Hass im Netz Der Anti-Troll

Die Debattenkultur im Netz wird immer rauer. Wolf Melzer schreibt unermüdlich gegen Hass und Hetze in Internetforen an. Der Rentner ist aus der DDR geflohen und war 42 Jahre lang Lehrer - er weiß, worauf es ankommt.

Wolf Melzer am Rechner
Daniel Schreiber

Wolf Melzer am Rechner

Ein Beitrag zur Themenwoche "Debattenkultur" von


Wo steht Deutschland: bei der Integration von Flüchtlingen, dem Umweltschutz, der sozialen Gerechtigkeit? Wir wollen es herausfinden - und berichten in sieben Themenwochen über Deutschland im Wahljahr 2017.
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"Stirb endlich!", schreibt Nutzer OttSosi im Kommentarforum der "Epoch Times". Der, der endlich sterben soll, heißt Wolf Ekkehard Melzer. Er ist 74 Jahre alt und als "ekkwolf" im Kommentarforum der "Epoch Times" aktiv. Auf seinem Profilfoto steht Melzer vor einer leuchtend roten Hibiskusblüte, trägt einen Sonnenhut aus Stroh und ein blau-weiß gestreiftes Hemd. Er lächelt.

Anfang Juli, um kurz nach Mitternacht, antwortet Melzer: "Tja, SoßenOtti, freundlich geäußerte Wünsche erfülle ich in aller Regel ja sehr gern. Ich weiß aber leider nicht, wie Sterben geht. Könnten Sie's mir bitte mal vormachen? ;-)."

Manchmal, ein paar Sätze lang, geht es Wolf Melzer nicht darum, am ganz großen Rad zu drehen. Die Demokratie zu retten, den Hass im Netz zu bekämpfen oder die kruden Thesen in einschlägigen Kommentarforen zu widerlegen. Manchmal, wenn Melzer vor dem PC in seinem Arbeitszimmer sitzt, Nutzern antwortet und Rotwein trinkt - trocken, aus Rheinhessen - , dann geht es Wolf Melzer nur darum, "die ein bisschen zu ärgern".

"Die", das sind die Rechten, die Reichsbürger, die Hetzer, die Verschwörungstheoretiker, die Trolle. Er kommentiert unter den Artikeln klassischer Medien wie Sueddeutsche.de, SPIEGEL ONLINE, nzz.ch, Zeit.de und auf sogenannten alternativen Nachrichtenseiten, wie "Tichys Einblick", "Sputnik" oder "Epoch Times". Seit dem 22. Februar 2015 verzeichnet die Diskussionsplattform "disqus" 6040 Einträge von ekkwolf. Im Schnitt sind das sechs Kommentare pro Tag.

Nicht der Troll zählt, sondern die stillen Mitleser

Diese Zahlen vermitteln nur einen winzigen Ausschnitt von dem, was Melzer seit 2007 im Internet tut. Das ist das Jahr, in dem ihm beim Surfen zum ersten Mal ein Kommentarforum auffällt. Bei "T-Online" war das, wo er sich regelmäßig einloggte, um seine Emails abzurufen. Stundenlang saß er an diesem Tag vor seinem Computer und las Kommentare. Menschenfeindliche, rassistische, undemokratische Dinge. Und er bemerkte kaum jemanden, der dagegenhielt. Seitdem diskutiert er mit.

"Wenn man solche Ansichten immer wieder liest und niemand widerspricht, dann halten die Leute das doch irgendwann für akzeptable Ansichten aus der Mitte der Gesellschaft. Das dürfen wir nicht zulassen." Aber hilft es denn? Hat schon jemals jemand zurückgeschrieben: "Sie haben recht, Herr Melzer, vielen Dank für Ihre tollen Argumente?" Er lacht und winkt ab. "Natürlich nicht!" Noch nie habe er jemanden zu einem direkten und öffentlichen Meinungsumschwung gebracht. "Aber darum geht es ja nicht. Es geht um die Leute, die still mitlesen und sich noch keine klare Meinung gebildet haben. Die darf man nicht alleine lassen mit diesem Unfug." Seit zehn Jahren opfert Melzer viel Lebenszeit für die Kommentarspalten im Internet. Weil er es kann. Weil er es darf. Und auch: weil er es muss.

Jedes Wort hätte gefährlich werden können

Geboren wurde Melzer 1943 in Erfurt. Eine klassische Nachkriegskindheit: Armut, Hunger, Kälte und traumatisierte Erwachsene, die ihren Platz in der Welt erst wieder finden mussten. Eine Jugend in der DDR, geprägt von Furcht, Sehnsucht und Heimlichkeiten. "Jeden Abend vor dem Einschlafen habe ich überlegt, was ich zu wem gesagt habe und ob das gefährlich für meine Eltern und mich werden könnte", sagt Melzer. Täglich hörten er und seine Eltern Nachrichten im hessischen Rundfunk, um sich über die Welt zu informieren. Danach stellten sie den Regler des Radios wieder zurück auf die DDR-Frequenz. Falls überraschend Besuch kommen sollte.

Manchmal, nach Einbruch der Dunkelheit, radelte der junge Wolf zu einer Bekannten seiner Mutter. Sie hatte Westzeitschriften. Den "Stern" und die Illustrierte "Quick". Eingewickelt in Ostzeitungen und fest verschnürt mit Gummiband transportierte Wolf Melzer die verbotene Lektüre auf dem Gepäckträger nach Hause. Herzklopfend. Trotzig.

Mit leicht gebeugten Schultern sitzt Melzer an dem schlichten Holztisch in seinem Wohnzimmer. "Man muss denen, die auf die "Lügenpresse" schimpfen und von staatlich gesteuerten Informationen schreiben, widersprechen", sagt er. Es ist schwül, die Luft trotz der geöffneten Balkontür schwer und feucht. Melzer holt ein Glas Wasser aus der Küche. "Die Leute denken, die Freiheit, in der wir leben, ist so selbstverständlich wie das Trinkwasser, das aus der Leitung kommt", sagt er und nimmt einen großen Schluck. "Aber das ist sie nicht. Sie ist ein Privileg. Sie wurde unter Opfern erkämpft."

Wolf Melzers Vater arbeitete als Jurist und wollte nicht der SED beitreten. Er flüchtete in den Westen, als Melzer 14 war. Der Vater landete in Wuppertal, tauschte den Anzug gegen einen Blaumann und arbeitete in einer Metallfabrik. Sohn und Mutter blieben in Erfurt zurück.

"Eigentlich habe ich zwei Geburtstage", sagt Melzer und knetet seine Hände. "Der Tag, an dem ich geboren wurde, und der Tag, an dem ich die DDR verlassen habe und im Westen ankam - in Freiheit und Demokratie." Das sagt er mehrmals an diesem Nachmittag. Eines hat Melzer mit denen, gegen die er kämpft, gemeinsam: die unerschütterliche Überzeugung, für das Richtige einzustehen. Sie ist der Antrieb, der Menschen dazu bringt, Tage und Nächte auf einen Bildschirm zu starren und immer wieder dieselben Sätze zu schreiben. Es ist mehr als ein Hobby. Es ist eine einsame Berufung.

Anfang August 1961 war Melzer 18 Jahre alt. Die DDR-Nachrichten um 12 Uhr vermeldeten knapp, dass Walter Ulbricht zu Gesprächen mit Nikita Sergejewitsch Chruschtschow in Moskau sei. Um 13 Uhr lief die Meldung nicht mehr. Um 14 Uhr auch nicht. Sie tauchte den ganzen Tag nicht mehr in den Nachrichten auf. Bei Melzer sprangen alle Alarmglocken an. "Die planen was", dachte er. "Und sie wollen es verheimlichen. Das bedeutet nichts Gutes."

Er kaufte für sich und seine Mutter Zugtickets an die Ostsee. Hin und zurück natürlich, als wollten sie nur in den Urlaub fahren. Am 12. August gegen Mittag verließen sie Erfurt. Sie nahmen nur leichtes Reisegepäck mit und Melzers Gitarre. Mit dem Zug, mit der S-Bahn und unfassbar viel Glück schafften sie es, ohne kontrolliert zu werden, bis Berlin Spandau West. Wenige Stunden nach ihrer Ankunft, in der Nacht vom 12. auf den 13. August, wurden alle Straßen und Schienenwege nach West-Berlin abgeriegelt. Die Führungschefs der Staaten des Warschauer Vertrags hatten in der Woche zuvor in Moskau "die Sicherung der Westgrenze" - den Mauerbau - beschlossen.

Monatelang hat er mitgelesen und sich Notizen gemacht

Seinem Verdacht, der eigentlich mehr ein Gefühl war, verdankt es Melzer, dass ihm vor 56 Jahren in letzter Sekunde die Flucht in den Westen gelang. Dieser Coup verleiht ihm bis heute eine heitere Gelassenheit, die sich auch in vielen seiner Kommentare wiederfindet. "Es ist wichtig, nicht nur gegen etwas zu sein, sondern für etwas", sagt Wolf Melzer und nickt bei jedem seiner Worte. "Damit rechnen solche Leute nicht. Es verwirrt sie." Seine Augen blitzen durch die schlichten Brillengläser. "Hass ist mir fremd. Wertschätzend sein, konstruktiv und in der Sache klar - so überzeugt man Menschen."

42 Jahre lang arbeitete Wolf Melzer als Lehrer. Erst an einer Dorfschule im Kreis Heilbronn, später an verschiedenen Schulen in Mannheim. Er machte Fortbildungen und Schulungen im Kommunikationsbereich, wurde Beratungslehrer. Er wollte verstehen, wie Menschen funktionieren, wie man sie mit Inhalten und Argumenten besser erreicht.

Was er über die Jahre in Theorie und Praxis als Pädagoge und Trainer gelernt hat, wendet er heute in den Kommentarforen an. Erst hat er sich monatelang Notizen gemacht, um die wiederkehrenden Muster in Diskussionen zu erkennen. Dann hat er sich Strategien überlegt, um die Argumentationsmuster zu brechen. Melzer belegt seine Aussagen oft mit Fakten, manchmal mit persönlichen Erfahrungen, er bleibt stets gelassen, versucht, neue Aspekte in eine festgefahrene Diskussion einzubringen. Er bedankt sich, wenn sich jemand konstruktiv einbringt, argumentiert affirmativ, um bestimmte Begriffe oder Wendungen nicht unnötig zu widerholen. Bei persönlichen Beleidigungen reagiert er mit Humor, bei verfassungsfeindlichen Aussagen mit Schärfe.

Sogar Roland Tichy, auf dessen Blog Melzer regelmäßig versucht, Nutzer in ihren verfahrenen Ansichten zu widerlegen, ist zufrieden: "Wir finden, dass Wolfgang Melzer gut argumentiert, auf andere Teilnehmer eingeht und auch in aufgeheizten Debatten eher zur Beruhigung beiträgt" so Tichy: "Fast wie ein Moderator." Wolf Melzer ist der Anti-Troll.

Im Juni hat der Bundestag ein Gesetz gegen Hasskriminalität im Internet beschlossen, das Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Der Umgang mit Hass und Hetze ist Thema in den Medien, in der Politik, in Stiftungen, Universitäten und bei Konferenzen. Es wird über Sinn und Unsinn des Gesetzes diskutiert, über die Verantwortung der Plattformen, der Nutzer, der Redaktionen und der Zivilgesellschaft.

Es gibt mehr Fragen als Antworten und stets zeigt die jeweilige Partei in Richtung der anderen. Die wichtigste Frage, die in unterschiedlichen Tonarten immer wieder gestellt wird: Was kann man gegen den Hass tun, was kann man bloß tun?

Hier, in dem kleinen Arbeitszimmer von Wolf Melzer mitten in Mannheim hat das Thema seit zehn Jahren Priorität. Auf dem kleinen Regal neben dem Computertisch liegen zahlreiche ausgedruckte Onlineartikel, die sich mit dem Thema beschäftigen. Melzer hat sie sorgfältig zusammengetackert und wichtige Passagen mit Textmarker hervorgehoben. Auf dem Tisch stapeln sich weitere Broschüren, Bücher, Informationshefte. "Was wir tun können?", fragt er und hebt die Augenbrauen. Er wirkt fast ein wenig überrascht. Als sei das die unnötigste Frage an diesem Nachmittag. "Wir dürfen denen nicht das Feld überlassen", sagt er schließlich, "ist doch klar."

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
grumpy53 24.07.2017
1. Danke
Es ist gut, dass es Menschen gibt, die ohne Beleidigungen, ohne Vorverurteilungen, mit Gelassenheit und Humor denen erwidern, die Hass, Frust und Aggression verbreiten. Ich finde es auch traurig, dass Freiheit für selbstverständlich gehalten wird - wobei dann meist nicht überlegt wird, wo die eigene Freiheit endet, weil die anderer anfängt. Und wie viele Menschen gestorben sind oder unter Aufbietung von eigener Gesundheit für die Freiheit und Demokratie und Menschenrechte gekämpft haben, die wir heute genießen. Wie schnell man solche Dinge für selbstverständlich nimmt, auf die man Anspruch hat - und andere eben nicht. Vielleicht wird das eines der Konzepte für mein sich näherndes Rentenalter: zu versuchen mit eigenen Möglichkeiten diese Werte zu erhalten und zu verteidigen, nicht nur an den Wahlurnen oder in ehrenamtlicher Arbeit für andere, sondern auch mit Widerspruch zu intoleranten, rücksichtslosen Hassbotschaften.
publicius 24.07.2017
2. Danke!
Immer wieder ermutigend zu sehen, dass es streitbare Menschen gibt, die gegen die Unverschämtheit, Beleidungen und Drohungen aus dem Versteck der Netzanonymität heraus ankämpfen. Dass Verrohung nicht die Antwort auf eine zugegeben teiweise übertriebene PC sein muss, wird sich hoffentlich durchsetzen. Als Vater graust es mir, was mein Kind tagtäglich im Netz zu lesen bekommt, und das nicht von Altersgenossen. Denen könnte man es ja noch nachsehen, da sie ja nur das wiedergeben, was ihre 'Vorbilder' von sich geben. Gut, dass es noch Menschen gibt, denen Respekt und Höflichkeit etwas bedeuten und die nicht auf Teufel komm raus ihren wahnwitzigen Individualismus austoben und ihre Befindlichkeiten erbarmungslos kundtun. Ein Hoch auf alle Anti-Trolle!
szh 24.07.2017
3. Anti-Troll
Bravo bin beeindruckt werde versuchen zu folgen Bodo N-D
karl15 24.07.2017
4.
Dass Herr Melzer einst aus der DDR geflohen ist, ist schon kurios, da einer der besonders ausdauernden deutschen Internettrolle DDR-Grenzoffizier war. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/hass-im-netz-ich-bin-der-troll-13139203.html Danke Herr Melzer!
pesto 25.07.2017
5. Respekt ...
... an Herrn Melzer, der weiss worauf's ankommt.
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