Hexenjagd im Netz: Hobbyermittler schämen sich

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Thread auf 4chan: Die dort herumgereichten Fotos zeigen eindeutig die Falschen Zur Großansicht

Thread auf 4chan: Die dort herumgereichten Fotos zeigen eindeutig die Falschen

Reue und Entschuldigung sind jetzt Thema in vielen Foren und Netzwerken. Tagelang haben Nutzer dort nach den Bombenlegern von Boston gesucht - und hemmungslos unschuldige Menschen gezeigt. Nur wenige Unverbesserliche verteidigen noch immer die Hetzjagd im Netz.

Hamburg - Derzeit sitzen ziemlich viele Menschen vor dem Rechner und schämen sich. Zumindest schreiben sie das, etwa in einem Forumsthread auf der Internetplattform "Reddit" und geben sich zerknirscht. Hier bitten sie ihre unschuldigen Opfer um Entschuldigung dafür, sie verleumdet zu haben.

In den Tagen seit dem Anschlag in Boston machten immer wieder Fotos von Zuschauern des Marathons im Netz die Runde, und in Threads mit Namen wie "Find Boston Bombers" verdeutlichten Nutzer mit Hilfe von roten Kringeln und Pfeilen, welche von den zufällig Fotografierten sie für verdächtig hielten. Nur lag keiner von diesen Forumsdetektiven richtig, zumindest nicht in den einschlägigen Threads, die vielfach kopiert wurden - bei Reddit, in Tumblr-Blogs und anderswo. In keinem der roten Kringel sah man tatsächlich einen der beiden Brüder, die dem FBI als Verdächtige gelten.

Dafür waren in dem wilden Webforum 4chan zum Beispiel viele Fotos und Videostandbilder von höchstwahrscheinlich unbeteiligten Menschen zu sehen, die bei manchen offenbar als Bombenleger durchgehen. Nötig war für diesen schweren Verdacht nicht viel: Ein Mann trug einen auffällig großen, stark ausgebeulten schwarzen Rucksack. Da könnte doch die Dampfdrucktopf-Bombe drin sein, der Henkel sei vermutlich ja abgeschraubt gewesen. Ein anderer Verdächtigter trug seinen Rucksack über dem Arm statt auf dem Rücken, ein weiterer wühlte ungewöhnlich lange in seiner Tasche, einer wurde erst mit Rucksack gesehen und dann ohne - und manch einer schaute einfach nur in eine andere Richtung als die Menschen um ihn herum. Und einige der Fotografierten hatten "dunkle Haut", wie die Kommentatoren bemerkten, als sei das ein Indiz.

Der Polizei Bescheid geben, nicht der ganzen Welt

Die Bilder von den Menschen waren nicht gepixelt, sondern im Gegenteil oft stark vergrößert und bearbeitet, so dass die Personen möglichst gut zu erkennen waren. Tatsächlich können soziale Netzwerke prinzipiell bei den Ermittlungen hilfreich sein, das FBI hatte ja auch explizit um private Filme und Fotos gebeten. Aber niemand hat darum gebeten, Menschen darauf zu markieren, zu verdächtigen und aller Welt als mögliche Mörder vorzuführen. Wer etwas Verdächtiges gefunden hat, hätte es einfach der Polizei sagen können.

Allerdings scheint dabei das Bedürfnis nach ein bisschen Ruhm mitzuspielen. Schließlich gibt es immerhin den Funken einer Chance, derjenige zu sein, der den Richtigen zuerst gefunden hat. Dafür riskieren viele, einen Falschen zu bezichtigen. Übrigens hat selbst der Mann, der tatsächlich einen der beiden verdächtigen Brüder zufällig fotografiert hat, das Bild ursprünglich auf Facebook gepostet, weil er eine andere Person darauf verdächtigt hatte. Einen Falschen, irgendwen. Das Phänomen ist nicht neu: Auch bei anderen Katastrophen liefen die sozialen Netzwerke auf Hochtouren, und längst ist nicht jeder Tweet glaubwürdig und jedes Bild echt.

"Das FBI hat schon hundertmal Scheiße gebaut, nur eben nicht öffentlich"

Erst als die Bilder der Verdächtigen des FBI kamen, die so gar nichts mit den Verdächtigungen im Netz zu tun hatten, wurden die Stimmen kleinlaut - und löschten nach und nach die Bilder. "Ich bin der Erste, der seine Schuld eingesteht. Ich habe Scheiße gebaut", schreibt etwa ein Nutzer bei Reddit, und viele stimmen ihm zu. Einige unverbesserliche Mitstreiter trösten jedoch: "Das FBI hat schon hundertmal Scheiße gebaut", antwortet einer, "nur eben nicht öffentlich." Ein anderer ist nach wie vor der Meinung, mit dem Herausarbeiten der vermeintlichen Verdächtigen "wertvolle Informationen" geliefert zu haben.

Beim anarchischen Imageboard 4chan, wo allerdings kaum etwas ernst zu nehmen ist, feierten sich einige Nutzer selbst nach der Veröffentlichung der FBI-Fotos noch selbst: Man habe es doch gewusst, der Typ mit der weißen Baseballkappe sei es gewesen, "ich kann nicht glauben, dass wir ihn tatsächlich gefunden haben", heißt es da, und "der kommt nicht weit." Dabei zeigte das dort herumgereichte Foto eindeutig einen völlig anderen Menschen. Mittlerweile sind diese Einträge schon verschwunden.

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insgesamt 55 Beiträge
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1.
suane 19.04.2013
4Chan auf SPON. Das ich sowas noch erleben darf.
2. So entstehen auch 'Beweise' für VTs
rkinfo 19.04.2013
Auch Verschwörungstheorien enstanden so nebenbei mit der Mouse. Mal gut wenn eine Auflösung der Realität kurz danach kommt. Zuletzt ergab sich im Falle Kampusch wie unzutreffend VT Müll sein kann.
3.
John.Moredread 19.04.2013
Zitat von sysopMittlerweile sind diese Einträge schon verschwunden.
... da Threads in 4chan bei einer bestimmten Anzahl Einträge oder nach. ca 10 Minuten Inaktivität gelöscht werden. SPON: Wie könnte ihr was aus diesem Forum posten? Ich zitiere mal, was gaaaaanz oben steht: The stories and information posted here are artistic works of fiction and falsehood. Only a fool would take anything posted here as fact.
4. In Deutschland an der Tagesordnung
Otoshi 19.04.2013
Wenn Wildwasserbeauftrage auf die Jagd gegangen sind oder der Mob eine Polizeistation stuermen will. Da sind einige ganz schnell mit Vorverurteilungen mit dabei.
5.
berger9000 19.04.2013
Gut, dass wir darüber berichtet haben ...
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