Internet-Überflieger "Heftig" Klicken Sie hier, es lohnt sich!

Als das Internetportal "Heftig" vor drei Jahren durchstartete, war die mediale Aufregung groß - vor allem wegen der um Klicks bettelnden Überschriften. Wie steht es heute um das Viralportal?

Von


"Das Politische umschiffen wir auf jeden Fall." Das sagt Peter Schilling in einer Zeit, die politisch aufgeheizt ist wie lange nicht mehr.

Am Mittwoch, als Großbritannien den EU-Austritt beantragt, zieren seine Onlineportale Themen wie "Frau trägt Baby aus, nur um es für ein paar Stunden zu halten" - und das ist keine Ausnahme. An jenem Abend etwa, als in Berlin ein Lkw in den Weihnachtsmarkt raste, postete "Heftig": "Als der Vater sagt, dass es Kartoffeln gibt, mault sein Sohn. Was der Hund dann macht? Hammer!"

Peter Schilling ist der Mann hinter Viralportalen wie "Heftig", "Geniale Tricks" und "Tierfreund". Gemeinsam mit Michael Glöß hat der Internetunternehmer binnen drei Jahren aus dem Nichts Medienmarken aufgebaut, die vor allem auf Facebook erfolgreich sind: mit Millionen Fans und mit Interaktionsraten, von denen viele Redaktionen träumen.

Fotostrecke

8  Bilder
Portale von Media Partisans: Das "Heftig"-Universum

Sofort ein Facebook-Überflieger

Bekannt wurde Schilling 2014, als mit "Heftig" das erste Portal durchstartete. Binnen weniger Wochen wurde das zunächst anonym betriebene Angebot zum Facebook-Überflieger - und das ohne eigene Geschichten. Netzfundstücke präsentierte es mal geschickt, meist plump neu verpackt, mit um Klicks bettelnden Überschriften wie "Du schmilzt dahin, wenn du diese Fotogalerie mit diesem ungewöhnlichen Tier siehst." Clickbait wird das genannt.

Im Branchenmagazin "Journalist" las man bald darauf, der Erfolg von Seiten wie "Heftig" bringe "selbst etablierte Medienmarken zum Nachdenken": "Sind das die Nachrichten der Zukunft?"

Drei Jahre später zeigt sich der Einfluss der Clickbait-Portale. "Das Umfeld hat sich mehr verändert als 'Heftig' selbst", meint Peter Schilling. Aus seinem Zweimannprojekt ist eine 70-Personen-Firma namens Media Partisans geworden, die heute mehrheitlich der Funke Mediengruppe ("Berliner Morgenpost") gehört. "Es gibt eigentlich keine Seite, auf der ich nicht irgendwann einmal eine Clickbait-Headline entdeckt habe", sagt Schilling. "Da war auch viel Peinliches dabei."

Fotostrecke

19  Bilder
Klickjagd auf Facebook: So buhlen deutsche Online-Medien um Aufmerksamkeit

"Brigitte" wirbt heftiger um Klicks

In letzter Zeit scheint es, als würden etablierte Portale wie "Brigitte" und "TV Movie" auf Facebook noch dreister um Klicks werben als "Heftig" - mit dem Unterschied, dass die einzelnen Beiträge nicht im Ansatz so häufig gelikt und geteilt werden.

"Heftig" selbst hat vier deutsche Schwesterseiten, mit "Starzoom" probiert sich Media Partisans zudem an einem Promi-Portal. Der größere Schritt vorwärts ist aber wohl, dass das Unternehmen mittlerweile eigene Videos produziert: Für "Leckerschmecker" entstehen mit einigem Aufwand Zeitraffer-Rezeptvideos.

Schilling helfen die Videos gegen die Kritik, seine Portale profitierten nur von fremden Inhalten. Außerdem lassen sie sich gut vermarkten, denn bisher finanzierten sich die Media-Partisans-Portale durch Anzeigen auf den Websites. Schilling sagt, aktuell seien drei Rezeptvideos in Arbeit, in denen - weil dafür bezahlt wurde - bestimmte Markenprodukte auftauchen.

Was und worüber berichtet wird

Klickt man sich durchs "Heftig"-Universum, fällt auf, dass ein beachtlicher Teil der bei Facebook beworbenen Geschichten schon älter ist: So musste zum Beispiel ein YouTube-Video von 2015 herhalten, damit "Geniale Tricks" auf Basis von Screenshots daraus "DIE Garten-Deko 2017" vorstellen konnte:

Fotostrecke

16  Bilder
Der Trend von 2017 ist von 2015: Wie und worüber "Heftig" und Co. berichten

Und auch jenseits von Tier- oder Bastelvideos ist nicht alles taufrisch. So verwundert es etwa, wieso "Heftig" am 1. März auf Facebook verspricht, man falle vom Stuhl, wenn man erfährt, welche Wirkung von Kokosnussöl Forscher "nun entdeckt" haben. Im verlinkten Artikel wird auf eine mehrere Jahre alte Studie verwiesen, bei der laut "Heftig" Experimente in einer Petrischale stattfanden. "Kokosnussöl als Wunderwaffe gegen Darmkrebs entdeckt", titelt die Seite dazu - falsche Hoffnung für Betroffene.

Geschichten wie "gute Filme"

Peter Schilling sagt, zumindest ein Prinzip der Seiten sei, dass die Inhalte "zeitlos" sind. Man betreibe Unterhaltungskanäle. Er vergleicht die Geschichten, die auf den Websites stets ohne Datum erscheinen, mit einem "guten Film, den man sich nach zwei, drei Jahren noch mal genauso anschauen kann". Und: "Für den, der es noch nicht kennt, ist es neu."

Politisches posten die Media-Partisans-Seiten fast nie - obwohl Schilling weiß, dass sich etwa mit Themen zur Flüchtlingskrise viel Aufmerksamkeit erregen ließe. "Einige Wettbewerber haben in den Social-Media-Charts sehr aufgeholt, nur weil sie auf dieser Welle geritten sind", sagt er. "Was wir definitiv nicht machen, ist irgendwelche Flüchtlingshetze den Klicks zuliebe."

Mitunter überrascht es, welche Großthemen etwa "Heftig" auslässt. Wer "Donald Trump" ins Suchfeld der Website eingibt, bekommt nur zwei Ergebnisse. Eins davon: "Künstlerin malt Donald Trump aus Menstruationsblut."

Nicht plötzlich News präsentieren

In Zeiten der Fake-News-Debatte stünden "Heftig" und Co. der Verantwortung gegenüber, nicht plötzlich News zu präsentieren, findet Schilling. Er glaubt auch, dass es Nutzern schwer fällt, Seiten mit klassischer journalistischer Recherche zu erkennen.

Momentan sei es gefährlich, "dass für den Leser das, was irgendein Blog schreibt, nicht von dem zu unterscheiden ist, was von einem Medienhaus oder einem Journalisten ordentlich recherchiert wurde", sagt Schilling: "In dem Spannungsfeld sehen wir uns und das ist auch einer der Gründe, warum wir um Politik einen Bogen machen."

Macht Clickbait schlau?

Zum Thema Clickbait sagt Schilling, dass sich seit 2014 viel geändert habe, vor allem durch Anpassungen des Facebook-Algorithmus: "Diese Headlines gehen mittlerweile nur noch an Leute, die damit etwas anfangen können."

Clickbait sei auch nicht unbedingt schlecht, wenn man Leuten etwas vermitteln wolle, meint Schilling. Bei klassischen Überschriften würden die Leute schließlich oft nicht in den Artikel klicken: "Die lesen die Zeile und rennen dann rum, mit einem Satz als Wahrheit im Kopf, ohne den Text gelesen zu haben."



insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sammy3 01.04.2017
1. Bento
Was Heftig & Co so treiben, kann mir als Spiegel-Leser egal sein - ich muss solche Seiten ja nicht besuchen. Als viel störender empfinde ich, dass die SpOn-Macher ihren eigenen Clickbait-Ableger "Bento" (Quiz: Welcher Urlauber-Typ bist du? Diese 34 Bilder wurden auf Facebook verboten, weil sie zu sexy sind - Nummer 24 wird dir die Schuhe ausziehen!) so aggressiv hier crosspromoten. Ich habe mir extra deswegen ein Bento-Blocker-Script im Browser installiert, weil Clickbait-Titel nunmal leider wirken - auch bei mir, wenn ich nicht genau darauf achte -, und ich mich dann jedesmal ärgerte, wenn ich wieder einmal auf eine (nur unauffällig als solche gekennzeichnete) Bento-Weiterleitung hereinfiel. Man könnte natürlich schon darüber diskutieren, wie viel Clickbait die normalen SpOn-Überschriften enthalten - wenn man z.B. mal die Internetauftritte von SpOn und Tagesschau vergleicht, fällt schon auf, welche Seite bei ihren Titeln einen neutralen, gehobenen, ja mitunter geradezu drögen Wortschatz verwendet, und welche Seite ein emotionaleres Vokabular bevorzugt (Beispiele von der Seite gerade jetzt im Moment: "Abrechnung, warnt, weinen, vom Aussterben bedroht, totes Land, Krieg spielen, feiert, besiegt, Lügen, hetzen, gefährlich,..."). Aber die bekannten Clickbait-Seitentitel haben halt noch einmal eine ganz andere Qualität, und weniger Substanz dahinter.
homernarr 01.04.2017
2. clickbait ist für dumme
Schlieslich wird einem verschwiegen worum es geht. inzwischen kriege ich das große kotzen wenn ich solche überschriften sehe. Ich hasse es, wenn mir die schlagzeile erzählen will, was ich tun werde. 70 personen die sich um müllartikel bemühen. die haben keine preise sondern prügel verdient.
geotie 02.04.2017
3.
Irgendwie erkennt man so einen Schmarrn schon an den Aufhänger. Anfangs dachte ich, so was wäre interessant. Aber weit gefehlt! Jetzt gehe ich dem wie die Werbung einfach aus dem Weg, ohne diesen Schrott weiter zu beachten!
cafecreme 02.04.2017
4. Ehrlich?
Auf Facebook nervt das manchmal, das ewige scrollen, bis der eigentliche Film kommt, meist klicke ich weg oder klicke gar nicht erst an, völlig überflüssig und die Berichte halten oft nicht, was die Überschrift sagt.
seb.mazur@googlemail.com 02.04.2017
5. da kann
man sich nur anschließen! traurig, daß man bei spon mit solchen methoden konfrontiert wird. wer weiß, evtl. gibt es ja schon programme, die diese unsäglichen clickbites ausblenden, somwie addblocker. bentoblocker z.b., das wäre toll!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.