Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Hoaxes und Kettenmails: Bill Gates verschenkt kein Geld

Von Tobias Lill

Sie handeln von kranken Kindern oder misshandelten Katzen und setzen auf Hilfsbereitschaft oder Gier: elektronische Kettenbriefe. In den vergangenen Tagen fielen viele Deutsche auf eine E-Mail herein. Inhalt: Bill Gates verschenkt sein Vermögen. SPIEGEL ONLINE fragte nach.

Der elektronische Kettenbrief, der seit einigen Tagen unter dem Titel "Microsoft verschenkt Dollars" durch deutsche Büros geistert, klingt verlockend: "Wenn ihr diese Mail an Freunde versendet, kann und wird Microsoft zwei Wochen lang euren Spuren folgen. Für jede Person, die diese Nachricht versendet, zahlt Microsoft 245 Euro", lockt die Mail.

Microsoft-Chef Bill Gates: Der reichste Mann der Welt behält sein Geld
REUTERS

Microsoft-Chef Bill Gates: Der reichste Mann der Welt behält sein Geld

Bei Microsoft kann man darüber nicht lachen. "Dadurch wird das Vertrauen der Nutzer ins Internet beschädigt", sagt Sprecher Thomas Baumgärtner. Obwohl eine Rückverfolgung der E-Mails technisch nicht möglich ist, habe es bereits zahlreiche Anfragen gegeben. Baumgärtner: "Sogar Manager haben bei uns angerufen, ob das stimmt."

Gegen die Urheber will Microsoft nicht vorgehen. Dies ist auch kaum möglich: Der Straftatbestand des Betruges ist nur erfüllt, wenn tatsächlich Geld geflossen ist. "Außerdem lässt sich beim Großteil der Hoaxes der Urheber ohnehin nicht mehr ermitteln", weiß der Berliner Hoax-Experte Frank Ziemann. Dass, wie Microsoft vermutet, die in einer ähnlichen Version bereits 1999 schon einmal in Umlauf gebrachte Kettenmail zum Adressensammeln dient, glaubt der Berliner nicht. "Die Spammer haben da deutlich effektivere Methoden."

Stefan Mrosek ist nicht Bill Gates, aber auch er hat Erfahrungen mit Hoaxes. Der Nervenkrieg begann für ihn mit einer herzzerreißenden E-Mail, die ihn vor fast sechs Jahren erreichte: "Das Problem ist, dass meine Freundin an Leukämie erkrankt ist. Es hat sich herausgestellt, dass Sie nur noch wenige Wochen zu Leben hat. Wir benötigen dringend eine/n Spender/in mit der Blutgruppe AB negativ!!!!"

Da er die Blutgruppe selbst nicht hatte, sandte der Klinikangestellte die E-Mail - der Bitte am Ende Textes entsprechend - an Kollegen und Freunde. "Ich wollte einfach helfen", sagt der Regensburger rückblickend. Was Mrosek nicht wusste: Es handelte sich bei dem Appell um einen sogenannten Hoax, also einen Kettenbrief mit erfundenem Inhalt. Mroseks E-Mail Programm hängte automatisch dessen Name, Telefonnummer und die Adresse seines Arbeitgebers an.

30 bis 40 Menschen, die helfen wollten, riefen ihn daraufhin täglich über Monate und Jahre hinweg an. "Die Zahl der Anrufer dürfte mittlerweile insgesamt im fünfstelligen Bereich liegen. Das war teilweise schon nervenaufreibend", sagt der Mann, der lange Zeit bemüht war, die potentiellen Spender persönlich aufzuklären. Mittlerweile hat Mrosek eine neue Nummer. Wer die im Kettenbrief genannte Durchwahl wählt, dem rät ein Anrufbeantworter sich an die Deutsche Knochenmarksspenderdatei (DKMS) zu wenden.

"Solche Folgen für den Einzelnen haben elektronische Kettenbriefe zwar nur sehr selten, einen Nutzen jedoch generell nicht", sagt Hoax-Experte Ziemann. Der IT-Sicherheitsfachmann findet solche Scherz-Mails nicht nur lästig. Das Vertrauen der Nutzer in Hilfsaufrufe leide und der ökonomische Schaden könne erheblich sein. "Wenn in einem größeren Betrieb jeder Angestellte die Mail einige Minuten lang liest, können die Kosten wegen des Arbeitszeitausfalls durchaus in den fünfstelligen Bereich gehen", so der Berliner.

Am teuersten seien Kettenbriefe mit Virenwarnung, die den Nutzer dazu auffordern, eine bestimmte Datei auf dem Rechner zu löschen. Ziemann: "Wenn dann die IT-Abteilung ran muss, wird es für das Unternehmen richtig teuer."

Der Berliner, der sich seit 1997 mit dem Thema beschäftigt, stellt auf seiner Webseite hoax-info.de hunderte Seiten mit Informationen zu Falschmeldungen bereit. Das Lügenregister der Hoax-Macher ist breit gefächert: Es werden kostenlose Handys versprochen oder behauptet, Bonsai-Katzen würden von skrupellosen Geschäftsleuten in kleine Glasflaschen gequetscht. Auch Beispiele für regelrechte Panikmache finden sich dort: So verbreiteten Unbekannte vor einigen Jahren per E-Mail die Nachricht, in manchen Discos würden Gäste von Unbekannten mit HIV-verseuchten Spritzen gestochen. Daneben gibt es eine Reihe nutzloser Petitionen - etwa für den brasilianischen Regenwald.

Manche Hoaxes erreichen bis zu 100.000 Menschen

Oft existieren die genannten Kontaktadressen gar nicht oder sind bereits abgeschaltet worden. Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International halten Kettenbriefe generell für kein geeignetes Mittel, für eine gute Sache zu werben. Auch die DKMS distanziert sich. "Dieses Medium ist bereits zu sehr in Verruf geraten", sagt Sprecher Malte Wittwer. Beliebt bei Betrügern sind sogenannte Bettelbriefe: Manche Initiatoren, die angeblich für kranke Babys oder arme Tiere sammeln, machen sich nicht einmal die Mühe, den Namen des Kontoinhabers zu ändern.

Über 100.000 Menschen könne ein "realistisch gemachter" Kettenbrief nach Ansicht von Ziemann erreichen. Oft werde eine bekannte Firma als Quelle der Warnung genannt, um die Glaubwürdigkeit zu erhöhen. "Neben der Hilfsbereitschaft bringt vor allem Gier die Leute dazu, Hoaxes weiterzuverbreiten", sagt der Experte.

Fast immer sei das Motiv Geltungsbedürfnis. "Die wollen zeigen, dass sie das können", so Ziemann. Gelegentlich gebe es auch die Absicht, Personen oder Unternehmen gezielt zu schaden. Den Nutzern empfiehlt er, Kettenbriefe immer umgehend zu löschen. Sonst kann es einem gehen wie einem Auszubildenden, dessen Firma sich an Ziemann wandte: "Der junge Mann hat den ganzen Mail-Verteiler des Unternehmens versehentlich mit einem Kettenbrief weitergesandt." Sein Chef war über soviel Hilfsbereitschaft wenig erfreut.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: