SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

14. Februar 2001, 14:56 Uhr

Hausbesuch

Fast zu Gast bei Napster

Von Dietmar Hochmuth

Die Nerven liegen blank bei den Napstern am Firmenstammsitz in Redwood City. Der Bodyguard am Eingang spricht nicht, "zu keinem, über nichts". Umsehen kann man sich ja trotzdem mal.

Napster ist in Redwood City zu Hause, mitten im Valley - allerdings in einer für gut betuchte Start-ups eher ungewöhnlichen, weil ziemlich schäbigen Umgebung von Lagerhallen, orthopädischen Werkstätten, Supermärkten und Krankenhäusern. So erinnert das Napster-Headquarter von vorn eher an eine Poliklinik oder Wäscherei, von hinten an eine Reparaturwerft für Segelboote.

Auffällig ist auch, dass es keinerlei Firmenschild gibt an der blau-weiß gestrichenen Fassade, hinter der angeblich 50 Mitarbeiter tätig sind. Den einzigen Hinweis auf eine Firma, bei der es um viel Geld geht, liefert der Parkplatz mit einer Fülle von teuren und superteuren Autos, was einen merkwürdigen Mix von Backstreet und Silicon-Valley-Lifestyle erzeugt - ähnlich wie die Mischung aus Scheinheiligkeit und Starpose, die Firmengründer Shawn Fanning mittlerweile von fast jedem Hochglanzcover naiv und scheu (tuend?) verstrahlt.

Napster hatte heute, am Tag nach der Urteilsverkündung, wohl vorausschauend eine Art Rausschmeißer engagiert und - in Erwartung von Presseandrang - in seine Tür gestellt.

Als ich um Einlass bitte, fragt der bullige Typ in langem, weitem Mantel, ob ich einen Termin habe. Als ich antworte: Nein, ich will erst einen machen, da ist er leicht konsterniert und sagt: Wir sprechen nicht, zu keinem, über nichts.

Tatsächlich, das Sprechen ist sein Ding nicht. Schließlich holt er eine genervte Blondine, die dieselbe Auskunft, "Wir sprechen zu niemandem über nichts!" im Stakkato wiederholt.

"Gibt es eine Presseerklärung?"

"Ja, rufen Sie hier an", entgegnet sie genervt und schreibt eine Nummer aus Los Angeles auf einen kleinen gelben Zettel - zitternd, so als ab heute Visitenkarten ihrer Firma den Rang von Belastungsmaterial haben und morgen der ganze Laden auf dem Müll landet.

Dem Rausschmeißer schwellen wieder die Muskeln unterm Mantel, und da hat er mich auch schon durch die Glastür gedrückt; ich stehe im Regen - wie Napster an diesem Tag.

"Darf ich wenigstens ein Foto von außen machen, ohne erschossen zu werden?", frage ich noch; sie überlegen beide, dann nickt die Blonde und steckt noch einmal ihren Kopf in den Regen: "Aber nicht von den Menschen hier!"

Ich weiß nicht, wen sie meinen konnte, denn außer den beiden ist weit und breit niemand zu sehen. Dieses namenlose Haus zwischen Gleisen und Freeway mutet an wie eine Briefkastenfirma und nicht wie ein Unternehmen, das seit einem Jahr weltweit Schlagzeilen macht. Aber im Regen vergisst man leicht, dass Napster auch nur ein Produkt ist, das verkauft werden soll; das so produziert wird, wie andere einen Film produzieren. Wozu also ein schicker Palast?!

Der Kunde ist die wahre Ware

Das Napster-Prinzip steht symptomatisch für eine der Grundsäulen der New Economy: Das Wichtigste im Netz ist der Kunde. Der wird gekauft um jeden Preis und mit allen Mitteln, um dann gebündelt, im Millionenpack, weiterverkauft zu werden.

Später im Auto höre ich eine Sendung auf National Public Radio; es geht natürlich um Napster. Der Sachverständige, natürlich ein Juraprofessor aus Washington, beschwichtigt die Gemeinde: "Dann geht ihr eben zu ..." und nennt höchst instruktiv mindestens zehn Internetseiten, wo man sich genauso bedienen kann, sogar ohne dass es einen fixierbaren Ort des verbotenen Tauschs gibt.

Zu Hause angekommen, lade ich den Akku nach, aber der Strom fällt aus, der Regen weiter. Im Web napstert es unterdessen munter weiter, nur eine Datei auf der Startseite ist dazugekommen: Die Statements der Robin Hoods von Napster auf der Pressekonferenz nach dem Urteil - natürlich als Videostream und mit eigenem Copyright. Man werde weiterkämpfen und nicht aufstecken, das sei man der Gemeinde schuldig.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung