Kurz-Thriller aus Hongkong: Edward Snowden, der Film

Die Jagd auf Edward Snowden als rasanter Thriller: Amateurfilmer aus Hongkong haben in Eigenregie den ersten Film über den US-Whistleblower gedreht und ins Internet gestellt - eine cineastische Fingerübung mit kritischen Untertönen.

Szene aus dem Kurzfilm "Verax": Dreharbeiten im Guerilla-Stil Zur Großansicht

Szene aus dem Kurzfilm "Verax": Dreharbeiten im Guerilla-Stil

Hongkong/Berlin - Es beginnt wie eine Episode der Agententhriller-Reihe um Jason Bourne: Totale auf die Straßenschluchten von Hongkong, dann Schnitt auf einen tristen Konferenzraum mit drei Männern, offensichtlich NSA oder CIA, die im nüchternen Ton darüber beraten, wie sie den Datendieb wieder einfangen. Schnitt. Ein Zimmer im Hotel Mira im Hongkonger Stadtteil Kowloon, Schemen eines Mannes, gespiegelt in einer Fensterscheibe, Hände, die einen Laptop aus einem Safe nehmen.

Schnitt. Eine Reporterin der Zeitung "South China Sentinel", der per Mail Informationen über geheime US-Programme zur weltweiten Überwachung der Internet- und Telefonkommunikation angeboten werden. Die Quelle: in Hongkong, man könne den Mann, einen Amerikaner, treffen. Doch der Chefredakteur winkt ab: "Hör auf, solchem Unsinn hinterherzujagen, okay?" Schnitt. Zwei Hongkonger Polizisten, die von einem Geheimdienstmann vom chinesischen Festland aufgefordert werden, den flüchtigen Whistleblower vor den Amerikanern aufzustöbern. "Haben wir nicht ein Auslieferungsabkommen mit den USA?", fragt der eine Polizist. Die kühle Antwort: "Lass das unsere Sorge sein."

Eine Menschenjagd, inszeniert wie ein Krimi, unterlegt mit treibender elektronischer Musik, die ständige Anspannung suggeriert: Der Kurzfilm "Verax" ist nur etwas länger als fünf Minuten, aber sollte es in Hollywood bereits Pläne geben, die Geschichte des NSA-Mitarbeiters Edward Snowden zu verfilmen, können sich die Profis zumindest bei der Machart dieses Amateurfilms einiges abgucken. Die Schauspielleistungen der beteiligten Laien lassen naturgemäß zu wünschen übrig.

Liebeserklärung an Hongkong

"Es war eine Menge Adrenalin, die Dreharbeiten waren sehr im Guerilla-Stil", sagt Kameramann Edwin Lee über den Film, den er zusammen mit drei Freunden in weniger als einer Woche drehte und auf YouTube veröffentlichte (scrollen Sie nach unten, um den Film zu sehen - d. Red.).

Es sei ein "Spionagefilm in Entwicklung" gewesen, sagte Lee mit Blick auf die rasante Entwicklung in dem Fall. Denn während Lee und sein Team drehten, befand sich Snowden tatsächlich in Hongkong und musste damit rechnen, jederzeit verhaftet zu werden. "Verax" ist der Codename, den Snowden selbst benutzte. Gespielt wird er im Film von dem amerikanischen Lehrer Andrew Cromeek, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit Snowden aufweist. "Alles, was er brauchte, war ein neuer Haarschnitt und ein paar andere Klamotten", sagte Lee dem "Wall Street Journal".

Lee war der einzige professionelle Filmemacher bei der Produktion, er betreibt in Hongkong die kleine Produktionsfirma Fallout Media. "Verax" drehte er mit einer Handkamera an Originalschauplätzen. Neben Lee waren Hongkong-Immigranten aus Irland, Australien, Kanada und den USA beteiligt. Lees Hauptmotivation, abseits vom offensichtlichen Reiz, eine reale Thriller-Handlung quasi in Echtzeit zu verfilmen, war die Tatsache, dass sich die Ereignisse in Hongkong abspielten: "Wir lieben unsere Stadt und wollen sie der Welt so oft wie möglich präsentieren", sagte er auf YouTube in den Kommentaren zu seinem Video.

Nur 5000 Hongkong-Dollar, rund 500 Euro, soll "Verax" gekostet haben. Lee betrachtet seinen Film als "Schnappschuss" und berichtete dem "Wall Street Journal", dass sie lange überlegt hätten, ob sie eine Parodie, eine Komödie oder einen Thriller drehen sollten. Am Ende sei es eine Art "Doku-Drama" geworden, sagt Lee.

Eine Thriller-Doku, die durchaus kritische Untertöne hat. Vor allem die Szene mit den chinesischen Polizisten wirft ein Schlaglicht auf die angespannte Beziehung zwischen China und der ehemaligen britischen Kronkolonie, die heute eine Sonderverwaltungszone mit eigener Jurisdiktion ist. Doch die "One country, two systems"-Politik geht offenbar nicht immer auf, die Szene suggeriert, dass China sich massiv in den Fall Snowden einmischte, obwohl er sich auf Hongkonger Gebiet befand.

Cineastische Fingerübung

Man muss "Verax" wohl als cineastische Fingerübung, als aus dem Affekt geborenes, sehr Hongkong-zentriertes Liebhaberprojekt verstehen, nicht als politischen oder gar aufklärerischen Kommentar. Den Filmemachern sei es wichtig gewesen, sich nicht auf eine Seite zu schlagen, sondern einfach abzubilden, was passiert, wenn sich die Schlinge um Snowden langsam zuzieht. Parteiisch mögen Lee und seine Leute nicht gewesen sein, indem sie die Jagd auf den Whistleblower zum Mittelpunkt eines Thrillers machen, andererseits scheint genau das zurzeit auch die PR-Strategie der USA zu sein: Möglichst viel Augenmerk auf den vermeintlichen Verräter lenken, damit nicht zu viel über die Inhalte seiner Enthüllungen geredet wird.

Nach und nach werden die Dimensionen des geheimen, Prism genannten elektronischen Überwachungsprogramms der NSA sowie des britischen Pendants Tempora klarer. Auch Deutschland ist im Visier der Geheimdienste: Laut SPIEGEL-Informationen überwacht die US-Behörde jeden Monat rund eine halbe Milliarde Telefonate, Mails und SMS.

Als Lee und sein Team fast fertig mit ihren Dreharbeiten waren, floh der echte Edward Snowden nach Moskau, wo er Medienberichten zufolge im Transitbereich eines Flughafens festsitzt und auf seine Ausreise nach Ecuador wartet. Die Filmcrew war enttäuscht, dass Snowden Hongkong verließ, doch Lee hat auch Verständnis: "Am Ende begriffen wir, dass es das Beste für ihn war."

bor/AFP

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Hier das Interview mit deutschen Untertiteln.
meykos 30.06.2013
Was er wirklich meint: https://www.youtube.com/watch?v=HPnf_od93d0
2. Wunderbar !
leinritt 30.06.2013
Hab ich es nicht prophezeit, hier wird schon der erste Film uber Snowden von Amateuren gedreht, und das ist nur der Anfang, Wartet bis Hollywood vor der Tuer steht, dann sind Millionen sicher !
3. Spätestens jetzt
abominog 30.06.2013
weiss jeder Mensch auf dieser Welt, warum Assange schon so lange verfolgt wird und quasi unter Hausarrest steht, warum Manning schon so lange im Militärknast sitzt und warum aussergewöhnliche Talente wie zB Aaron Swartz lieber den Freitod wählen, als in so einer hoffnungslos verlogenen Welt leben zu wollen... Pfui Teufel Amerika und England! Gegen eure Machenschaften sind China und Russland ja vergleichsweise sympathische Verteidiger der Bürger- und Menschenrechte, lol! Snowden soll ein Verräter sein? Das ich nicht lache! Die wahren Verräter sitzen offensichtlich ganz woanders, nicht wahr?
4. Hier der Film
jfpublic 30.06.2013
... ohne große Informationen - eher wie ein Trailer zu einem Kinofilm. http://www.youtube.com/watch?v=OWVGDBeR42I
5. Asyl für Snowden
Bruder Theodor 30.06.2013
Zitat von meykosWas er wirklich meint: https://www.youtube.com/watch?v=HPnf_od93d0
Danke für den Link zum Hong-Kong-Interview. Nicht einmal 5.000 Klicks. Schreib TITTEN oder PENIS, und du hast 5.000.000 Klicks auf Youtube. Unglaublich reif im Charakter, der Snowden. Ein Genie. Oder einen Genius, den er hat. Er projiziert nicht, das ist das Angenehme. Er benennt, und er weder will noch wollte je seinem Land schaden. Er ist mehr Amerika-Patriot als die, die sich Patrioten nennen. Ich bin für politisches Asyl, das Deutschland ihm anbietet.
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