ein polnischer Händler gleich dutzendfach Erkennungsmarken deutscher Soldaten. Viele davon sind rostig. Als ob sie lange in der Erde gelegen hätten.



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