Rassismus auf Facebook Hass bitte melden

Auf Facebook ist das Alltag: Hetze gegen Flüchtlinge, Falschinformationen, Aufrufe zu Gewalt. Das Netzwerk löscht nur wenige solcher Beiträge. Was also tun gegen Online-Hass? Drei Experten geben Ratschläge.

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Facebook-Nutzer hetzen gegen Flüchtlinge? Bis zu einem bestimmten, nicht genau definierten Punkt hat das Netzwerk damit offensichtlich kein Problem.

Facebook hat eine sehr eigene - in Deutschland umstrittene und ungewöhnliche - Haltung zum Thema Hasskommentare. Schon seit Wochen wird Facebook für seine Löschpolitik kritisiert, etwa von Justizminister Heiko Maas. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich per Zeitungsinterview in die Diskussion eingeschaltet.

Immer wieder berichten Nutzer und Medien von Postings wie dem hier gezeigten, die menschenverachtend daherkommen, aber laut Facebook nicht gegen die Gemeinschaftsrichtlinien des Netzwerks verstoßen.

Hass-Posting auf Facebook: Trotz Beschwerden von Nutzern nicht gelöscht

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Heißt das für Nutzer, die auf rassistische Beiträge stoßen, dass sie eigentlich nur resignieren können?

Natürlich nicht - aber von allein wandelt sich Facebook nicht. Wir haben drei Experten gefragt, was sie Nutzern empfehlen, die auf rassistische, menschenfeindliche Postings treffen - ob nun von Fremden oder von Menschen, die sie kennen.

Johannes Baldauf, Leiter des Projekts No-Nazi.net: "Bleibt Rassistisches unwidersprochen, hat das Signalwirkung"

"Egal, wie ernüchternd Facebooks jüngste Erklärungen daherkamen: Wer auf rassistische Beiträge stößt, sollte diese weiter über das entsprechende Dialogfenster melden - egal, wie gering die Chancen auf eine Löschung im Moment erscheinen.

Die großen Netzwerke gehen reaktiv, nicht proaktiv vor - was ihnen nicht gemeldet wird, nehmen sie nicht wahr. Das Melden ist schon allein deshalb wichtig, damit mehr Fälle bekannt werden, anhand derer man Facebook erklären kann, was das Problem mit seiner bisherigen Löschpraxis ist.

  Das Projekt No-Nazi.net plädiert für soziale Netzwerke ohne Nazis

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Einzig aufs Melden sollte man sich aber nicht beschränken: Die Zivilgesellschaft muss auch online stattfinden. Bei Facebook kommt kein Sheriff und räumt auf. Will ich, dass das Netzwerk ein sicherer Ort ist, an dem ich mich wohlfühle, muss ich etwas dafür tun - etwa Menschen darauf hinweisen, dass das, was sie posten, rassistisch und nicht erwünscht ist. Oder dass ihre Quelle unseriös ist.

Bleiben rassistische Dinge unwidersprochen, hat das die Signalwirkung, dass man solche Dinge wohl posten kann, sie bleiben ja widerstandslos online.

Die problematischen Beiträge finden sich meiner Erfahrung nach gar nicht so sehr auf Nazi-Seiten, sondern etwa unter den Postings von Nachrichtenseiten. In die dortigen Diskussionen sollte man sich daher aktiv einmischen - und wenn man das tut, springen einem fast immer auch andere Nutzer zur Seite. Man darf nicht denken, dass man mit seiner Haltung gegen Nazis allein ist.

Postet jemand aus dem persönlichen Umfeld etwas Rassistisches, empfehle ich, ihn persönlich darauf ansprechen - das muss nicht zwingend online passieren. Oft ist ein Gespräch hilfreicher als ein Chat. In vielen Fällen ist es vermutlich auch besser, nicht mit dem Stempel 'Das ist Rassismus' auf jemanden zuzugehen, sondern nachzufragen, wie die Person ihre Äußerung gemeint hat.

Manchmal ist den Leuten ohne Hinweis gar nicht bewusst, wie problematisch ihre Sätze sind und welche Außenwirkung das Geschriebene hat."

Sylvia Riemschneider vom Netzwerk für Demokratie und Courage: "Nazis aus der Freundesliste löschen"

Das Netzwerk für Demokratie und Courage engagiert sich gegen Diskriminierung

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"Bei Projekttagen erkläre ich Schülerinnen und Schülern, wie sie mit Hate Speech umgehen sollen. Die Tipps, die ich gebe, sind für Erwachsene aber genauso hilfreich. So sollte man sich etwa vor einem Posting überlegen, was man einer Person mitgeben will, die gerade etwas Rassistisches gepostet hat: Will man nur ein Statement grundlegender Ablehnung abgeben - etwa, weil man mit der Person offenkundig sowieso nicht diskutieren kann? Oder will man sie zum Nachdenken anregen?

Zweitens sollte man sich solidarisch mit den Menschen zeigen, die die Aussagen betreffen - etwa mit Geflüchteten. So wird deutlich, dass man anders denkt als der rassistische Kommentator.

Und drittens sollte man, wo es geht, versuchen, sachlich zu bleiben. Mich wühlt das Thema Rassismus emotional auf, aber ich versuche, mich vor jedem Posting herunterzufahren. Ich schreibe mir per Hand auf, was ich mitteilen will, dann lese ich es noch einmal durch und stelle es erst dann online.

Allgemein rate ich Facebook-Nutzern, Pseudonyme statt Realnamen und Avatare statt echten Bildern zu nutzen - egal, ob das Netzwerk das nun gut findet oder nicht. Mit einem Fake-Namen fällt es auch viel leichter, Nazis öffentlich die Meinung zu sagen.

Jeden, der bewusst rassistische Äußerungen macht, würde ich entfreunden. Wenn Leute aus meiner Freundesliste Hasskommentare posten, kann das irgendwann auch auf mich zurückfallen.

Will man nicht direkt Freundschaften kündigen, ist es wichtig, sofort auf problematische Beiträge zu reagieren - mit einer sachlichen, aber eindeutigen Distanzierung. Danach kann man ja noch per Direktnachricht oder im echten Leben das Gespräch suchen."

Michael Wörner-Schappert, Referent für Rechtsextremismus bei jugendschutz.net: "Dem Netzwerk eine Rückmeldung geben"

Jugendschutz.net will Internetangebote, die Kinder und Jugendliche nicht gefährden

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"Als Facebook-Nutzer sollte man alle Beiträge melden, die man für rassistisch oder menschenverachtend hält. Es ist wichtig, dass eine aufmerksame Community das Problem immer wieder durch Meldungen anprangert und sich damit auch unterstützend an die Seite der Opfer stellt.

Löscht Facebook Inhalte nicht oder nicht sofort, können Nutzer die aus ihrer Sicht mangelhafte Reaktion bewerten und kommentieren. So bekommt die Plattform eine zusätzliche Rückmeldung, was die Community toleriert und was nicht.

Hat man das Gefühl, eine Meldung bei Facebook reicht nicht, kann man auch Stellen wie uns (jugendschutz.net) auf problematische Webinhalte hinweisen. Wir prüfen eingehende gemeldete Beiträge auf einen Verstoß gegen Jugendschutzregelungen. Werden tatsächlich unzulässige Inhalte, also beispielsweise volksverhetzende Postings, dokumentiert, werden wir aktiv.

Ist ein unmittelbar Verantwortlicher bekannt, geben wir den Fall an die zuständige Aufsichtsbehörde ab, also die Kommission für Jugendmedienschutz. Falls nicht, treten wir in Kontakt mit dem jeweiligen Plattformbetreiber und fordern zur Entfernung der Inhalte auf. Das funktioniert auch bei den großen ausländischen Diensten gut.

Steht man vor dem Problem, dass sich zum Beispiel ein Bekannter rassistisch äußert, kann es helfen, sich an die Online-Beratung gegen Rechtsextremismus zu wenden. Dort bekommt man Tipps für den Umgang mit der Situation, zudem ist ein anonymer Kontakt über das Internet möglich."

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insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
sir.viver 11.09.2015
1. Bildung?
Wie wäre es mit Bildung? Aber dafür ist ja kein Geld da. Da gibt es ja nun andere unnötige Kostenfaktoren, die "welcome" sind.
abby_thur 11.09.2015
2.
Die Ratschläge sind wohl eher was für Kinder und Jugendliche. Aber ich gebe dem Autor da auch in allen Punkten Recht. Es gilt das nicht nur für Sachen gegen Flüchtlinge, auch wenn jemand anfängt gegen eine andere Person unsachlich zu werden.
Fait Accompli 11.09.2015
3. Die wichtigste Option fehlt hier
Nämlich, dass rassistische und volksverhetzende Kommentare durchaus strafbewehrt sein können. Das Nazi-Pack also ruhig anzeigen. Geht ebenfalls online.
ddorfer_ 11.09.2015
4. Wo ist das Problem?
Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wo das Problem ist. Jeder kann Anzeige erstatten, wenn Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten werden. Dazu braucht es kein Facebook.
Schwabbelbacke 11.09.2015
5. Ursachensuche statt ...
Sicherlich kann man nicht von Falschinformationen reden, wenn ein Medienaufwand betrieben wird, die sehr stark daran erinnert, wie es in der ehemaligen DDR gewesen sein muss. Dazu kommt noch eine beispiellose Politische Ignorantz sowie eine Polizei, die stets die kleinen Laufen lies, um die großen zu bekommen. Das Internet und seine Foren haben nix mit Demokratie zu tun! Für viele Anonyme Hass-Poster ist eine Löschung ein Erfolg....hat er doch Aufmerksamkeit bekommen. Es liegt an die beispiellose politische Fehlleistung vieler Jahre, die zu dem hat kommen lassen. Auch gerade jetzt höre ich viele Reden von Politikern, aber ohne eine Aussage dabei zu finden. Es ist letztendlich eine Tatsache, das nicht jeder Bürger (ich glaube die mehrheit) diese derzeitige "durch die Medien suggerirte "Wilkommenskultur" miterleben. Es überwiegt die Skepzis,die Angst und Mistrauen was alleine die Politik zu verantworten hat.
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