Flüchtlingshetze im Netz Warum Facebook den Hass nicht löscht

Hasskommentare, Hetze, ausländerfeindliche Witze: Weil Facebook rassistische Beiträge nicht löscht, wird die Kritik an dem Netzwerk lauter. Doch das Unternehmen folgt damit einer ganz eigenen Logik.

Facebook-Nutzer: Die Kritik am Netzwerk wächst
Corbis

Facebook-Nutzer: Die Kritik am Netzwerk wächst

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Immer wenn es besonders menschenfeindlich wurde, dann tat der Mann hinter der Facebook-Seite "Berlin wehrt sich" gern eines: Er feierte. Er "feierte", so schrieb er, das berühmte Foto des toten Flüchtlingsjungen Alan. Für diesen Kommentar stürmten Polizisten am Wochenende die Wohnung des mutmaßlichen Verfassers. Schon zuvor "feierte" er den Berliner Neonazi, der in der S-Bahn auf Roma-Kinder urinierte.

Man kann das alles nachlesen, denn die betreffende Facebook-Seite ist weiter online. Der Post mit dem Jungen wurde von Facebook gelöscht, nachdem die Berliner Boulevardzeitung "B.Z." den Fall aufgegriffen hatte. Der Rest der Hetze bleibt, trotz vieler Löschaufforderungen, bislang im Netz. Es gibt deshalb heftige Proteste gegen das Netzwerk - mal wieder.

Seit Wochen steht Facebook in Deutschland unter scharfem Beschuss, weil es nicht beherzt gegen Hassbotschaften vorgeht. Beiträge, die man mit gesundem Menschenverstand nur als Flüchtlingshetze und Ausdruck von Menschenfeindlichkeit sehen kann, bleiben online, obwohl sie von anderen Nutzern als problematisch gemeldet wurden. Am Sonntag titelte die "B.Z." deshalb: "Facebook - das asoziale Netzwerk". Auch in der Politik nimmt die Empörung zu.

Warum lässt Facebook die Hetzer unter seinen Nutzern gewähren? Ist die Firma überfordert, weil mittlerweile eine Milliarde Menschen tagtäglich das Netzwerk nutzt? Oder zensiert Facebook mit Absicht so wenig - auch auf die Gefahr hin, dass munter weiter Hass verbreitet wird?

Strandselfies und Rassismus

Offiziell gibt Facebook so gut wie nichts über den Löschprozess preis. Auf Nachfrage hört man seit Jahren vor allem diesen Satz: "Facebook ist kein Ort für die Verbreitung rassistischer Ansichten." Dieser Satz ist mittlerweile falsch: Das Netzwerk wird ebenso aktiv zur Verbreitung rassistischer Ansichten genutzt wie eben auch zum Teilen linker Gegenstatements oder Strandselfies.

Was seinen Umgang mit Hassbotschaften angeht, sieht Facebook, von wenigen Fehlern abgesehen, wenig Grund zur Selbstkritik. Stattdessen ist man stolz darauf, dass jene Nutzer, die Beiträge melden, mittlerweile überhaupt eine Antwort bekommen. Das war in der Vergangenheit oft anders.

Facebook sagt, jede Meldung werde von einem Muttersprachler begutachtet. Dann wird aufgrund der Gemeinschaftsrichtlinien entschieden, die etwa Drohungen, Hate Speech und Volksverhetzung verbieten. Die Mitarbeiter des Netzwerks sitzen zum Beispiel in Dublin, in Indien oder eben in den USA. Es gibt einen Rund-um-die-Uhr-Dienst - aber niemanden, der von Deutschland aus kontrolliert.

Konkrete Zahlen, wie viele Mitarbeiter wie viele Beiträge löschen, sind nicht bekannt. Die Rede ist von Millionen Meldungen jede Woche und Hunderten Mitarbeitern, die sich darum kümmerten. Ist das genug?

Die Facebook-Logik

Aber dass vieles, was als anstößig gilt, nicht gelöscht wird, hat einen wichtigeren Grund: eine Facebook-innere Logik.

Facebook ist ein globales Netzwerk - vor Kurzem vermeldete es stolz, dass nun eine Milliarde Menschen die Seite Tag für Tag nutzen. Das bedeutet einen Spagat zwischen Werten und Gesetzen, die in unterschiedlichen Ecken der Welt gelten: Während sich Westler darüber empören, dass die Firma vehementer gegen nackte Brüste vorgeht als gegen Ausländerhetze, verweist die Firma darauf, dass sich Nutzer aus anderen Ländern striktere Regeln gegen Nacktheit wünschen - dies sind oft Länder, in denen Facebook noch wachsen will.

Mit Zensur tut sich das amerikanische Unternehmen ohnehin schwer - Meinungsfreiheit ist in den USA breiter definiert als in Deutschland. Facebook versucht deshalb immer abzuwägen, ob ein Beitrag wirklich gelöscht werden muss - oder ob nicht andere Gegenmaßnahmen vielversprechender sind.

Das Counter-Speech-Prinzip

Neuerdings setzt das Unternehmen dabei auf das Konzept der Gegenrede - der Hass soll durch Counter Speech, durch entgegengesetzte Botschaften, neutralisiert werden.

Dieses hierzulande kaum bekannte Prinzip kann man aus zwei Blickwinkeln betrachten: als eine Aufforderung an die Community, erwachsen und demokratisch zu streiten, oder eben als bequeme Wir-halten-uns-da-raus-Haltung. In jedem Fall: Facebook sieht eher die Nutzer als sich selbst in der Pflicht. Auch die deutschen User sollen dazu gebracht werden.

Die Mitarbeiter des Netzwerks beschäftigt etwa die Frage, ob das Löschen eines Beitrags in der konkreten Situation wirklich hilft - oder ob es die Lage nur eskalieren lässt, etwa indem sich Pöbler durch Sprechverbote bestätigt fühlen. Auch wird geprüft, wie konkret eine Gewaltandrohung ist.

Ein Beispiel, das die Probleme zeigt

Dieser Beitrag beispielsweise wurde Facebook mehrfach gemeldet - stets lautete die Antwort, der Kommentar verstoße nicht gegen die Richtlinien. In der Facebook-Logik stellt dieser Kommentar ohne Likes keine direkte Bedrohung dar. Zudem enthält er auch keine Hassrede gegen eine klar definierte Bevölkerungsgruppe.

Das Beispiel zeigt: "Hate Speech" - diesen amerikanischen Begriff, der überhaupt erst während der Flüchtlingskrise im deutschen Alltag gebräuchlich wurde, interpretiert Facebook vor allem so, wie es der Firma passt. Migranten und Flüchtlinge sind dabei nicht als geschlossene Gruppe definiert. Hätte der Pöbler gegen Albaner gehetzt oder gegen Syrer, dann wäre sein Post wohl verschwunden. Die Gemeinschaftsstandards, auf die sich das Unternehmen bezieht, kennen keine Flüchtlinge. Deshalb eskaliert die Kritik an Facebooks alter Linie gerade jetzt.

Und deshalb bekommen Nutzer, die rassistische Beiträge gemeldet haben, so oft die irritierende Antwort: "Der Beitrag verstößt nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards."

Dieser Umstand hat Facebook eine Vorladung beim Justizministerium beschert. Heiko Maas nannte die momentane Praxis eine "Farce". Doch einer Veränderung der Gemeinschaftsstandards wird Facebook kaum zustimmen - vor allem, weil man die vielen unterschiedlichen Auswirkungen fürchtet, die selbst kleine Änderungen weltweit hätten.

Für die aktuelle Debatte in Deutschland bedeutet dies: Solange niemand die Polizei einschaltet, darf weiter gegen Flüchtlinge auf Facebook gehetzt werden - zumindest solange der Hass allgemein genug gehalten ist.


Zusammengefasst: Facebook löscht viele Hassbeiträge auf seiner Plattform nicht, weil das Netzwerk Zensur scheut und seine Definition von Hetze die Kategorie Flüchtlinge nicht kennt - deshalb eskaliert die Kritik gerade jetzt.

Zum Autor
Julia Kneuse
Fabian Reinbold ist Netzwelt-Redakteur im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Fabian_Reinbold@spiegel.de

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Seite 1
plastixx 07.09.2015
1. Kollektives Abmelden wäre eine Lösung ...
... wenn da eine eigendynamische Netzwelle entstünde, würde Facebook schnell reagieren. Denn sinkende Nutzerzahlen gefallen den Shareholder sicher nicht.
secret.007 07.09.2015
2. Wo soll ...
... denn das löschen anfangen und wo soll es aufhören. Ich persönlich sage mir die besseren Argumente überzeugen. Man muss ja nicht jeden Müll kommentieren oder gar lesen. Deswegen ist es sehr vernünftig sich nicht vorschreiben zu lassen was der Regeierung gerade so angenehm wäre.
bausa 07.09.2015
3. richtig asozial
ist facebook und nicht erst seit der vielen Hasskommentare. Irgendwann wird auch der letzte user merken, das man diese Form von Netzwerken nciht braucht um glücklich zu sein. Das beste Netzwerk ist ohnehin die Familie und ein realer Freundeskreis. Was soll ich mit einem Freund in den Anden oder in der Mongolei?
demokroete 07.09.2015
4. Hier soll die Meinungsfreiheit ausgehebelt werden
Wenn Inhalte gegen geltende Gesetze verstoßen, kann die Staatsmacht nach den geltenden Gesetzen vorgehen und das tut sie offenbar auch. Der Innenminister oder sonst wer kann aber facebook keine Vorschriften darüber machen, welche Meinungen dort gelöscht werden sollten. Soweit ist es (noch) nicht !
eikofresh 07.09.2015
5. Meinungsfreiheit
Jeder hat das Recht auf freie Äußerungen seiner Meinung. Leider auch rechte. Niemand wird gezwungen irgendeine Meinung zu teilen. In einer Demokratie muss man auch andere Meinungen tolerieren können. Auch wenn diese nicht zu selbst festgelegtem Fremdbild passen. Außerdem, wenn man alle Kommentare löschen würde die nicht Linienkonform sind (egal ob rechts, links, liberal, konservativ ...) hätten wir nur noch den medialen Einheitsbrei.
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