Hass im Web Neonazis verschärfen Hetze im Netz

Autonome Nationalisten, Kameradschaften und die NPD - im Internet finden sich so viele Neonazi-Angebote wie nie zuvor. Jugendschützer warnen vor der rechtsextremen Web-Offensive: Die Szene verpackt ihre Hetze im Netz immer subtiler.

Von Helmut Merschmann


Berlin - Das Video ist an Deutlichkeit kaum zu überbieten. Mit fiesem Gesichtsausdruck zischen drei junge Neonazis in die Kamera, was sie alles zum Kotzen finden: "Hey Bundesregierung, wir sind mit dem, was Du machst, nicht einverstanden." Dann folgen die üblichen rechtsextremen Ressentiments: zu viele Migranten, eine EU-Verfassung ohne Volksbefragung und politische Bündnisse mit den USA und Israel. Zum Schluss des von choraler Musik untermalten Spuks skandieren die drei: "Nichts für uns, alles fürs Vaterland."

Rechtsextremen-Clip bei YouTube: Stumpf-brutal ist out, subtil ist Trend

Rechtsextremen-Clip bei YouTube: Stumpf-brutal ist out, subtil ist Trend

Auf den ersten Blick sind die drei jungen Männer im YouTube-Clip kaum als Neonazis zu erkennen. Sie tragen T-Shirts, Basecaps und Palästinensertücher, treten in Rapper-Manier auf. Geschickte Alltags-Camouflage, wie sie in Neonazi-Kreisen immer beliebter wird. "Es werden Symbolanleihen bei ganz unterschiedlichen Jugendkulturen gemacht", erklärte Stefan Glaser, Experte für Rechtsextremismus bei Jugendschutz.net, heute in Berlin. Dort stellte die länderübergreifende Stelle für Jugendschutz im Internet zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ihren Tätigkeitsbericht 2007 vor.

Das wenig überraschende Ergebnis: 2007 erreichte das deutschsprachige rechtsextreme Angebot im Internet erneut einen Höchststand. Jahr für Jahr werden mehr solche Angebote gezählt - was zum einen an erhöhter rechtsextremer Aktivität im Netz liegt, zum anderen aber auch daran, dass diese inzwischen weit besser überwacht wird.

1635 einschlägige Websites hat das vierköpfige Team von Jugendschutz.net beobachtet. Mehr als 700 Videos und 70 Profile mit Web 2.0-Angeboten sind bei YouTube oder SchülerVZ entdeckt worden. Die sogenannte Kameradschaftsszene mit 299 Websites und die NPD mit 191 Websites verzeichneten einen Zuwachs von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Überdies nutzen immer mehr Versandhändler das Internet zum Vertrieb von Neonazi-Devotionalien. 166 solcher Verkaufsplattformen zählte das Mainzer Rechercheteam.

Jugendaffine Gestaltung und Konsolidierung

Die rechtsextreme Szene tummelt sich auf allen Plattformen im Netz und plaziert Lockangebote mit möglichst jugendaffiner Gestaltung: Musik, Videos und Lifestyle-Informationen. Oft ist der politische Hintergrund auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen, er verbirgt sich hinter Links auf rechtslastige Webseiten. Scheinbar harmlose Privatprofile bei SchülerVZ verweisen auf die "Autonomen Nationalisten". Eine angebliche "Strassenkunst"-Seite, die wie ein cooles Graffiti-Magazin daherkommt, stellt in einer Unterrubrik klar: "In den letzten Jahren gab es eine enorme Wandlung im Nationalen Widerstand. Nationale Sozialisten können sich kleiden wie sie möchten und sind in der Gesellschaft verankert wie jeder andere Jugendliche auch." Für kurze Zeit gab es bei SchülerVZ sogar ein Adolf-Hitler-Profil.

Für das Jugendschutz.net ist das alles oftmals ein Kampf gegen Windmühlen. Das Netzwerk kann zwar viele Erfolge aufweisen – allein im Jahr 2007 wurde die Sperrung von 300 Internet-Links veranlasst. Doch im gleichen Tempo tauchen neue Web-Seiten, Community-Profile und YouTube-Videos wieder auf. Gegenwärtig ist sogar eine Konsolidierung von rechtsextremen Angeboten zu verzeichnen: 92 Prozent der Angebote sind dauerhaft online.

Während früher Nazi-Websites oft auf ausländischen Servern in den USA und Kanada untergebracht waren, lagern heute 78 Prozent der von Jugendschutz.net dokumentierten rechtsextremen Angebote auf Servern in Deutschland. Die Szene hat sich angewöhnt, gewissermaßen niederschwellig zu operieren, so dass die Strafgesetzbuchparagraphen gegen die Verbreitung von Nazi-Propagandamitteln und -symbolen, Volksverhetzung und Holocaust-Verleugnung nicht mehr greifen.

Nur noch wenig unzulässige Inhalte

2007 bestanden nur noch 16 Prozent der Angebote aus unzulässigen Inhalten. Was ihre Gefährlichkeit nicht mindere, meinen die Jugendschützer - das Vorgehen der Rechten ist nur subtiler geworden. Viele Informationen auf rechtsextremen Web-Seiten verfälschen die Geschichte, sind rassistisch oder demokratiefeindlich ausgerichtet – und damit jugendgefährdend.

Im vergangenen Jahr reichte das Jugendschutz.net insgesamt 44 Indizierungsanträge bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien ein. Ein Tropfen auf den heißen Stein, aber dennoch wirksam: Indizierte Websites tauchen in Suchmaschinen nicht mehr als Treffer auf.

Da auf juristischem Wege nicht immer genügend Handhabe gegen Nazi-Seiten vorliegt, konzentriert sich Jugendschutz.net auf die Plattformbetreiber. Es bestehen feste Kontakte beispielsweise zu YouTube und SchülerVZ. In deren Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) ist verankert, dass rassistische, volksverhetzende und kriminelle Inhalte unerwünscht sind und zu einem Ausschluss führen. 93 Prozent der beanstandeten Profile konnten im vergangenen Jahr auf diesem Wege gelöscht oder verändert werden.

Warum lässt man die Community nicht helfen?

Berichte über rechtsextreme Aktivitäten im Netz gibt es jährlich von verschiedenen Organisationen, in der Regel konstatieren sie eine Verschlechterung der Lage. Bisher aber scheinen sich die Beobachter der Szene auf die bloße Inventur und eventuell die Strafverfolgung zu beschränken. In einem Medium, dessen Inhalte zunehmend von den Konsumenten bestimmt werden, kann das nicht genug sein. Denn dafür, dass die vielbeschworene Selbstregulierung des Netzes funktioniert, gibt es tatsächlich Beispiele.

So hat die österreichische Plattform Uboot.com gute Erfahrungen mit den Selbstreinigungskräften der Community gemacht. Die Mitglieder wurden in die Suche nach rechtsextremistischen Inhalten einfach eingebunden. Das hat gut funktioniert. Man muss fragen, warum so etwas nicht öfter versucht wird: Vergleichbares wäre auch dem Jugendschutz.net anzuraten, das weder auf SchülerVZ noch bei MySpace mit einem eigenen Profil vertreten ist.

Wie aufmerksam Community-Mitglieder sind, zeigt sich auch am eingangs erwähnten YouTube-Clip. Als das Jugendschutz.net zum ersten Mal darauf aufmerksam wurde, existierte noch eine andere Fassung. Die gibt es bei YouTube inzwischen nur noch als Parodie zu sehen. Aufmerksame Nutzer haben das Original verändert. In einer Version ist das Konterfei der Männer mit einem Hitler-Bärtchen versehen worden und zum Standbild eingefroren. Dazu läuft Punkmusik. In einer anderen Version ist die Tonspur mit Sextalk unterlegt.



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