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"Hatching Twitter" von Nick Bilton: Verrat und Feindschaft hinter 140 Zeichen

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Twitter-Buch von Nick Bilton: Tief drin in den internen Machtkämpfen

Kontakt zu Freunden halten - das ist eine der Ideen hinter Twitter. Doch einer der Gründer erreichte für sich persönlich das Gegenteil: Intrigen machten aus Kumpeln bittere Feinde. "New York Times"-Reporter Nick Bilton hat darüber jetzt ein Buch geschrieben.

Evan Williams, einer der Gründer von Twitter, übergibt sich in den Papierkorb in seinem Büro. Gleich zweimal taucht diese Szene in Nick Biltons Twitter-Enthüllungsbuch auf. Sie soll sich am 4. Oktober 2010 abgespielt haben, Williams hat da gerade einen Machtkampf um seine Firma verloren und muss den Chefposten räumen. Schon wieder bekommt Twitter einen neuen CEO. Es ist der vierte binnen vier Jahren.

Pünktlich zum Börsengang erscheint "Hatching Twitter", das Buch des "New York Times"-Reporters Nick Bilton. Erzählt wird darin, wie die Twitter-Idee eher zufällig entstanden ist - und Streitereien über die Ausrichtung und Führung der schnell wachsenden Firma die Freundschaft der Gründer zerrüttet haben. Um nach außen für Investoren kein völlig desolates Bild abzugeben, blieben die abgesetzten Chefs weiter an Bord.

Im Prinzip hat Apple-Chef Steve Jobs bei der Gründung von Twitter geholfen, als er Podcasts zu einem Teil seiner Musikplattform iTunes erklärte. Eine kleine Firma in San Francisco, Odeo, hatte eigentlich vorgehabt, selbst eine Podcast-Plattform zu starten. Evan Williams hatte seinem Freund Noah Glass Geld für Odeo gegeben, nach dem Verkauf von Blogger an Google war er Multimillionär. Und jetzt hatte Apple der kleinen Firma einfach die Grundlage entzogen.

Eine neuer Plan musste her, sonst wäre das Start-up dem Untergang geweiht gewesen. Im Februar 2006 erzählt einer der Odeo-Entwickler, Jack Dorsey, seinem Chef von seiner Idee: Statusnachrichten aufs Telefon. Glass ist begeistert. Seine Ehe zerbricht gerade, alle seine Freunde sind bei Odeo, der Firma, die gerade zerfällt. Twitter könnte nicht nur die Firma retten, sondern auch ein Mittel gegen Einsamkeit sein, findet Glass: Ein Griff zum Telefon, und ein Strom von Statusnachrichten bringt Gesellschaft.

Nicht das richtige Buch für Technikinteressierte

Glass und Dorsey diskutieren, erzählen Williams von der Idee. Der ist um seinen Ruf als Entrepreneur besorgt, will Odeo nicht völlig in den Sand setzen, und schließlich beginnt die Arbeit an einem Prototypen. Am 21. März 2006 verschickt Jack Dorsey die erste Nachricht: "just setting up my twttr".

Das Verhältnis zwischen Glass und Williams ist da schon zerrüttet, der ruhige, bedachte Williams und der laute Glass kommen nicht miteinander klar. Schließlich wirft Williams ihn raus und macht den völlig unerfahrenen Jack Dorsey zum neuen Chef. Der enttäuschte Glass zieht sich daraufhin völlig zurück. Twitter wächst, trotz technischer Probleme, aber wer sich dafür näher interessiert, ist bei Nick Bilton falsch aufgehoben: Hier geht es um die Egokämpfe und Machtspiele, nicht um Feinheiten der Serversteuerung oder der Medienrevolution.

Als nächstes muss Dorsey gehen, der sich zwar Mühe gibt, aber die Firma nicht in den Griff bekommt. Williams macht sich selbst zum Chef, wirft Dorsey aber nicht komplett hinaus. Zwar hat Dorsey weder Funktion noch Schreibtisch bei Twitter, gibt aber weiterhin Interviews und feilt an seinem Image als Twitter-Gründer. Und er intrigiert, so beschreibt es Bilton in seinem Buch, hinter den Kulissen monatelang gegen Williams.

Freundschaft, viel Geld, Verrat

Offenbar mit Erfolg: Schließlich wird auch Williams abgesetzt. Da ist er wieder, der Papierkorb. Nebenbei erfährt man allerlei nette Anekdoten über Twitter: In einem Büro lief ununterbrochen die Musik von Radiohead. 2008 fiel auf, dass das von Aussetzern geplagte Twitter überhaupt keine Sicherheitskopie hatte. Als der russische Präsident Medwedew auf einen minutiös geplanten Besuch vorbeischaut, um seinen ersten Tweet abzusetzen, stürzt die Seite ab. Dorsey kopiert Steve Jobs, bis hin zu Zitaten.

"Hatching Twitter" konzentriert sich vor allem auf drei Personen: den in Vergessenheit geratenen Noah Glass, den entscheidungsschwachen Evan Williams und den anfangs überforderten Jack Dorsey, der schließlich die Absetzung von Williams und seine Rückkehr in eine Führungsposition bei Twitter orchestriert. Biz Stone, ein weiterer Twitter-Gründer, bleibt in dem Buch seltsam farblos. Was er eigentlich macht und womit die schnell wachsende Zahl an Mitarbeitern eigentlich beschäftigt ist, bleibt unklar.

Freundschaft, viel Geld, Verrat, das alles taugt hervorragend für eine spannende Geschichte. Twitter gerät darüber fast zur Nebensache. Allerdings hätte es ohne den ständigen Streit Twitter in seiner heutigen Form so nicht gegeben. Lange Zeit sollen Williams und Dorsey unterschiedliche Auffassungen über die Funktion von Twitter gehabt haben: Ist es mehr eine Plattform, um sich selbst mitzuteilen, oder um Nachrichten zu verbreiten? Beides ist richtig, darin liegt der Reiz von Twitter. Nur hatten die beiden Streithähne das nicht erkannt.

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