Falschmeldungen Hoax-Jäger enttarnen Märchen im Internet

Rattengift auf Cola-Dosen, Bandwürmer in der Sushi-Box, Stecknadeln im Kinosessel: Falschmeldungen verbreiten sich auf Twitter und Facebook so schnell wie nie zuvor. Hoax-Jäger versuchen sie aufzudecken, doch manchmal fallen selbst Profis darauf herein.

Gefälschtes Nessie-Bild: Nicht alles, was die eigenen Freunde posten, ist wahr
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Gefälschtes Nessie-Bild: Nicht alles, was die eigenen Freunde posten, ist wahr

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Die Schreckensmeldung über eine brutale Diebesbande hat sich in der Weihnachtszeit rasant im Netz verbreitet. Über Whatsapp und Facebook ging die Warnung um: Kriminelle verteilten Handschuhe auf Weihnachtsmärkten und Parkplätzen großer Einkaufszentren. In die Handschuhe seien Nadeln eingenäht, die ein Betäubungsmittel in die Fingerkuppen der Opfer injizierten. Die Opfer seien vor allem junge Frauen, die alleine unterwegs sind. Sobald das Gift wirke, würden die Frauen ausgeraubt und vergewaltigt.

Klingt übel, ist aber kein Grund zur Sorge. Denn die Story stimmt nicht. Es handelt sich um eine Falschmeldung, einen Hoax, der sich in letzter Zeit vor allem im Südwesten Deutschlands ausgebreitet hat. Auch das Landeskriminalamt (LKA) in Baden-Württemberg ist davon überzeugt, dass es sich um eine Falschmeldung handelt. "Diese Geschichten sind frei erfunden und sollten keinesfalls weiter verbreitet werden", sagt ein Sprecher des LKA.

Ob Rattengift auf Cola-Dosen, Prozessor-schmelzende Computerviren, Bandwurmeier in der Sushi-Box oder leergeräumte Paypal-Konten: Frank Ziemann kennt diese Schreckensmeldungen nur zu gut. Vor mehr als 15 Jahren hat der IT-Fachmann den Lügengeschichten im Netz den Kampf angesagt. Seither hat er Hunderte Hoaxes enttarnt und die Nutzer auf seiner Website über die Hintergründe der Enten aufgeklärt.

"Ich weiß, ich bin ein Depp"

Doch sein Job wird immer schwieriger. Während der 48-Jährige früher lediglich E-Mails im Auge behalten musste, bekämpft er die Flut der Falschmeldungen heutzutage auf mehreren Kanälen. Denn Kurznachrichtendienste wie Twitter, Messenger wie Whatsapp und soziale Netzwerke wie Facebook sind ein optimaler Nährboden für die Nachrichten-Enten. Dort verbreiten sie sich so rasant wie nie zuvor. Horror-Hoaxes, die bereits seit Jahren nicht mehr in den E-Mail-Postfächern gelandet sind, werden wieder aufgewärmt und bahnen sich nun ihren Weg durch die Facebook-Timelines. Das Problem: Viele Mitglieder haben bisher nur wenig Erfahrung mit Falschmeldungen gemacht, sagt Ziemann. "Oft leiten junge Anwender einen Hoax weiter, weil sie die alten Geschichten noch gar nicht kennen."

Manche Lügen sind jedoch so gut gemacht, dass selbst Experten darauf hereinfallen. In den vergangenen Wochen hielt ein Fälscher die Fangemeinde der Rollenspiel-Reihe "Fallout" mit der Website thesurvivor2299.com zum Narren. Mit fingierten Gerüchten über einen angeblich vierten Teil der Endzeit-Saga narrte der Fälscher selbst seriöse Nachrichtenseiten. Der Hoax wurde erst bekannt, als der Betrüger seine Aktion selbst enttarnte. Beim Nachrichten-Aggregator "Reddit" prahlte er mit seinem Hoax. Dort schreibt er, dass er die Entwickler des Spieleherstellers Bethesda Softworks dazu bringen wollte, etwas über die Pläne zu "Fallout 4" zu verraten. Dafür habe er täglich eine Stunde investiert und insgesamt knapp 1000 Dollar ausgegeben. Das sei für ihn nicht viel Geld, schreibt er. "Ich weiß, ich bin ein Depp."

Microsoft verschenkt kein Geld, wenn Sie diese E-Mail weiterleiten

Auch wenn er Bethesda nichts über "Fallout 4" entlocken konnte: seine Aktion haben viele Nutzer wahrgenommen. Für viele Hoax-Schöpfer ist das der einzige Antrieb. "Wer einen Hoax verbreitet, hat in aller Regel ein hohes Geltungsbedürfnis und will Aufmerksamkeit erzeugen", sagt Frank Ziemann. "Ein Hoax ist praktisch ein Virus für Arme." Das hohe Interesse an exklusiven Informationen und die Hilfsbereitschaft der Nutzer erledigen den Rest. Und bahnt sich eine solche Falschmeldung erst einmal ihren Weg durch das Internet, lässt sie sich nur schwer wieder einfangen. Man vertraue schließlich seinen Freunden, die eine Nachricht weiterleiten, sagt Ziemann.

Um einen Hoax zu stoppen, hilft nur ein Mittel: Aufklärung. Obwohl es in aller Regel auch reiche, den gesunden Menschenverstand einzuschalten, sagt Ziemann. "Leider passiert das nicht allzu oft." Immer wieder wird er mit Geschichten konfrontiert, die schon längst als ausgerottet galten. Meist sind es Variationen früherer Horror-Storys. Dann stecken die mit Aids-Viren infizierten Stecknadeln nicht mehr in Kinosesseln, sondern tauchen plötzlich in U-Bahn-Sitzen auf, kleben auf Zapfhähnen an Tankstellen - oder werden in Handschuhe eingenäht.

Betrugsmails wie die Nachricht, dass Microsoft sein Vermögen verschenke, werden wohl nie vollständig von der Bildfläche verschwinden. Im September 1999 ist die Mail zum ersten Mal im Postfach von Ziemann gelandet. Darin war zu lesen, dass Microsoft jedem Nutzer ein paar Dollar überweist, wenn die E-Mail weitergeleitet wird. Obwohl der US-Konzern noch im selben Jahr erklärte, dass es sich um reinen Blödsinn handle, begegnet Ziemann dem Märchen vom Geldregen auch heute noch immer wieder. "Manchmal ist es ein wenig frustrierend", sagt der Hoax-Jäger. "Aber ich habe ein gutes Durchhaltevermögen."

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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
rodelaax 23.12.2013
1. Ich weiß ja nicht, was der für Freunde hat,
... aber ich bekomme keine solchen Hoaxmails weiter geleitet.
oldvic 23.12.2013
2. Ja, leider...
Zitat: "Manchmal ist es ein wenig frustrierend", sagt der Hoax-Jäger. Ja, leider. Da hab ich es in den letzten Jahren geschafft, dass in meinem privaten und geschäftlichen Umfeld per E-Mail so etwas nicht mehr aufläuft, bekomme ich inzwischen diesen Quatsch (wer Kontakt XYZ annimmt oder TelNr 123456 anruft, dem passiert was ganz böses persönlich oder nur dem Handy...) per whatsapp auf dem Smartphone. Von genau den gleichen Leuten. Es ist zwar "nur" lästig, aber man fragt sich halt trotzdem unwillkürlich, ob man nur von Dorfdeppen umgeben ist... :-(
pommbaer123 23.12.2013
3.
Nicht immer ist das Absicht. Heute werden solche Meldungen getarnt. Zum Beispiel wird dann ein Bild gezeigt mit einer Fläche "nicht mehr anzeugen" und wenn man da drauf klickt wird die Meldung geteilt.. Also nicht jeder Nutzer leitet sowas mit voller Absicht weiter.
derwodaso 23.12.2013
4.
ob er wohl auch den hoax um holofernes enttarnt bekommt?
Just4fun 23.12.2013
5. und was genau ...
Zitat von sysopGetty ImagesRattengift auf Cola-Dosen, Bandwürmer in der Sushi-Box, Stecknadeln im Kinosessel: Falschmeldungen verbreiten sich auf Twitter und Facebook so schnell wie nie zuvor. Hoax-Jäger versuchen sie aufzudecken, doch manchmal fallen selbst Profis darauf herein. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/hoax-jaeger-enttarnen-falschmeldungen-im-internet-a-940611.html
hat jetzt das Nessie-Bild damit zu tun? dieses Bild ist deutlich älter als das Internet; ist jetzt alles, was "getürkt" ist, ein Hoax? Gibt's jetzt keine Fälschungen mehr, war Konrad Kujau ein "Hoaxer"?
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