Protest gegen Silicon Valley Neonazis schaffen sich eigene Onlinedienste

Dienste wie Airbnb oder Google drängen die radikale Alt-Right-Bewegung in den USA von ihren Plattformen. Die Rechten wollen es dem liberalen Silicon Valley heimzahlen - und reagieren.

Teilnehmer der Demo in Charlottesville
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Teilnehmer der Demo in Charlottesville

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Wo schläft man als Neonazi, wenn man für einen Aufmarsch weißer Rassisten in der Stadt ist? Im Fall Charlottesville taten viele Teilnehmer von außerhalb das, was andere Menschen auch tun würden: Sie suchten auf dem Wohnungsvermittlungsportal Airbnb nach einer Bleibe.

Als Airbnb Wind von der Sache bekam, sperrte oder löschte das Portal aber die Konten von mehreren Charlottesville-Reisenden, die an dem Aufmarsch teilnehmen wollten. Das bestätigte Airbnb auf Anfrage. Auf Airbnb vermitteln Privatleute ihren Wohnraum an Reisende, es gehe dabei auch darum, unterschiedliche Religionen und Kulturen zu akzeptieren, schreibt das Unternehmen und verweist auf seine entsprechenden Nutzungsregeln.

"Wenn wir durch Hintergrund-Checks oder Hinweise unserer Mitglieder Nutzer identifizieren, die sich gegen die Gemeinschafts-Selbstverpflichtung von Airbnb stellen, reagieren wir entsprechend", heißt es von der US-Firma weiter. "Diese Reaktion beinhaltet, wie im aktuellen Fall, dass die Nutzer von der Plattform entfernt werden können."

Rausschmiss wegen politischer Überzeugungen?

Manche Medien und Nutzer feiern Airbnb nun dafür, Flagge zu zeigen gegen Rassenhass und sich nicht zurückzuziehen auf die etwa von Facebook oft gehörte Argumentation von der neutralen Plattform. Ihre Meinung: Bei privaten Firmen gelten nun einmal die Regeln, die die Firmen in ihren AGB aufstellen. Andere sehen in der Aktion von Airbnb einen unzulässigen Übergriff. Das Portal geht es ihrer Meinung nach nichts an, welche politischen Überzeugungen ein Nutzer hat.

Es lassen sich sowohl Argumente für die eine als auch die andere Seite finden. Mit ziemlicher Sicherheit aber dürfte der Vorfall dazu führen, dass sich die Anhänger der sogenannten Alt Right, der Ultrarechten, die auch in Charlottesville marschierten, in einem zentralen Netz-Vorhaben bestärkt fühlen: Schon seit Längerem ist dieses Sammelbecken der Rechten dabei, sich im Internet eine eigene Infrastruktur fernab der Dienste des liberalen Silicon Valley aufzubauen.

Die Bewegung habe "bemerkenswerten Erfolg dabei, ihre Ideen durch ihre eigenen alternativen und fast ausschließlich netzbasierten Medieninhalte zu verbreiten - ohne Hilfe von traditionellen Medien, Institutionen des politischen Establishments oder irgendeiner anderen institutionalisierten Unterstützung", schreibt Autorin Angela Nagle in ihrem Buch "Kill all normies". Darin geht es um den Aufstieg der radikalen Rechten im Internet.

Aufsehen erregte nach den Vorfällen in Charlottesville auch der Fall der Neonazi-Seite "Daily Stormer". Ihr Domain-Provider GoDaddy kündigte an, das Blog nicht länger als Kunden zu wollen - und setzte eine 24-Stunden-Frist für den Umzug der Seite. Zuvor war auf der Seite massiv gegen das Opfer gehetzt worden, das bei dem Anschlag in der Stadt gestorben war.

Ein Umzug der Domain zu Google missglückte, weil die Betreiber auch dort unter Verweis auf die Nutzungsregeln als Kunden abgelehnt worden waren - Stand Dienstagvormittag war der "Daily Stormer" offline.

Die rechten Blogs sind bekannt - aber die Infrastruktur ist weitläufiger

Rechte Meinungsseiten wie Breitbart News oder der antisemitische Podcast "Daily Shoah" von Blogger Mike Peinovich sind mittlerweile bekannt. Aber die Alt Right hat längst nicht mehr nur eigene Medien, sondern schafft zum Beispiel auch alternative Onlinebezahlstrukturen.

Für diese Dienste spielen Inhalte und politische Botschaften keine Rolle - oder werden sogar goutiert. Die erste bedeutsame rechte Crowdfunding-Seite, WeSearchr, hat Inserenten schon geholfen, über zahlreiche Kleinspenden für ein rechtes Projekt eine Summe von rund 200.000 Euro einzusammeln. Auch die Crowdfunding-Seite RootBocks wirbt in ihren Leitlinien damit, ein Projekt nicht einfach zu blockieren, wenn es "politisch nicht korrekt" ist.

Die Seite Hatreon zeigt schon im Namen, worum es geht. Er setzt sich zusammen aus dem englischen Wort hate, Hass, und dem Namen der bekannten Finanzierungs-Plattform Patreon. Auf Hatreon werben Alt-Right-Promi Richard Spencer oder auch "The Daily Stormer" für ihre Projekte. In den Gemeinschaftsstandards heißt es: "Hassrede ist geschützt." Und weiter: "Hatreon ist eine Reaktion darauf, dass Seiten wie Patreon aus politischen Gründen mehr sein wollen als eine Plattform."

Der Gründer der Seite, Cody Wilson, ist kein Unbekannter. Er hat Pläne für eine Selbstbaupistole aus dem 3D-Drucker entworfen und möchte sie im Netz verbreiten - deshalb verklagte er 2015 sogar das US-Außenministerium.

PayPal, Patreon und GoFundMe warfen Rechte von ihren Plattformen

Nötig geworden sind solche Kopien zur Onlinefinanzierung, weil die Originaldienste verstärkt gegen die Alt Right vorgehen. Die Seiten Patreon und GoFundMe etwa, über die Einzelpersonen Finanzierung für ihre Projekte einwerben können, schmiss einzelne Rechte bereits von der Plattform. Auf YouTube beschwerte sich die Bloggerin Lauren Southern, Patreon habe "ihre Haupteinnahmequelle vernichtet".

Auch der Zahlungsdienstleister PayPal verbannte dieses Jahr einige prominente Alt-Right-Vertreter. Zu den Betroffenen gehörten zum Beispiel die Seite Occidental Dissent, die die Überlegenheit der Weißen propagiert, sowie der antifeministische Blogger Roosh V. Auch er hat Verbindungen zur Alt Right.

Eigene Echokammer für den Hass

Und es geht nicht nur ums Geld: Auch für Dienste wie Twitter haben die Rechten alternative Plattformen gegründet - obwohl sich der Hass der Rassisten auch auf der Originalplattform weiterhin nahezu ungehindert Bahn bricht, dem Rauswurf von prominenten Brandstiftern wie Milo Yiannopoulos zum Trotz.

Mit dem Kurznachrichtendienst Gab etwa haben sich Rechte aus den USA ein auch von deutschen Nutzern frequentiertes Biotop geschaffen, wo man sich unbehelligt von der verhassten Political Correctness austauschen kann. Zuerst war ein Login nur nach Einladung zum Netzwerk möglich, mittlerweile kann sich jeder anmelden.

Dass es auf dem Netzwerk hauptsächlich darum geht, Hassbotschaften hinauszublasen, erfahren deutsche Nutzer schon beim ersten Login. Dann nämlich taucht eine Warnung der Seitenbetreiber vor dem neuen Netzwerkdurchsetzungsgesetz von Heiko Maas (SPD) auf. Das sieht Millionenstrafen vor, wenn Seitenbetreiber Hasskommentare nicht rechtzeitig löschen. "Bisher", heißt es aber beruhigend, "haben wir keine Entfernungsanfragen von der Bundesregierung erhalten."

Zusammengefasst: Internetdienste des liberalen Silicon Valley wie Google und Airbnb verbannen verstärkt Anhänger der rechten Alt-Right-Bewegung in den USA von ihren Plattformen. Die Rechten schaffen deshalb nun ihre eigene Infrastruktur im Netz - und ziehen Dienste hoch, die zu ihrer Weltanschauung passen.

insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
ricson 15.08.2017
1.
Als ob diese Rechten jemals mehr als die Produktion heisser Luft hinbekommen hätten. Man denke nur an die Aktion mit dem Schiff im Mittelmeer. Darüber lacht die Welt. Oder gar ihr Guru Trump. Der größte Macher aller Zeiten kriegt gar nichts auf die Reihe. zumindest kennen wir ja mittlerweile das Problem das diese Menschen mit der etablierten Politik haben. Die drücken sich nicht auf dem Niveau eines pubertierenden Kindes aus. Deswegen sind diese alt-right Anhänger nicht in der Lage es zu verstehen.
adrianhb 15.08.2017
2.
Ist durchaus nachvollziehbar, wenn Airbnb Mitglieder entfernt, die was gegen andere Kulturen oder Religionen haben. Ich hätte keinen Bock, bei einem Nazi auf dem Sofa zu landen. Die allermeisten Menschen werden dann wohl auch eher bei Airbnb buchen, als in nem Netzwerk für Neonazi und Rassisten. Würde auch eher zu Patreon gehen als zu Hatreon. Und bin mal gespannt, wann GAP die ersten Linken blockiert, weil ihre Hassreden nicht ins Konzept passen :D
checkitoutple 15.08.2017
3. Das zeigt das hier Maas richtig gehandelt hat
fiese Art der Freiheit brauch man so wenig wie die Freiheit morden zu dürfen. Das Problem wird sein das damit auch die Infrastruktur für neue Darknet entstehen. Fie Gefahr die dafurch entsteht sollte man nicht unterschätzen.
see_baer 15.08.2017
4. Kontraproduktiv
Es wäre besser, die bleiben in den öffentlichen Netzen - da sind sie unter Beobachtung.
spon_3921367 15.08.2017
5. Echokammer
Das zurückziehen in die eigenen Infrastruktur wird leider auch zur Folge haben, dass sich die ganzen Rechten in ihrer eigenen Echokammer verstecken. Sie werden nur noch ihre eigenen Meinungen zu lesen bekommen und von allen Seiten Bestätigung erfahren, was den Hass weiter aufstachelt und dazu führt, dass ihre eigene Position als die allgemeine Weltanschauung erachtet wird. Dann doch lieber auf den öffentlichen Seiten hetzen lassen, wo jeder sehen kann wie dumm und unzureichend ihre Argumente sind und vielleicht auch so mancher rechter selbst merkt, dass die Meinung der Welt da draußen wohl besser ist.
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