Internet-Sicherheitslücke: Deutscher programmierte Heartbleed-Fehler

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Die Sicherheitslücke Heartbleed zwingt Millionen Menschen zum Ändern ihrer Passwörter. Den fehlerhaften Code hat ein junger Deutscher geschrieben. Im Netz wird er angeprangert, sogar Absicht wird ihm unterstellt. Jetzt bezieht er Stellung.

Sicherheitslücke Heartbleed: "Ich wäre jetzt nicht gern Robin S." Zur Großansicht

Sicherheitslücke Heartbleed: "Ich wäre jetzt nicht gern Robin S."

Mit Heartbleed ist vor einigen Tagen eine der gravierendsten Sicherheitslücken in der Geschichte des Internets ans Licht gekommen. Die Verschlüsselungsfunktion, auf die sich Millionen Netznutzer Tag für Tag verlassen, wenn sie etwa ihr Passwort eingeben oder mit ihrer Kreditkarte im Netz bezahlen, ist in vielen Fällen nicht sicher.

Unter anderem waren Dienste wie Yahoo oder Google, Facebook oder Dropbox, Tumblr oder Web.de von der Lücke betroffen. Nutzer dieser Dienste sollten schleunigst ihr Passwort ändern, auch wenn das Leck bei vielen Diensten mittlerweile gestopft wurde. Niemand weiß, welche Daten von welchen Servern tatsächlich dank Heartbleed gestohlen worden sind, und es wird sich wohl auch nie herausfinden lassen.

Jede Sicherheitslücke hat einen Grund und einen Verursacher. Nur wird der in der Regel nicht genannt. Wenn eine Lücke ans Licht kommt, die, sagen wir einmal, Microsoft zu verantworten hat, muss das Unternehmen dafür öffentlich geradestehen, nicht aber der Angestellte, der den fehlerhaften Code einst geschrieben, und auch nicht derjenige, der ihn abgesegnet hat. Bei Heartbleed ist das anders. Den Heartbleed-Code hat ein Deutscher geschrieben, dessen Name nun bereits durchs Netz geistert.

Heartbleed betrifft OpenSSL. Dabei handelt es sich um eine Open-Source-Software: Der Code ist öffentlich einsehbar und auch auf Fehler durchsuchbar. Und auch wer ihn geschrieben hat, ist für jeden ersichtlich - gesetzt den Fall, man weiß, wo man suchen muss. Für manche war damit die Hetzjagd eröffnet.

Absicht oder nicht?

Zunächst wurde der Name auf Twitter verbreitet, vereinzelte Tweets verlinkten auf den fraglichen Code, kombiniert mit Sätzen wie: "Ich wäre jetzt nicht gern Robin S."*

Richtig Fahrt nahm die Geschichte in der Szene auf, als der bloggende Hacker Felix von Leitner den - zu diesem Zeitpunkt längst öffentlich auffindbaren - Namen des Mannes und auch dessen gegenwärtigen Arbeitgeber nannte. Und die Vermutung nahelegte, es könnte sich bei dem Programmierfehler auch um eine gegen Bezahlung absichtlich eingebaute Hintertür handeln: "Nehmen wir mal an, jemand würde mich bezahlen, eine Backdoor in OpenSSL einzubauen. Eine, die auf den ersten Blick harmlos aussieht, die aber ohne Exploit-Schwierigkeiten auf allen Plattformen tut und von den verschiedenen Mitigations nicht betroffen ist. Genau so würde die aussehen." Und weiter: "Aus meiner Sicht riecht das wie eine Backdoor, es schmeckt wie eine Backdoor, es hat die Konsistenz einer Backdoor, und es sieht aus wie eine Backdoor." In einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" formulierte von Leitner es vorsichtiger: "In Zeiten des Spähskandals liegt bei einem solchen Vorkommnis die Frage nahe, ob es sich um eine von den Geheimdiensten herbeigeführte Sabotage-Aktion handelt." Den Unterschied zwischen einer absichtlichen Manipulation und einem unabsichtlichen Programmierfehler zu beweisen, ist oft kaum möglich.

Der öffentlich so verdächtigte Robin S. schreibt SPIEGEL ONLINE in einer E-Mail eine andere Version der Geschichte: "Ich habe an OpenSSL mitgearbeitet und eine Reihe von Bugfixes und neuer Features eingereicht. In einem Patch für ein neues Feature habe ich offenbar eine Längenprüfung übersehen."

"Der Fehler an sich ist ziemlich trivial"

Zu Deutsch: S. erklärt das Ganze als ein Versehen, das bei einem kleinen Teil der Programmierarbeit passiert ist. Ein Fehler, wie ihn Menschen bei der Arbeit nun einmal machen. Software-Code in Open-Source-Projekten muss von jemandem abgenommen werden, bevor er in tatsächlich eingesetzte Versionen integriert wird. Aber auch demjenigen aus dem OpenSSL-Team, der den Code geprüft habe, sei der Fehler nicht aufgefallen, so S. "Der Fehler an sich ist ziemlich trivial", schreibt er, "nur in seinem Kontext ermöglicht er das Auslesen von eigentlich sicheren Daten (da eben die Länge des zu lesenden Speichers nicht geprüft wird). Das ist was ihn so schwerwiegend macht."

Gerade Open-Source-Software gilt vielen als besonders sicher, weil der Code öffentlich ist und ja im Zweifel von vielen kontrolliert werden kann - anders als geschlossene Systeme, in denen etwa nur die Herstellerfirma selbst den Code einsehen kann. Etwaige Hintertüren werden in Open-Source-Software schneller gefunden, weil ja einfach jeder nachsehen könnte, ob es welche gibt - soweit die Theorie.

Doch die Sicherheitslücke Heartbleed existiert bereits seit zwei Jahren, ohne dass sie jemand entdeckt hat. Allein dadurch, dass Code öffentlich ist, wird er offenkundig nicht sicherer. Und Fehler passieren überall - ob absichtlich oder nicht.

Gefunden haben den Fehler nun ein Google-Forscher und eine Sicherheitsfirma. Bleibt die Frage, wie solche kapitalen Lücken in der grundlegenden Sicherheitsarchitektur des gesamten Internets künftig vor vorneherein vermieden werden können.

*Name von der Redaktion gekürzt.

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Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
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Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
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Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potentiell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.


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