"Business Insider"-Gründer Blodget "Gummibänder um Melonen zu wickeln, ist kein Journalismus"

Henry Blodget war ein Star des Dotcom-Booms, doch er fiel tief. Dennoch gründete er vor einigen Jahren das Onlinemagazin "Business Insider". Dem SPIEGEL verriet Blodget, was die Zeit der New Economy von heute unterscheidet.

Henry Blodget
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Wenn es in der digitalen Medienwelt jemanden gibt, der weiß was es heißt, wenn eine Blase platzt, dann ist es Henry Blodget. Der Chef und Mitgründer von "Business-Insider", dem Onlineportal für Wirtschaftsnachrichten, war als Analyst an der Wall Street ein Superstar der New Economy. Dann brach die Internet-Euphorie zusammen und Blodget wurde zu einer Symbolfigur für die Exzesse der Dotcom-Ära. Der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer ermittelte gegen ihn, weil er Tech-Aktien öffentlich angepriesen hatte, die er in internen Mails als "Stück Scheiße" bezeichnet hatte.

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Blodget wurde lebenslang an der Wall Street gesperrt und willigte in einem Vergleich ein, vier Millionen Dollar Strafe zu zahlen. Doch er hat es geschafft, als Unternehmer und Journalist in der Online-Welt wieder aufzusteigen. Kaum von der Wall Street ausgespuckt, startete er einen Tech-Blog, den er selbstironisch "Internet Outsider" nannte. 2007 gehörte er zu den Gründern von "Business Insider". Das Portal, das der Springer-Verlag 2015 fast vollständig übernommen hat, kommt mit seinen Ablegern auf heute 94 Millionen Besucher weltweit und expandiert rund um die Welt. Seit November ist "Business Insider" auch in Deutschland präsent. Verlässliche Gewinne fährt die Plattform bisher nicht ein, wie viele reine Digitalmedien.

"BuzzFeed" spricht von einem "Blutbad" in den digitalen Medien

"BuzzFeed", "Elite Daily", "Mic.com" oder "Vox", jene "Millennial"-Medien, die sich an junge Leser zwischen 20 und 35 Jahren wenden, sind vor allem werbefinanzierte Reichweitengiganten mit Nutzerzahlen von 30 bis zu 200 Millionen im Monat. Als in den USA vor wenigen Wochen bekannt wurde, dass "BuzzFeed" wohl seine Umsatzprognose verfehlt hat, schrieb die Zeitschrift "Vanity Fair", dies sei womöglich "der Anfang vom Ende einer "Millennial-Media-Blase". Die "New York Times" diagnostizierte gar, unter den Online-Publishern mache sich "erste Panik" breit und ausgerechnet ein "BuzzFeed"-Reporter schrieb angesichts der wachsenden Zahl von Entlassungen in der Branche von einem "Blutbad" in den digitalen Medien.

Doch Blodget, der sich mit dem SPIEGEL zum Gespräch traf, hält die Sorge für übertrieben. "Von einer Blase wie in der Dotcom-Ära würde ich nie sprechen", sagt er, "eher von einem normalen Zyklus von Auf- und Abstieg. Ich glaube, unsere Branche wird sich, wie jede andere, konsolidieren. Die Stärksten kommen durch und werden dann auch deutlich besser dastehen als viele traditionelle Medien, die sich noch immer an ihr altes Geschäft klammern."

"Gummibänder um Melonen zu wickeln, ist kein Journalismus"

Anfang April hatte "Buzzfeed" ein Video bei Facebook veröffentlicht, in dem zwei "Buzzfeed"-Mitarbeiter Gummibänder um eine Wassermelone wickelten bis sie platzte. Der 45-Minuten-Clip wurde ein Hit, mehr als zehn Millionen Menschen riefen das Video ab. Die platzende Wassermelone hat in den USA zugleich eine Diskussion über die Zukunft des Journalismus im Netz entfacht: Wie können Journalisten mit Geschichten über Steuerreformen und andere trockene Materien künftig gegen die Anziehungskraft explodierender Wassermelonen im Netz bestehen?

Dass ernsthafter Journalismus in dem harten Wettkampf um Aufmerksamkeit, Reichweite und Werbegeld nicht bestehen kann, fürchtet Blodget nicht. Das Video sei "eine brillante Idee" gewesen, ein "digitales Medien-Event." Aber: "Gummibänder um Melonen zu wickeln, ist kein Journalismus, sondern Entertainment". Die "New York Times" "macht ihr Geld auch nicht mit Berichten aus dem Irak oder Syrien, sondern mit dem Garten-Teil, Rezepten und, ja, auch mit Geschichten über Katzen", sagt Blodget.

Zu seiner Erfahrung in der Dotcom-Ära und auf die Frage, ob er angesichts seiner Vergangenheit heute nicht verpflichtet sein müsste, skeptischer zu sein , sagte er dem SPIEGEL: "Was mir damals passiert ist, war peinlich und erniedrigend", er habe sich schrecklich gefühlt. Aber: "Als wir 'Business Insider' gegründet haben, haben mir Investoren gesagt: Du bist zu vorsichtig, du musst aggressiver sein, mehr Geld investieren, mehr Risiko eingehen."

Das ganze Interview mit Henry Blodget lesen Sie im aktuellen SPIEGEL.

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murksdoc 14.05.2016
1. Hype 2.0?
Es ist bemerkenswert, dass sie hier eine Person hypen, von der der Dekan der jurnalistischen Fakultät der Universität New York und ehemalige Chief Editor des "Business Insider", Steve Shepard, in einem Interview mit dem "NEW YORKER" sagt, "er würde ihm weder vertrauen, noch ihm seinen Verrat verzeihen", "er sei die Personifizierung der schlimmsten Exzesse der Wall Street, durch den viele ihre Jobs, ihre Einkommen, ihre Alterssicherungen verloren hätten", Blodget wäre "ehrlos" und "zutiefst zynisch". "Journalisten sollten das genaue Gegenteil sein", "es sei verletzend, mit anzusehen, wie er den ganzen Berufszweig beschädigt". Das nenne ich mal eine deutliche Aussage. Sowas sollte man öfter lesen (THE NEW YORKER, 8. April 2013: Business Outsider).
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