Höfliche Paparazzi Schöne ungeschminkte Welt

Auf www.hoefliche-paparazzi.de schreiben Menschen über zufällige Begegnungen mit Prominenten. Die Geschichten gewähren tiefe Einblicke in das Seelenleben von Fußballern, Wissenschaftlern und Fernsehstars. Und sind vor allem oft hervorragend erzählt.

Von Meike Fries


Einstieg höfliche Paparazzi: Intime Einblicke mit Niveau

Einstieg höfliche Paparazzi: Intime Einblicke mit Niveau

Spätestens seit dem Unfalltod von Prinzessin Diana in Paris im Sommer 1997 ist ein ohnehin ungeliebter Berufsstand völlig in Verruf geraten: der der Paparazzi.

Paparazzi liefern uns Fotos, die wir oft mit Genuss anschauen, weil ungeschminkte Hollywoodstars beim Einkaufen, beim Baden oder beim Turteln ja irgendwie so menschlich sind.

Die Tätigkeit der Paparazzi ist oft mit Kriegsvokabular beschrieben worden: Mit Kameras und Objektiven bewaffnet lauern sie hinter jeder Ecke ihren Opfern auf, verfolgen sie, und im richtigen Moment drücken sie ab. Schön ist das nicht.

Aber natürlich: Paparazzi sind auch nicht alle gleich! Die netten, freundlichen, denen es nicht darum geht, andere Menschen bloßzustellen, die gibt es tatsächlich auch. Ihre Devise heißt Höflichkeit, und so heißt auch ihr Forum im Web: Auf www.hoefliche-paparazzi.de schreiben Menschen Geschichten auf, die von zufälligen Begegnungen mit Prominenten handeln. Man ahnt es: Diese Paparazzi sind keine Profis.

Dazu aufgerufen wurden sie von dem Journalisten Christian Ankowitsch, der heute unter www.alles-bonanza.de verschiedene Foren betreibt. "Anko" Ankowitsch ist in Web-Kreisen selbst ein Prominenter: Als Onliner der ersten Stunde leitete er über Jahre die "Zeit online". Mit dem ambitionierten Versuch, dem Web mit dem "Pegasus-Award" einen ernst zu nehmenden Online-Literaturpreis zu geben, scheiterte der berüchtigte Schöngeist jedoch - mangels Masse und Qualität. So ganz, der Eindruck drängt sich auf, hat Ankowitsch den Gedanken nicht aufgegeben.

Moderiert wird das Ganze vom Wiener Tausendsassa Tex Rubinowitz, der selbst mit einigen Begegnungen aufwarten kann.

Wann und unter welchen Umständen diese stattfanden, das ist ziemlich egal. Bloß "groupiesk" sollen sie nicht sein - und auch nicht professionell, also beispielsweise aus einer Interviewsituation heraus. Das wäre geschummelt.

Die Liste der Prominenten ist lang und reicht von A wie Abba über Monica Lewinsky und Prince Charles bis zu Z wie Helmut Zilk. Viele Menschen, die wir fast vergessen hatten, werden uns plötzlich wieder in Erinnerung gerufen: Ilja Richter, Radost Bokel oder Susan Stahnke. Und auch unter den Autoren finden wir den einen oder anderen bekannten Namen. Hermes Phettberg oder Max Goldt zum Beispiel.

Bob Dylan: Der Typ am Küchentisch
AP

Bob Dylan: Der Typ am Küchentisch

Die vielleicht schönste und beeindruckendste Geschichte stammt von Conchitta Dill und erzählt von einer Begegnung mit Bob Dylan am Londoner Küchentisch der Schwester, die in Sachen Popmusik ohne blassen Schimmer ist. Nacherzählen sollte man sie allerdings nicht, sie verlangt danach, selbst gelesen zu werden.

Hinreißend ist auch die Geschichte von Usho, der in einer Trattoria in Rom dem Schauspieler Helmut Berger begegnet und von ihm, nun ja, schon fast belästigt wird.

Natürlich sind es die mitunter tiefen Einblicke in Verhaltensweisen und Gewohnheiten von Prominenten, die es verschulden, dass man mit Leichtigkeit mehrere Stunden auf der Seite der höflichen Paparazzi zubringen kann: Karlo Tobler offenbart uns die letzten Geheimnisse von Pierre Littbarski. Als der Fußballer zum 1. FC Köln wechselte und dort noch keine Wohnung hatte, stellte er einige Dinge im Keller der Eltern von Karlo Tobler ab, denn die wiederum waren befreundet mit Littbarskis Spielervermittler.

Neben einer Stereoanlage, was wohl niemanden weiter verblüfft hätte, handelte es sich dabei um eine große Menge an Schlümpfen und Schlumpfhäusern. Als er kurze Zeit später eine eigene Wohnung bezog, soll Litti dort

Pierre Littbarski: Dieser Mann sammelt Schlümpfe!
AP

Pierre Littbarski: Dieser Mann sammelt Schlümpfe!

im Keller eine große "Schlumpfwelt" errichtet haben.

Wir erfahren auch, dass Stephen Hawking mit seinem surrenden Sprachcomputer in Cambridge im Kino saß und "Bridget Jones" angeschaut hat. Oder dass man den Philosophen Jürgen Habermas ruhig anrufen kann, wenn man unsicher ist, ihn an einer Stelle richtig verstanden zu haben. Seine Telefonnummer gibt es bei der Auskunft - es kann bloß sein, dass er um 22 Uhr schon schläft.

Ein Lob der Länge

"Form follows function" trifft auf die höflichen Paparazzi übrigens nicht zu. Denn mehr als um den Informationsgehalt geht es dort ganz eindeutig um die Geschichten und ihre Erzählweisen selbst. Die Textkritik schließt sich direkt an jeden Beitrag an. Eine schlecht erzählte, knappe und wenig detaillierte Erzählung findet oft wenig positive Resonanz, klingt die Begegnung an sich jedoch viel versprechend, wird allerdings gerne noch mal nachgehakt: Welche Kleidung trug er? Was für ein Auto fuhr er? Worüber habt Ihr gesprochen?

Ganz anders bei den großen Geschichten, die für sich selbst stehen. Ist eine Geschichte gut erzählt, liefert sie möglichst viele Details und weiß sie zu überraschen, dann wird ordentlich Lob ausgeschüttet von den Pappen-Kollegen und es entwickeln sich kuriose, unterhaltsame Diskussionen wie zum Beispiel über den unvergessenen Auftritt Helmut Bergers in Alfred Bioleks Kochsendung.

Die besten Geschichten und Debatten wurden übrigens von Christian Ankowitsch fürs Theater bearbeitet und feierten am Deutschen Theater in Berlin in diesem Monat als szenische Lesung Premiere, die Reihe soll fortgesetzt werden.

Der Tonfall der Pappen hat häufig schon fast etwas Familiäres, dass sich viele der Autoren untereinander kennen, ist nicht zu übersehen. Und Höflichkeit ist ganz und gar unabdingbar. Hoffentlich bleibt das auch so, an diesem freundlichen Ort.



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