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Huckepack-Problem: Experten warnen vor massiver Windows-Sicherheitslücke

Vier Wochen, nachdem Apple ein Sicherheitsleck in der Windows-Version der iTunes-Software flickte, zeichnet sich ab, dass dieses Leck ein verbreiteter Fehler in der Windows-Software sein könnte. Über 200 Programme, behaupten IT-Experten, seien aktuell betroffen - möglicherweise weit mehr.

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Ungeklärt: Sind neben alten Programmversionen auch aktuelle Programme betroffen?

Hamburg - Die Sicherheitslücke, über die die "Computerworld" seit Mittwoch berichtet, sorgte hinter den Kulissen schon seit März für Unruhe: Aufgefallen war sie zuerst in der Windows-Version von iTunes, Apple stopfte das Leck vor vier Wochen mit dem Programm-Update zu Version 9.2.1, das Problem schien damit gelöst. Jetzt aber, behauptet ein IT-Sicherheitsexperte, zeichne sich ab, dass das betreffende Leck in Wahrheit ein weit verbreitetes, generelles Sicherheitsproblem in für die Microsoft-Betriebssysteme geschriebenen Programmen sei.

HD Moore, Kopf der IT-Sicherheit bei Rapid7, einem kleinen, aber renommierten, auf das Aufspüren von Netzwerk-Sicherheitsverletzungen spezialisierten Unternehmen, hatte die bisher nur in Verbindung mit iTunes bekannte Sicherheitslücke näher unter die Lupe genommen. Bis zum Mittwoch fand er 40 Programme, die das gleiche Leck aufwiesen. Am Folgetag legte Acros Security, das slowenische Unternehmen, das im Frühjahr die Sicherheitslücke bei iTunes entdeckt hatte, nach. Schon über 200 betroffene Programme und Applikationen habe man gefunden, behauptet Acros-Chef Mitja Kolsek, es deute einiges darauf hin, dass "so gut wie alle Windows-Applikationen" betroffen sein könnten.

Moore stuft das Leck als Zero Day Exploit ein - als direkt einsetzbare Sicherheitslücke, gegen die Microsoft noch keinen Schutz entwickelt habe. Ob die Lücke schon ausgenutzt wurde, ist nicht bekannt. Das Nutzen des Lecks schätzen Moore und Kolsek einhellig als trivial ein, die Entwicklung eines Flicken hingegen als Mammut-Aufgabe: Im schlimmsten Fall brauche man für jedes der betroffenen Programme einen eigenen Flicken.

Ein Huckepack-Problem

Das Leck beruht offenbar auf einem grundsätzlichen Fehler, wie Windows sogenannte DLL-Dateien aus anderen Programmen lädt und verarbeitet. Im Fall der iTunes-Lücke konnten MP3-Dateien mit DLL-Dateien auf einem externen Server verbunden werden: Der Aufruf der MP3-Datei initiierte das Öffnen der potentiell Schadcode enthaltenen DLL. Auf diesem Prinzip fußt das Sicherheitsproblem auch grundsätzlich - es geht um die Verknüpfung einer als sicher eingestuften Datei mit einer DLL, die dann quasi huckepack Schadcode auf den Rechner des Opfers überträgt.

DLLs sind so genannte Bibliotheksdateien. Sie laden Daten und Informationen, die ein Programm zu seiner Ausführung braucht, in Form einer Datei aus, statt mit diesen Daten den Arbeitsspeicher permanent zu belasten. Abgerufen werden sie dann im Bedarfsfall. Windows-DLLs können dabei ausführbaren Programmcode enthalten - wer es schafft, dort Schadcode unterzubringen, agiert quasi unter der Haube des Betriebssystems. Möglich ist dann so gut wie alles vom schnüffelnden Zugriff auf das System, über das Nachladen beliebiger weiterer Schadprogramme bis hin zur Übernahme von Administratorenrechten - für IT-Experten das absolute Worst-Case-Szenario.

Warten auf eine Lösung

Microsoft wurde am Mittwoch informiert und untersucht das Problem. Zu den Einzelheiten wolle man sich nicht äußern, bis Ergebnisse vorlägen, heißt es von Seiten des Software-Unternehmens. Eine relative Funkstille halten auch die beiden Sicherheitsfirmen Acros und Rapid7: Welche Programme und Applikationen genau betroffen sind, verraten sie nicht. Acros hatte seine Analysen offenbar bereits seit März weiter vorangetrieben und hinter den Kulissen an Lösungen für einige der betroffenen Softwarefirmen gearbeitet.

Nach Einschätzung von HD Moore könnte es Microsoft gelingen, innerhalb relativ kurzer Zeit eine temporäre Lösung vorzulegen. Neue Informationen könnte es demnach bereits Anfang nächster Woche geben. Das grundsätzliche Problem jedoch sei schwerer zu lösen, seine Spuren, behauptete er in einem Posting, fänden sich möglicherweise bereits in zehn Jahre alten Programmversionen. Welche Windows-Versionen genau betroffen sind und ob dazu auch das neue, erfolgreiche Windows-7-Paket gehört, ist bisher nicht bekannt. Microsoft hatte erst vor zehn Tagen ein außerplanmäßiges Sicherheits-Update durchgeführt, mit dem eine rekordverdächtige Zahl von Lecks geflickt worden war.

Auch auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE verwies Microsoft darauf, den Sachverhalt erst genau prüfen zu wollen, bevor man sich äußere.

pat

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 39 Beiträge
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1. MS-Spielkonsolen gefährdet
QuixX, 20.08.2010
Zitat von sysopVier Wochen, nachdem Apple ein Sicherheitsleck in der Windows-Version der iTunes-Software flickte, zeichnet sich ab, dass dieses Leck ein verbreiteter Fehler in Windows-Software sein könnte. Über 200 Programme, behauptet IT-Experten, seien aktuell betroffen - möglicherweise weit mehr. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,712841,00.html
Wissen wir, wenn MediaPlayer den Codec nicht hat, dann will er auf die Suche gehen. Dann kann's passieren. Wieder eine Idee von Microsoft, die man hätte auch durchdenken können. Wer einen Server mit Nutzdaten auf M$-Basis betreibt, dem ist nicht zu helfen. Trotz mannigfaltigen Schwüren hat es noch nie aus Wolken Hirn geregnet.
2. Korrektur
glubschi 20.08.2010
---Zitat--- Microsoft hatte erst vor zehn Tagen ein *außerplanmäßiges* Sicherheits-Update durchgeführt, mit dem eine rekordverdächtige Zahl von Lecks geflickt worden war. ---Zitatende--- Das ist falsch, es handelte sich dabei um den regelmäßig monatlich stattfindenden "Patchday". Die Zahl der dabei jeweils geflickten Lecks schwankt und die Anzahl beim letzten Mal war auch sicher hoch, aber wirklich außergewöhnlich war daran nichts.
3. ?
wakaba 20.08.2010
Das schaut mir aus als ob da jemand auf CIA und NSA Löcher gestossen ist.
4. .
QuixX, 20.08.2010
Zitat von wakabaDas schaut mir aus als ob da jemand auf CIA und NSA Löcher gestossen ist.
Wir schützen uns vor diesen mit einer Datenflut, die kein Rechnerpark bewältigen kann. Seien Sie unbesorgt.
5. eher nicht :-D
LinkerSelbständiger 20.08.2010
abgesehen davon, dass die Erklärung im Artikel nicht wirklich schlüssig ist, wäre das für "Geheimdienstschlupflöcher" viel zu offensichtlich. Ich bin Software Entwickler und konnte der Erklärung zumindest nicht ganz folgen... auch die Aussage mit dem Ausführungslevel des Betriebssystems finde ich sehr schwammig... irgendwas passt da nicht
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Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potenziell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.


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