HTML5: Web-Gremium muss über Browser-Kopierschutz entscheiden

Nutzer-Protest: Viele Experten lehnen Kopierschutz als Webstandard ab Zur Großansicht

Nutzer-Protest: Viele Experten lehnen Kopierschutz als Webstandard ab

Bürgerrechtler wenden sich gegen Pläne der Unterhaltungsindustrie, im kommenden Web-Standard HTML5 Kopierschutzmechanismen zu integrieren. Damit würden technische Neuerungen ebenso blockiert wie der freie Zugang zum Netz.

Soll Kopierschutz Teil des neuen Webstandards HTML5 werden? Dafür machen sich Unternehmen wie Google, Microsoft und Netflix stark. Bürgerrechtler befürchten, dass solche Standards in Zukunft zu stark eingeschränkte Nutzungsmöglichkeiten im Netz führen. Deshalb hat die US-Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) beim World Wide Web Consortium (W3C) am Mittwoch eine formale Beschwerde eingereicht .

Das Webstandard-Konsortium W3C hatte zuvor eine erste Beschlussvorlage fertiggestellt, die eine entsprechende Kopierschutz-Erweiterung vorsieht. Damit aber, so die EFF, bestehe die Gefahr, dass Innovationen ausgebremst und der Zugang zum Internet in aller Welt blockiert werden könnte.

Die sogenannte Encripted Media Extension (EME) erlaube es etwa Produzenten von Musik oder Filmen, besser zu kontrollieren, was mit ihren Produkten im Netz geschieht. Was auf Netz-Surfer ungefähr zukommen könnte, kann jeder Computer-Nutzer schon heute abschätzen. Denn bereits jetzt werden DRM-Systeme dazu verwendet, um Digitalwelten unterschiedliche Anbieter abzugrenzen. Für ein System erworbene Filme sind auf einem anderen nicht abspielbar.

Die EFF will eine ähnliche Entwicklung im WWW verhindern: "Dieser Vorschlag unterscheidet sich von allen anderen Aspekten der HTML-Standardisierung", so EFF-Chef Danny O'Brien. "Er definiert eine neue Art von 'Black Box' für die Unterhaltungsindustrie, die jeder Kontrolle durch den Browser oder den End-User entzogen ist."

Die Beschwerde der EFF erhält durch den Umstand zusätzliches Gewicht, dass die digitalen Bürgerrechtler dem WC3-Konsortium beigetreten sind und ihre Argumente nun als Mitglied vortragen können. Es sei nicht die Aufgabe des WC3-Konsortiums, Konzerninteressen zu schützen, so die EFF weiter. Zwar seien die Drohungen der Unterhaltungsindustrie, Nutzer könnten ihre Geräte nur bei Beachtung aller Kopierschutzregeln verwenden, leer. Denn kommerzielle Inhalte gingen dorthin, wo die Nutzer seien. Und die wiederum würden die Orte bevorzugen, an denen ihre Rechte und Bedürfnisse am meisten respektiert würden. Die Aufgabe des WC3-Konsortiums bestehe darin, der Hüter dieser Rechte zu sein .

Die Kritik am geplanten Kopierschutz im neuen Webstandard hatte sich schon unmittelbar im Anschluss an den Vorstoß der Inhalteanbieter entzündet. US-Bürgerrechtler konnten in einer Online-Petition auf der Plattform Defective by Design nach eigenen Angaben mehr als 27.000 Unterschriften sammeln .

meu

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. DRM im Web ist nicht mit Open-Source kompatibel
st.esser 30.05.2013
Zitat von sysopBürgerrechtler wenden sich gegen Pläne der Unterhaltungsindustrie, im kommenden Web-Standard HTML5 Kopierschutzmechanismen zu integrieren. Damit würden technische Neuerungen ebenso blockiert wie der freie Zugang zum Netz. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/html5-buergerrechtler-gegen-kopierschutz-im-neuen-webstandart-a-902734.html
Das Problem von DRM in HTML5 ist, dass damit der Kopierschutz im Web-Browser implementiert ist. Wenn man aber den Source-Code eines Browsers mit DRM hat (wie z.B. Firefox oder Chrome), dann kann man die Einschränkungen des DRM umgehen. Zum Beispiel könnte das DRM verlangen, dass Medien (Musik, Video) nur direkt wiedergegeben werden können, aber auf keinen Fall auf der Festplatte des Empfängers abgelegt werden können. Im Source-Code könnte man aber genau dies ändern (dem Server die Zusicherung geben, dass keine Kopie angefertigt wird, diese dann aber doch lokal speichern). Damit gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder dürfen HTML5-DRM-Mechanismen nicht mit Open-Source-Webbrowsern zusammen arbeiten, oder aber die Entschlüsselung geschieht gar nicht im Webbrowser, sondern erst im Betriebbssystem bzw. im Grafik-Treiber (und der Browser reicht die DRM-Information und einen verschlüsselten Datenstrom dorthin durch). In beiden Fällen werden DRM-geschützte Inhalte sich nicht mit Open-Source Browsers (im ersten Fall) oder Open-Source Betriebssytemen (im zweiten Fall) wiedergeben lassen. Wenn sich DRM für HTML5 durchsetzt, dann werden sich Medieninhalte bald nur noch unter Windows, iOS und vielleicht MacOS wiedergeben lassen, vielleicht auch auf einigen Smart-TVs, sicher aber nicht z.B. unter Linux oder Android. Ob das ein Problem darstellt muss jeder für sich entscheiden. Dabei sollte man aber nicht aus den Augen verlieren, dass praktisch die gesamte im Internet eingesetzte Software auf Open-Source-Projekte zurück geht (und das schließt z.B. auch den Internet-Explorer sowie die Firmware der meisten Smart-TVs ein) und die Möglichkeit für grundsätzlich neue Konzepte und Möglichkeiten (deren Entwicklung kommerziellen Software-Herstellern oft zu riskant ist) damit gehemmt wird. STefan
2. W3c
Gallandor 30.05.2013
"Das W3C setzt es sich zur Aufgabe das volle Potienzial des World Wide Webs durch die Entwicklung von Richtlinien und Protokollen zu entfalten." Das stammt aus der Satzung des W3Cs. DRM dient dazu Potienzial zu verhindern und die Entwicklung des WWWs einzuschränken. Für mich ist die Sachlage klar, dass sich das W3C gegen DRM in HTML5 ausprechen muss.
3. optional
Crom 30.05.2013
Sich gegen DRM aussprechen und sich dann wundern, dass die Anbieter auf Silverlight und Co zurück greifen.
4.
ralf_si 30.05.2013
Zitat von st.esserDas Problem von DRM in HTML5 ist, dass damit der Kopierschutz im Web-Browser implementiert ist. Wenn man aber den Source-Code eines Browsers mit DRM hat (wie z.B. Firefox oder Chrome), dann kann man die Einschränkungen des DRM umgehen. Zum Beispiel könnte das DRM verlangen, dass Medien (Musik, Video) nur direkt wiedergegeben werden können, aber auf keinen Fall auf der Festplatte des Empfängers abgelegt werden können. Im Source-Code könnte man aber genau dies ändern (dem Server die Zusicherung geben, dass keine Kopie angefertigt wird, diese dann aber doch lokal speichern). Damit gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder dürfen HTML5-DRM-Mechanismen nicht mit Open-Source-Webbrowsern zusammen arbeiten, oder aber die Entschlüsselung geschieht gar nicht im Webbrowser, sondern erst im Betriebbssystem bzw. im Grafik-Treiber (und der Browser reicht die DRM-Information und einen verschlüsselten Datenstrom dorthin durch). In beiden Fällen werden DRM-geschützte Inhalte sich nicht mit Open-Source Browsers (im ersten Fall) oder Open-Source Betriebssytemen (im zweiten Fall) wiedergeben lassen. Wenn sich DRM für HTML5 durchsetzt, dann werden sich Medieninhalte bald nur noch unter Windows, iOS und vielleicht MacOS wiedergeben lassen, vielleicht auch auf einigen Smart-TVs, sicher aber nicht z.B. unter Linux oder Android. Ob das ein Problem darstellt muss jeder für sich entscheiden. Dabei sollte man aber nicht aus den Augen verlieren, dass praktisch die gesamte im Internet eingesetzte Software auf Open-Source-Projekte zurück geht (und das schließt z.B. auch den Internet-Explorer sowie die Firmware der meisten Smart-TVs ein) und die Möglichkeit für grundsätzlich neue Konzepte und Möglichkeiten (deren Entwicklung kommerziellen Software-Herstellern oft zu riskant ist) damit gehemmt wird. STefan
Sie glauben wohl allen Ernstes, dass Google - ebenfalls Befürworter des Kopierschutzes - das Wohl des Verbrauchers im Blickfeld hat?Beenden Sie Ihre Träumerei und werden Sie endlich wach!
5. :-(
quark@mailinator.com 30.05.2013
Ist doch die logische Fortsetzung des "App-Shop"-Gedankens. Am Ende landen nicht nur Musik und Videos in der Kryptobox, sondern auch die Software. Jegliche Inhalte, egal ob Wetter, Zeitschriften oder anderes wird nicht mehr frei zugreifbar sein, sondern nur noch über das verschlüsselte Interface. Damit ist dann der "Tunnel" in die schon heute abgeschlossenen Mobilgeräte verbaut, der heute noch über den Browser führt. Die Mobilgerätehersteller versuchen ja zu verhindern, daß Fremdbrowser auf ihren Geräten laufen - und schränken den installierten Browser ein, damit die Leute Apps kaufen müssen. Es geht nicht (nur) um die Rechte der Unterhaltungsindustrie, es geht um die vollständige Kontrolle des Vertriebswegs Internet um dann für jedes Byte Kohle abgreifen zu können. Schluß mit "für Umsonst". Danke Apple, daß Ihr uns diesen Mist gebracht habt :-(.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema Internet
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 20 Kommentare
Zum Autor
  • Richard Meusers schreibt als Autor für SPIEGEL ONLINE über die Digitalisierung.

Netzwelt auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel.


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.