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Hey, Mrs. Robinson: Volkssport Chart-Manipulation

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Nachdem es einer über das Internet koordinierten Armee von Musikkäufern gelang, den heftigen Titel einer Funk-Metal-Band zum britischen Weihnachtshit zu machen, soll jetzt "Mrs. Robinson" von Simon and Garfunkel die neue Nummer eins werden - als Salz in der Wunde eines peinlichen Polit-Skandals.

Chartmanipulation: Skandale im DIY-Verfahren Fotos
Getty Images

16-mal machten "Rage against the Machine" am Ende ihres 1992 erschienenen Lieds "Killing in the name" klar, wie genau die Botschaft ihres Songs denn nun zu verstehen ist: "Fuck you, I won't do what you tell me!" schrien sie, gefolgt von einem "Motherfucker!" und dem genüsslichen Abschluss "Uagh!".

Anfang der Neunziger erreichte die Funk-Metal-Crossover-Kombo damit ein zwar recht großes, aber trotzdem nur ein Nischenpublikum. Es sollte noch 17 Jahre dauern, bis die Band mit diesem Song endlich erreichte, wovon sie definitiv nie geträumt hatte: "Killing in the name" wurde zum Weihnachtshit 2009 in Großbritannien - zum meistverkauften Mainstream-Hit der Weihnachtszeit also.

Der hat dort eine lange Tradition, ist eine größere Sache als der hierzulande eher beschworene Sommerhit der Saison. Wie der aber besitzen diese Hits selten viel Tiefgang oder musikalischen Anspruch, folgen statt dessen ziemlich vorhersehbaren Mustern: Als Blaupause für den Christmas-Hit könnte etwa das sülzig-schwülstige, aber leider unausrottbare "Last Christmas" des Solarium-Duos Wham! aus den Achtzigern dienen. Spätestens seit damals werden jedes Jahr aufs neue Zuckersüß-Varianten dieser Vorlage geklont und gezielt auf den Markt gedrückt. Der normale Christmas-Hit in Großbritannien ist gemeinhin kein musikalisches, sondern ein Marketing-Werk im Zweivierteltakt mit Glöckchen.

Marketing-Verweigerung zur Weihnachtszeit

Im Jahr 2009 ging das - mit Verlaub gesagt - gründlich in die Hose: "Fuck you, I won't do what you tell me" antwortete mit spendierfreudiger Begeisterung eine Armee von Internet-Witzbolden, mobilisiert über das Chaoten-Netzwerk 4chan. Zehntausenden von Internetnutzern war es die Zahlung von 89 britischen Pence wert, damit zumindest zeitweilig zu verhindern, dass Joe McElderry, der achtzehnjährige Gewinner der letzten britischen Staffel der Casting-Show X-Factor, mit seiner Variante des stereotypischen Weihnachtshits auf der Eins landen würde. Mit Erfolg: Das Marketing unterlag, erst in der verkaufstechnisch ruhigeren Zeit nach Weihnachten schaffte es der gutfrisierte Jüngling nun auf den Nummer-1-Slot.

Wenn es nach dem Willen einer soeben begründeten Facebook-Gruppe geht, bleibt er da nicht lange. Neue Nummer 1 in Großbritannien dürfte in den nächsten Tagen schon der Uralt-Ohrwurm "Mrs. Robinson" der Spätsechziger-Barden Simon & Garfunkel werden. Wenige Tage, nachdem bei Facebook die Gruppe "Here's to you Mrs Robinson for number 1" entstand, zählt diese schon fast 13.000 Mitlieder - und der Verkauf der Uralt-Single stieg in Nordirland schon in der letzten Woche um 1200 Prozent, wie die Nachrichtenagentur AFP meldet.

Denn dort rankt sich aktuell ein Polit-Skandal um Mrs. Iris Robinson (60), Ehefrau des nordirischen First Minister Peter Robinson, der sich soeben - wie es bisher heißt - eine Auszeit nahm, weil die Affäre seiner Frau mit einem 19-Jährigen öffentlich wurde. Das erinnert fatal an den Film "Die Reifeprüfung" von 1967, in dem sich der junge Dustin Hoffmann zu den Klängen von Simon & Garfunkel von Mrs. Robinson verführen lässt, am Ende aber mit deren Tochter durchbrennt. Was für eine Steilvorlage für blöde Witze.

Insbesondere für eine Internetcommunity, die soeben ein neues Spielzeug entdeckt hat: Chart-Manipulation per Massenkauf.

Es wird auch in diesem Fall funktionieren, wenn es keine Gegenkampagne gibt. Denn in Wahrheit ist das heute nicht nur darum einfach, weil sich so ungemein spontan Zehntausende von Menschen zu Netzwerken zusammenfinden können, um ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Es wird auch darum klappen, weil in einer ruhigen Verkaufswoche schon die 13.000 Facebook-Gruppenmitglieder allein eine Single auf die Nummer eins heben könnten: Die Verkäufe von Musik sind derart am Boden, dass mitunter vierstellige Zahlen reichen, um es in die Top 20 zu schaffen.

Alles taugt zum politischen Werkzeug

So könnte die Kurzzeitkarriere des jungen Herrn McElderry schon bald zum Kollateralschaden einer Community-Aktion werden. Bemerkenswert daran sind mehrere Dinge. Das zur Weihnachtszeit entdeckte Spaß-Instrumentarium, mit minimalem Input eine Form von Macht ausüben zu können, wird hier in kürzester Zeit auf den politischen Raum übertragen. Denn auch wenn viele, die sich nun die flockige kleine Robinson-Hymne für schlanke 69 Pence herunterladen werden, dies allein tun, weil sie es für einen guten Witz halten - viele andere sind sich darüber bewusst, was die Stichelei per Radio, wo der Hit dann unweigerlich vermehrt zu hören sein wird, in der politischen Szenerie Nordirlands bedeutet.

Es trifft die Moralprediger

Denn First Minister Peter Robinson ist der Vorsitzende der Democratic Unionist Party DUP des umstrittenen Predigers Ian Paisley. Die Partei steht der von Paisley gegründeten presbyterianischen Freikirche Nordirlands nahe - einer erzkonservativ-fundamentalistischen Glaubensgemeinschaft, die ihren Frauen bis Anfang der Siebziger Jahre noch das Tragen des Kopftuchs in der Öffentlichkeit vorschrieb (im Gottesdienst müssen sie es noch heute) und Kindern das Spielen an Sonntagen verbietet - denn Spielen ist eine Form der Arbeit und somit eine Störung des Sabbats. Die Kirche sieht sich selbst puritanischen Glaubensgrundsätzen nahe und verweigert sich jeder Ökumene: International bekannt wurde Gründer Paisley spätestens, als er einen Auftritt des Papstes Johannes Paul II. im Europaparlament dazu nutzte, die Welt lautstark davon in Kenntnis zu setzen, dass der der Antichrist in Person sei.

Im politischen Spektrum Nordirlands steht auch die von ihm gegründete DUP am äußersten rechten Rand, predigt Moral und Ordnung - und repräsentiert das stramm-protestantische Lager. Bis 2007 verweigerte sich die DUP jeder Kooperation mit der als katholisch gesehenen Sinn Fein. Dann lenkte Paisley ein, wurde Mitglied der Allparteienregierung - und übergab 2008 das Amt des First Minister an den ebenfalls lange als Hardliner berüchtigten Robinson.

Robinson selbst führte als First Minister seit 2008 nun eine Regierung an, zu der es nie gekommen wäre, wenn es nach ihm gegangen wäre: An der Seite Ian Paisleys gehörte Robinson zu den ausgesprochenen Gegnern des sogenannten Karfreitagabkommens, das 1998 die Entwaffnung der meisten Bürgerkriegsparteien in Nordirland einleitete und die Grundlage eines Regierungsbündnisses unter Beteiligung aller maßgeblichen politischen Kräfte in der langjährigen Unruheprovinz schuf.

Erst vor diesem Hintergrund wird verständlich, wie sehr das Salz des Robinson-Songs in den Wunden brennen wird, die dieser Skandal gerissen hat. Denn dass ausgerechnet die Ehefrau des Vorsitzenden einer Partei der angeblichen Tugendbolde sich nicht nur mit einem knapp 40 Jahre jüngeren Mann einlässt, sondern diesen angeblich auch noch finanziell mit Staatsgeldern begünstigte, lässt nicht nur Häme, sondern auch Bigotterie-Rufe laut werden. Die werden so manchem aus dem Gegenlager gerade recht kommen, da zeitgleich auch Gerry Adams, Führungsfigur der Sinn Fein, einen ganz eigenen Skandal am Bein hat, der ihn kaum weniger bigott erscheinen lässt.

So beiläufig, vermeintlich albern und hemdsärmelig diese Facebook-getriebene Form der Chart-Manipulation also auch daherkommen mag, sie hat das Potential, der beteiligten Community einmal mehr ihre eigene Macht vor Augen zu führen. Es wird dann wohl kaum lange dauern, bis erste Versuche folgen, so etwas wirklich zielgerichtet zu tun - zu politischen oder werblichen Zielen.

Im Film von 1967 ist "Mrs. Robinson" das Lied, das man hört, als alles den Bach hinunter zu gehen scheint: Als der jugendliche Ex-Liebhaber vom gehörnten Ehemann gestellt wird, als der ihm sagt, dass es Aus sei mit ihm und der eigentlich begehrten Tochter. "Mrs. Robinson" ist ein fröhlicher Abgesang auf eine Affäre, nach der nichts mehr so ist wie vorher. Demnächst auf Platz 1 der britischen Charts?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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1. Natürlich wird manipuliert
H. Hipper, 12.01.2010
Charts und Rankings waren schom immer eher Instrumente des Marketings als der objektiven Orientierungshilfe. Die deutlichsten Beispiele hierfür sind neben den Pop-Charts sicherlich Wirtschaftsstandort- und Uni-Rankings Und natürlich war da manipuliert was das Zeug hält...
2. ...
Newspeak, 12.01.2010
"So beiläufig, vermeintlich albern und hemdsärmelig diese Facebook-getriebene Form der Chart-Manipulation also auch daherkommen mag, sie hat das Potential, der beteiligten Community einmal mehr ihre eigene Macht vor Augen zu führen." Wenn Menschen sich unter einem Ziel zusammenschließen, dann haben sie immer mehr Macht, als irgendjemand sonst auf der Welt. Deshalb muß ja auch die Versammlungsfreiheit in der Verfassung geschützt werden, wäre sie doch das erste, was jeder Staat, auch der vermeintlich demokratische, drangeben würde. Neu ist nur, daß die Netzwerkbildung in Zeiten des Internet und Handy für die Herrschenden völlig unvorhersehbar, unberechenbar und deshalb unkontrollierbar wird (weswegen ja auch Mittel gesucht werden, Flashmobs zu verbieten). Dabei ist dies der angenehmste Zug der Globalisierung: Die Öffentlichkeit erobert den "öffentlichen Raum" zurück. Und die scheinbar Mächtigen sind zum Zuschauen verdammt.
3. Foto
phboerker 12.01.2010
Das zum Artikel gelieferte Foto von Simon & Garfunkel ist seitenverkehrt. Paul Simon ist zwar Linkshänder, spielt die Gitarre jedoch wie ein Rechtshänder. Die Bildunterschriften sind mal wieder äußerst niveaulos.
4. wayne's world
mark pohland 12.01.2010
& um die Geschichte rund zu machen: in der Szene des Films "Wayne's World 2", die die Heiratsszene in "Die Reifeprüfung" parodiert, heiratet Waynes Herzensdame in der Zweiten presbyterianischen Kirche! Gruß von einem Filmnerd
5. Artikelqualität...
Schnomp 12.01.2010
Zitat von phboerkerDas zum Artikel gelieferte Foto von Simon & Garfunkel ist seitenverkehrt. Paul Simon ist zwar Linkshänder, spielt die Gitarre jedoch wie ein Rechtshänder. Die Bildunterschriften sind mal wieder äußerst niveaulos.
Ausserdem heisst das Lied von RATM immer noch "Killing in the name OF" und der Artikel könnte beim Leser doch irgendwie den Eindruck erwecken, RATM wäre eine sinnlos-pubertäre Pöbelband. Dass es sich dabei allerdings um eine der politischsten US-Bands des letzten Jahrhunderts handelt wird doch eher verschwiegen. -Schnomp.
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