Handy-Baggern Schnelle Nummer in der U-Bahn

Pendler haben eine neue Flirtmethode für Londons Vorortzüge entwickelt. Sie funken einfach alle Leute im Umkreis an, die ein Bluetooth-Handy besitzen. "Toothing" heißt die neue Kuppeltechnik. Im Internet wird schon eifrig mit heißem Sex auf der Bahnhofstoilette geprahlt.

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U-Bahn in London: "Mädchen, die Spaß suchen?"
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U-Bahn in London: "Mädchen, die Spaß suchen?"

Hightech und Hormone - das ist eine äußerst erfolgversprechende Mischung. Angeblich sollen Pornofilme ja der Videokassette zum Durchbruch verholfen haben - auch lukrative Geschäfte im Internet waren anfangs vor allem triebgesteuert.

Sex könnte nun auch einer Funktechnik den endgültigen Durchbruch verschaffen, von der die meisten gar nicht wissen, dass sie sogar ihr eigenes Handy beherrscht. Bluetooth heißt der Funkstandard, der Mobiltelefon und Laptop schnurlos verbindet, aber auch zum heißen Chat mit Unbekannten taugt.

Die Idee dazu entstand in einem überfüllten Londoner Vorortzug. In den S-Bahnen mangelt es zwar nicht an attraktiven Menschen, dafür aber an Gelegenheiten (und am Mut) zum Flirt.

Ein London-Pendler namens Jon ergriff im November die Initiative, als er anfing, mit der Bluetooth-Funktion seines Handys herumzuspielen. Jon ließ sein Handy nach anderen Bluetooth-Telefonen suchen und verschickte kurze Textnachrichten.

Der Funk reicht nur wenige Meter weit. In seinem Vorortzug wurde er jedoch nach wenigen Tagen des Probierens fündig. Eine Frau namens Angela antwortete mehrmals und schlug schließlich ein kurzes Treffen auf der Bahnhofstoilette vor, berichtet Jon in einer E-Mail.

"Das Rendezvous war keine romantische Sache - es ging nur um Sex. Wir trafen uns, wir vögelten und Toothing war geboren." Mittlerweile betreibt Jon alias "Toothy Toothing" ein eigenes Forum zum Hightech-Flirt für Pendler und hat einen "Anfänger-Guide Toothing" erstellt.

"Toothing ist eine Form von anonymem Sex mit Unbekannten - meist in Transportmitteln oder geschlossenen Räumen wie Konferenzen oder Seminaren", heißt es in der Definition. Toother lernen sich über moderne Mobiltelefone oder PDAs kennen, mit denen sie "mehrdeutige Nachrichten" verschicken. Die gebräuchliche Anrede lautet angeblich: "Toothing?"

Bagger-Werkzeug der Männer

Über den Wahrheitsgehalt der Bahnhofstoiletten-Nummer lässt sich reichlich spekulieren - das Forum erfreut sich jedenfalls einer gewissen Aufmerksamkeit. Wie nicht anders zu erwarten, tummeln sich darin überwiegend Männer, die verzweifelt nach interessierten Pendlerinnen suchen und ihnen notfalls auch beim Einrichten ihres Handys unter die Arme greifen.

Pendler: "Anonymer Sex mit Unbekannten"
AP

Pendler: "Anonymer Sex mit Unbekannten"

"Mädchen, die im London-Zug Spaß suchen?", fragt ein 30-Jähriger im Forum, der täglich 7.55 Uhr den Zug von Waterloo nach Guildford nimmt. Eine Frau, Ende zwanzig, antwortet: "Nehme immer den 8.08 Uhr Zug, würde aber auch früher fahren. Passt Montag?"

Die neue Flirtmethode hat sich längst auch außerhalb Englands herumgesprochen. "Ich will versuchen, Toothing in Deutschland zu etablieren", postet ein Deutscher namens Nachtfuernacht. "So, an alle Kölner, dann lasst es mal funken!" - Doch so richtig ist der Funke noch nicht übergesprungen - geantwortet hat vorerst niemand.

Die Kontaktaufnahme wird im Toothing-Forum ausführlich beschrieben. Der einfachste Weg geht über das Adressbuch des Telefons. Man legt einen neuen Kontakt an - etwa unter dem Namen "Toothing?" - und sendet diesen dann mit Bluetooth an Telefone in der Umgebung. Das funktioniert natürlich nur, wenn im Umkreis weniger Meter bei irgendeinem Handy der Bluetooth-Funk aktiviert ist.

"Alles, was ich finde, sind Jungs"

In den Londoner Vorortzügen scheint das relativ selten zu passieren. Ein Kontaktsuchender mit dem Namen Redlinetooth klagt: "Warum haben Frauen in der Central Line entweder ihr Bluetooth nicht aktiviert oder ihrem Handy keinen Namen gegeben? Seit drei Monaten probiere ich es täglich auf dieser Linie. Alles was ich finde sind Jungs oder 'T610'(T610 heißt ein Handy von Sony-Ericsson)!" Telefonhersteller sollten in ihre Bedienungsanleitungen ein Extra-Kapitel zur Bluetooth-Einstellung aufnehmen, fordert ein anderer Forumsteilnehmer

Schüler mit Handys: Kostenlos-Chat als Alternative zu teuren Partnerbörsen
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Schüler mit Handys: Kostenlos-Chat als Alternative zu teuren Partnerbörsen

Für reichlich Konfusion sorgen außerdem schwule Männer, die ihrem Handy Frauennamen geben und Heteros an der Nase herum führen. "Jungs, bitte ändert die Bezeichnung eurer Telefone, damit wir wissen, dass wir es mit Jungs zu tun haben ...", schreibt ein verwirrter Toother.

Doch die schwule Community will sich den Flirtspaß nicht nehmen lassen und beansprucht Toothing gar für sich allein: "Ich sag's euch nur ein Mal", schreibt ein bekennender Homosexueller. "Das ist ein schwules Ding, ihr traurigen Heteros!"

Klappt das überhaupt?

Auch wenn Toothing insgesamt eine etwas hakelige Art ist, andere zu kontaktieren, so hat sie einen entscheidenden Vorteil: Das Funken ist vollkommen kostenlos. Mobilfunknetzbetreiber, die für Kids teure Kontaktbörsen entwickeln, dürfte der Kostenlos-Chat noch einige Kopfschmerzen bereiten. Toothing könnte sich durchaus zur weit verbreiteten Freizeitbeschäftigung entwickeln - nicht nur für notgeile Jungs.

Die Aussichten auf eine schnelle Nummer scheinen ohnehin nicht allzu groß zu sein. "Lasst mich wissen, wie hoch die Erfolgsquote ist", schreibt ein Mann aus Italien, der gewöhnlich per Auto zur Arbeit fährt, angesichts der neuen Kontaktmöglichkeiten aber erwägt, auf Busse und Bahnen umzusteigen. "So um die fünf Prozent", meint ein User namens "Grow Up". Ob ihm das reicht, sein Auto stehen zu lassen?

Ganz ohne Risiko ist Toothing freilich nicht. Hacker können Sicherheitslücken in der Bluetooth-Funktion ausnutzen und ein fremdes Handy quasi kapern. Man spricht vom so genannten Bluejacking. Die Eindringlinge haben dann Zugriff auf das Adressbuch, können SMS lesen und auch heimlich Telefonate starten - auch zu den teuren 0190er Nummern. Wer böse Überraschungen auf der Handyrechnung vermeiden will, sollte die Bluetooth-Funktion deshalb möglichst immer ausschalten. Mit dem anonymen Flirten ist dann allerdings auch Schluss.



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