Harvard-Studie zu Videospielen "Nichtspielen ist ein Zeichen fehlender Sozialkompetenz"

An der Harvard University in Massachusetts wurde kürzlich eine der größten Studien zur Auswirkung von Videospielen auf Kinder und Jugendliche durchgeführt. Die leitende Wissenschaftlerin Cheryl K. Olson nennt die Ergebnisse "überraschend".


Auf Basis Ihrer Studie erscheint ein Buch mit dem Untertitel "The Surprising Truth About Violent Videogames". Was ist die überraschende Wahrheit?

Wissenschaftlerin Olson: Ein Zusammenhang von Games und der Gewalt an Schulen ist nicht zu beweisen.
Heiko Gogolin

Wissenschaftlerin Olson: Ein Zusammenhang von Games und der Gewalt an Schulen ist nicht zu beweisen.

Olson: Die Menschen sollten aufhören, sich über Kinder, die viele Games spielen, Sorgen zu machen. Im Gegenteil: Unseren Ergebnissen zufolge besitzen Kinder, die keinen Kontakt zu Videospielen haben, mehr Probleme in der Schule oder im Elternhaus. Nicht dass Games per se glücklich machen - aber da die meisten Titel gemeinsam gespielt werden, ist ein Nichtspielen heutzutage ein Zeichen von fehlender Sozialkompetenz. Genauso ist ein Zusammenhang von Games und der Gewalt an Schulen oder den Attentaten in Columbine oder in Deutschland nicht zu beweisen.

Irren sich denn alle Untersuchungen, die Gegenteiliges behaupten?

Olson: Mit Verlaub, aber die meisten Studien zum Thema sind Müll. Sie werden von Psychologen durchgeführt, die keine Ahnung von Videospielen haben und Menschen in einer künstlichen Umgebung 15 Minuten Games spielen und vergleichen lassen. Eine Viertelstunde! In der Zeit habe ich gerade mal die verdammte Steuerung verinnerlicht. Meistens werden Extreme gegenübergestellt. Wie ein Egoshooter und ein Adventure wie "Myst", bei dem gar nichts passiert. Kein Wunder, dass herauskommt, Shooter würden eher die Aggression fördern. Außerdem wird die meiste Forschung von Institutionen finanziert, die ein bestimmtes Resultat zu Tage fördern möchten. Unsere Arbeit wurde von einem Republikaner aus dem Justizministerium initiiert, der gerne gesehen hätte, dass "GTA" Jugendliche gefährdet.

Solch eine Voreingenommenheit ließe sich aber auch Studien vorwerfen, die Videospiele in ein ungemein positives Licht rücken.

Olson: Die gibt es erheblich seltener. Aber, ja: Von der Gamesindustrie selbst finanzierte Forschung ist ebenso mit Vorsicht zu genießen.

Was macht Ihre Studie anders?

Olson: Wir sind möglichst neutral herangegangen und haben 1200 Eltern und Kinder befragt. Eine so große Studie zu diesem Thema gab es noch nicht. Während anderswo nur auf weiße Mittelstandskinder geschaut wird, war es uns wichtig, Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus und unterschiedlicher Ethnizität zu befragen. Und vor allem auch viele Mädchen.

Wie unterscheidet sich der Konsum von Mädchen von dem der Jungs?

Olson: Jungs spielen öfter in Gruppen, Mädchen in der Regel alleine. Überraschend ist, dass ein brutales Spiel wie "GTA" hinter den "Sims" das zweitbeliebteste Spiel unter Mädchen war. Ich würde irgendwann gerne herausfinden, ob sie das vom Gameplay her sehr offene Spiel anders nutzen als Jungs.

Was hat der republikanische Politiker denn zu den Ergebnissen gesagt?

Olson: Er wollte uns eigentlich nach Washington einladen, um über die Resultate zu sprechen. Aber er hat sich bisher nicht wieder gemeldet.

Gespräch: Heiko Gogolin



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