Hingerichtete im Netz Die texanische Website des Todes

Texas pflegte schon immer ein offenes Verhältnis zur Todesstrafe. Das Internet aber treibt die Transparenz des regulierten Todes in neue Dimensionen: Auf der "Death Row Homepage" präsentiert der US-Südstaat den Weg der Delinquenten vom Gerichtssaal bis zur Giftspritze mit zahlreichen Details - von der Auswahl der Henkersmahlzeit bis zu den letzten Worten.

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Jay Kelly Pinkerton: Mit 17 gemordet, mit 24 hingerichtet

Jay Kelly Pinkerton: Mit 17 gemordet, mit 24 hingerichtet

Hamburg - "Ich liebe dich, Vati." Letzte Worte, gesprochen von einem 24-Jährigen. Wenige Minuten später ist Jay Kelly Pinkerton tot, gestorben an einer tödlichen Injektion im Gefängnis von Huntsville, Texas, am 15. Mai 1986.

Pinkerton war 17, als er Amarillo frösteln ließ. Im November 1979 zog er durch einen ruhigen Vorort der texanischen Provinzstadt, brach in ein Haus ein, tötete die 30-jährige Sarah Donn Lawrence mit mehr als 30 Messerstichen und verging sich anschließend an ihrer Leiche.

Die Polizei nahm den Jungen kurz darauf fest, schlampte aber bei der Beweisaufnahme: Fingerabdrücke, die Pinkerton später überführen sollten, wurden nicht ausgewertet. Der 17-Jährige kam einen Tag nach dem Mord frei - und tötete fünf Monate später erneut. Diesmal erstach und vergewaltigte er Sherry Lynn Welch, eine frühere Schönheitskönigin.

Mit 17 gemordet, mit 24 hingerichtet

Pinkerton hatte sich einen Namen gemacht als einer dieser Jugendlichen, die immer für Ärger gut sind. Bis auf einen Einbruch aber stand nichts in seiner Strafakte. Erst seine Morde machten ihn zum jüngsten Texaner, der seit der Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 in den USA hingerichtet wurde.

Dass er überhaupt in der Todeszelle landete, verdankt er der Tatsache, dass in den Vereinigten Staaten auch Minderjährige exekutiert werden können, was sonst nirgendwo in der Welt möglich ist - abgesehen von Somalia. Drei Mal war Pinkertons Exekution aufgeschoben worden - in einem Fall 26 Minuten vor seinem Todestermin. Sieben Jahre verbrachte er in der "Death Row", was kurz ist im Vergleich zu anderen Todeskandidaten. Walter Bell Jr. etwa wartet in Huntsville seit 1975 auf seine Hinrichtung.

Todeszelle in Huntsville (Texas): "Möge mein Tod Frieden bringen"
DPA

Todeszelle in Huntsville (Texas): "Möge mein Tod Frieden bringen"

Texas mag im Vergleich zum Rest der USA in wenigen Disziplinen Spitze sein. In einer Hinsicht aber hatte der Südstaat schon immer einen Platz in der ersten Reihe: Nirgendwo sonst in den Vereinigten Staaten wurden und werden ähnlich viele Menschen hingerichtet. 285 Verurteilte starben in Texas seit 1976 auf dem elektrischen Stuhl und durch die Giftspritze. Unter Gouverneur George W. Bush, dem jetzigen US-Präsidenten, stieg die Zahl der Hinrichtungen sprunghaft an: 154 Verurteilte wurden allein während seiner fünfjährigen Amtszeit als texanischer Regierungschef von 1995 bis 2000 exekutiert.

Akribische Dokumentation des regulierten Todes

Texas dokumentiert seine Hinrichtungen minutiös - und zwar nicht in Polizeiakten, die nur wenigen zugänglich sind, sondern im Internet: frei erhältlich für alle, die sich für den finalen Seelen-Strip interessieren, von der Henkersmahlzeit über die letzten Worte der Delinquenten bis hin zu Kopien der Hinrichtungsbefehle, handschriftliche Vollzugsmeldung inklusive.

Amtlich korrekt zählt die Death Row Homepage die drei todbringenden Chemikalien und ihre Wirkung auf, die Zahl der Hingerichteten, ihr Alter, ihre Hautfarbe, ihr Geschlecht. 10,58 Jahre sitzt der durchschnittliche Todeskandidat in seiner Zelle, 53 Dollar und 15 Cents muss Texas täglich für ihn ausgeben. Der Tod kostet 86 Dollar und 6 Cents - der Preis für den Giftcocktail, den die Maschine in die Adern des Verurteilten pumpt.

Auf den texanischen Todes-Seiten findet sich Groteskes und Anmaßendes, Bescheidenes und Sinnloses, Abstoßendes und Ergreifendes. Viele Todeskandidaten verlangten als letzte Mahlzeit nichts oder nur eine Tasse Kaffee. Odell Barnes Jr., hingerichtet am 3. Januar 2000, wünschte sich dagegen "Gerechtigkeit, Gleichheit und Weltfrieden".



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