Hightech-Praxis für Flüchtlinge "Hallo, was fehlt Ihnen?"

Viele Flüchtlinge können kein Deutsch, viele Ärzte kein Arabisch oder Farsi. Das macht Arztbesuche kompliziert. In neuen Medizincontainern testet Hamburg eine simple Lösung: Video-Dolmetscher aus dem Netz.

Dolmetscherin im Live-Video
SPIEGEL ONLINE

Dolmetscherin im Live-Video

Von


Albanisch, Arabisch, Bosnisch, Dari, Farsi, Koreanisch, Russisch, Türkisch, irgendwann Weißrussisch: Es ist eine lange Liste an Sprachen, durch die man auf dem großen Bildschirm scrollen kann, der in einem behelfsmäßigen Arzt-Sprechzimmer in der Flüchtlingsunterkunft am Hamburger Rugenbarg steht.

Der Bildschirm soll das Gespräch zwischen Arzt und Patient nicht stören. Er soll es überhaupt erst möglich machen: per Video-Dolmetscher, der, wie bei einem Skype -Anruf, innerhalb von wenigen Minuten live in das Sprechzimmer zugeschaltet wird.

Die meisten Flüchtlinge können kein Englisch, kein Deutsch. Die meisten deutschen Ärzte sprechend weder Arabisch noch Farsi. Wenn ein Flüchtling ärztliche Hilfe braucht, wird die Sprachbarriere zum Problem. "Hallo, was fehlt Ihnen?" kann eine komplizierte Frage sein, wenn keiner die Sprache des anderen spricht.

Dolmetscher jedoch sind teuer und nicht immer gleich zur Stelle. Außerdem wohnen am Rugenbarg Menschen aus vielen unterschiedlichen Ländern, sprechen unterschiedliche Sprachen. Diese Sprachenvielfalt ist ein zusätzliches Hindernis an einem Ort wie einer Flüchtlingsunterkunft, an dem die Verständigung sowieso oft nicht leicht ist. In Hamburg hat man versucht, für diese komplexen Probleme eine einfache technische Lösung zu finden.

Video-Dolmetscher-System
SPIEGEL ONLINE

Video-Dolmetscher-System

Das Sprechzimmer mit dem Dolmetscher-System ist in einem umgebauten Baucontainer untergebracht, der mitten auf dem Gelände der Zentralen Erstaufnahme am Stadtrand Hamburgs steht. "First Aid Medical Center" steht darauf. Man hat mit diesem Konzept des vernetzten Medizincontainers so gute Erfahrungen gemacht, dass es nun ausgeweitet wird: Nach einem ersten Prototypen, seit November in Betrieb, werden in Hamburg bald zehn solcher Container für Flüchtlinge aufgestellt.

Lange Schlangen vor dem ersten vernetzen Medizincontainer

Der neue Container am Rugenbarg steht schon. Er hat ein eigenes Wartezimmer, die Patienten müssen nicht mehr im Freien anstehen. An das Sprechzimmer in der Mitte des Containers schließt das Behandlungszimmer mit Liege an. Auch dort gibt es einen Bildschirm, auf den sich der Dolmetscher zuschalten kann.

Dass das Projekt mit den Video-Dolmetschern überhaupt ausprobiert werden konnte, hat Hamburg zwei Mitarbeitern der IT-Firma Cisco zu verdanken: Mirko Bass und Martin Kröger. Die Medizincontainer mit Internetanschluss waren ihre Idee, ihr Arbeitgeber übernahm die Kosten.

Auch die zehn neuen Container können vom Deutschen Roten Kreuz nur dank einer 900.000-Euro-Spende der Otto-Stiftung aufgebaut werden. Muttersprachliche Betreuung durch einen Arzt ist in Deutschland ein Luxus für Flüchtlinge, kein Standard. Oft helfen Ehrenamtliche ohne Dolmetscherausbildung aus, gefährliche Missverständnisse sind nicht ausgeschlossen.

Neuer Medizincontainer am Rugenbarg
SPIEGEL ONLINE

Neuer Medizincontainer am Rugenbarg

Das System am Rugenbarg besteht aus einem Bildschirm, einer Kamera und einer Internetverbindung, erklärt Bass. "Das läuft hier über den Mobilfunkstandard LTE ", erklärt er. "Am Anfang war die Mobilfunkzelle überlastet, wegen uns und den ganzen Smartphones der Flüchtlinge. Wir haben dann einen anderen Anbieter gewählt, der teurer ist, und das Problem mit dem Netz war gelöst", ergänzt Martin Kröger bei der Vorstellung des neuen Containers am Montag. "Die Flüchtlinge sind alle bei den Anbietern, die sehr günstige Angebote haben."

Was sagen die Flüchtlinge selbst?

Auch Maher Murad ist auserkoren worden, bei der Vorstellung des Medizincontainers dabei zu sein. Murad ist 19, kommt aus dem Irak. Seit fünf Monaten ist er mit seiner Familie in der Unterkunft am Rugenbarg untergebracht. Er steht vor dem Container, trotz Regen, die Hände in den Hosentaschen.

Maher Murad
SPIEGEL ONLINE

Maher Murad

Gerade eben hat er noch für die Lokalpresse auf der Behandlungsliege gesessen und sich von einem Arzt in den Mund leuchten lassen, zu Anschauungszwecken. Krank ist er gerade nicht. "Das System ist wirklich gut. So gut", sagt er auf Englisch. "Wir bekommen hier schnell Hilfe, die Ärzte sind gut", sagt er nochmal, mit Nachdruck. Viele andere können nicht so gut Englisch wie er. Sie seien auf die Übersetzer aus dem Netz angewiesen.

Rettungsassistent Mario Genske betreut die Patienten des Medizincontainers mit. Sechs Menschen pro Stunde könne man hier versorgen, dazwischen noch Notfälle. Und auch Genske sagt: "Die Bewohner nehmen das System gerne an."

Nur zwei Minuten Wartezeit

Angeboten wird der Dolmetscher-Service von der Firma SAVD, in einem Abo-Modell: Durchschnittlich 300 Euro Grundpauschale im Monat zahlen Einrichtungen, die den Service nutzen. Hinzu kommen die Gespräche: Die ersten 15 Minuten kosten 30 Euro, danach halbiert sich der Preis. Rund 750 Video-Dolmetscher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind gleichzeitig online. Mit einem Klick können die Mitarbeiter über das browserbasierte Dolmetscher-System angerufen werden.

Für Sprachen, die in der Liste grün unterlegt sind, erscheint innerhalb von zwei Minuten ein Übersetzer auf dem Bildschirm. Das System lebt von seiner Geschwindigkeit. Für die Städte ist es zudem günstiger, als Übersetzer vor Ort zu stellen, die dann doch nicht alle Sprachen abdecken können.

Seit dem vergangenen Sommer registriert SAVD-Firmenchef Peter Merschitz vermehrt Anfragen nach seinem Dolmetscher-Netzwerk, sagt er am Montag, er ist per Videoschalte in den Container zugeschaltet. Die vielen Flüchtlinge in Deutschland sind gut für sein Geschäft.

Zu Vorführungszwecken ruft man aus Hamburg bei einem Dolmetscher für Farsi an, ein Deutscher mit afghanischen Wurzeln hebt ab. Er sitzt daheim in seinem Büro, trägt ein Headset, grüßt freundlich und sagt: "Am Anfang dachte ich, das sei unpersönlich. Mittlerweile fühle ich mich, als wäre ich mit dem Patienten direkt vor Ort." Ein Internetausfall wäre fatal. Das passiere aber so gut wie nie.



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.