Hannover 1986 Als Quotenmädchen auf der Cebit

In den achtziger Jahren gab's noch keine Farbdrucker und der Atari ST schaffte gerade mal 16 Farben - doch für eine junge Schülerin aus Niederbayern waren die billig dekorierten Messehallen trotzdem der Nabel der Welt. Sie reiste als Computer-Missionarin ins graue Hannover.

Von Kathrin Passig


Cebit 1987: Nerdpullover, Bundeswehrparka und lange Haare
Messe-AG Hannover

Cebit 1987: Nerdpullover, Bundeswehrparka und lange Haare

Schlimmer als der normale März ist der März in Hannover, und noch schlimmer ist der März in Hannover auf der Cebit. An diesem öden, windgebeutelten Ort am Ende des Universums mit der lindgrünen Kindereisenbahn zum Messegelände hinauszufahren und dort leere Verpackungen zu besichtigen ist für die meisten kaum erstrebenswerter als eine Expedition ins ewige Eis. Aber auch die Polarforschung weckt in manchen Menschen romantische Sehnsüchte, und mich ergreift jeden März der irrationale Wunsch, mich warm anzuziehen und nach Hannover aufzubrechen. Schuld daran sind frühkindliche Prägungen.

1986 waren erstmals Entwicklungshelfer vom "Verein zur Förderung der Pädagogik der Informationstechnologien" (VFPI) in unserem niederbayerischen Jugendzentrum aufgetaucht. Ein freundlicher Onkel hatte einen ausrangierten IBM XT mit der Teenie-Kult-Software WordPerfect überbracht und gefragt, wer mit ihm auf die Cebit kommen und dort jungen Menschen den Computer näherbringen wollte.

Meine Freunde Peter und Hayo verkauften ihre Seele auf der Stelle; sie hatten schon seit Jahren nach der Schule in der Karstadt-Computerabteilung handschriftlich notierte "Moonlander"-Spiele eingetippt und freiberufliche Gonzo-Kundenberatung betrieben. Ich wurde Quotenmädchen, weil ich über drei entscheidende Schlüsselqualifikationen verfügte: Ich hatte meinem Bruder Hex-Listings für seinen VC20 diktiert (vor einem Fernseher, auf dem jedes Pixel so groß war wie heute ein ganzes Handydisplay). Ich hatte Rodney Zaks' "Programmierung des 6502" gelesen, um Männer zu beeindrucken. (Männer sahen im Großen und Ganzen schon so aus wie heute, nur Bartwuchs gehörte noch nicht zum Standard-Lieferumfang.) Und es gab keine anderen Interessentinnen.

So ergab es sich, dass wir mehrere Jahre lang zur Cebit zwei Wochen schulfrei bekamen - 1988 opferten wir dafür leichten Herzens die Klassenfahrt nach Rom - und in Hayos pinkfarbenem Heckflossenmercedes nach Hannover reisten. Im Kassettenrecorder liefen Matt Bianco ("Whose Side Are You On?") und Laurie Anderson ("Big Science"), wir hatten keine Drogen, keine Ahnung und größtenteils noch nicht mal Führerscheine, aber Kesey und Cassady kann die Reise im "Further"-Bus zur Weltausstellung kaum verheißungsvoller erschienen sein. Hannover war eindeutig The Place Where It's At. So wenig wussten wir.

Unsere Aufgabe war die Betreuung eines Grafikwettbewerbs in der mit Zelten, Regenbögen und der Aufforderung "Come on ins Camp!" dekorierten Halle 15. Die Wettbewerbsbeiträge waren an drei Atari STs mit Farbmonitoren nicht etwa mit Hilfe komfortabler Grafiksoftware zusammenzuklicken, sondern in GFA-Basic zu programmieren. Verliererbeiträge zeigten bunte Kreise und etwas Krickelkrackel, Gewinnerbeiträge eine Gitternetzgrafik, bunte Kreise und etwas Krickelkrackel. Die sechzehn Default-Farben wurden in jedem Fall voll ausgeschöpft.



Experten hätten theoretisch von der innovativen Möglichkeit des Atari ST Gebrauch machen können, aus einer Palette von 512 Farben sechzehn halbwegs zusammenpassende auszuwählen, aber das ist meines Wissens nie vorgekommen. Insofern war es vielleicht ganz günstig, dass wir über keine Möglichkeit verfügten, die Wettbewerbsbeiträge auszudrucken, auch wenn ein Teilnehmer uns zu diesem Zweck eine Technik vermittelte, bei der man lediglich 16 DIN-A4-Blätter mit Pastellkreiden zu bemalen, nacheinander als Durchschlagpapier in einen Nadeldrucker einzuspannen und das Ergebnis mit Haarspray zu fixieren brauchte. Die Preise waren von anthroposophisch orientierten Behindertenwerkstätten gestiftet worden und entsprachen in ihrer Attraktivität exakt den Wettbewerbsbeiträgen.

Wer nicht gerade zur Standbetreuung gebraucht wurde, durfte Werbegeschenke schnorren gehen. Bis heute verdanke ich diesen Feldzügen Teile meines Hausrats: aufrollbare Metallmaßbänder, Flaschenöffner und unbestimmte schlüsselartige Dinge mit den Firmenlogos längst ausgestorbener Unternehmen. Fotos zeigen uns in Bundeswehrparka und Palästinensertuch (ich) respektive von Mutter gekauftem Nerdpullover (Peter) und langen Haaren (alle) zwischen pyramidenförmigen Plexiglas-Deko-Installationen und Plastikpalmen.

Mission: Jungen Menschen den Computer näherbringen
Messe-AG Hannover

Mission: Jungen Menschen den Computer näherbringen

Besonders entzückten mich besoffene Pöbeleien in der Stadtbahn. Wo wir herkamen, wurde man Bürgermeister, wenn man Hochdeutsch konnte, und in diesem gelobten Land sprachen das selbst die Penner. Die Cebit war der Höhepunkt des Jahres und blieb es bis 1989. In diesem Jahr machten wir das Abitur und Bill Gates hielt eine Rede, in der er begründete, warum nicht Unix, sondern OS/2 die Betriebssystem-Zukunft bestimmen werde.

Compaq stellte eine "superschnelle 33-MHz-Version des Mikroprozessors 80386" vor, die in der preiswertesten Konfiguration schon ab 22.500 DM zu haben war. Für 3400 DM konnte man sich das erste legale 9600-Baud-Modem zulegen. Wir wurden zu alt für den VFPI und die Cebit hatte es nicht mehr nötig, Jugendliche extra anzulocken. Wann der VFPI von der Bildfläche verschwand, um IT-Förderprogrammen für Senioren Platz zu machen, lässt sich nicht mehr nachvollziehen: Eine Google-Suche ergibt heute nur noch vier nichtssagende Treffer.

Ich hielt die Trennung für eine vorübergehende, denn wenn ich groß war, wollte ich in der schönsten Stadt der Welt studieren: in Hannover. So weit ist es dann zum Glück doch nicht gekommen, denn auch meiner Vernunft wurden in den nächsten Jahren wesentliche Upgrades zuteil. Aber noch heute verschafft mir die Anfahrt auf dem Messeschnellweg durch nasse, kahle Märzwälder das Gefühl, zur besten Zeit am besten Ort der Welt zu sein.

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