Hygiene Königreich der Bazillen

Wir haben es immer geahnt: All die Spritzer und Schlabberer, Krümel und Bröckchen, Stäubchen und Nieser, die Tag für Tag in unserer Tastatur verschwinden, werden genau dort irgendwie angelagert, abgebaut - verdaut? Aber ja, sagen amerikanische Forscher: PCs sind die ekligsten Bakterienherde der Welt - 400 mal schlimmer als Klos.

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Das Klo, Entsorgungsort diverser Verdauungsrückstände: Sauberer als eine PC-Tastatur?
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Das Klo, Entsorgungsort diverser Verdauungsrückstände: Sauberer als eine PC-Tastatur?

Eigentlich ist die Sprache der Techniker voller Selbsterkenntnis. Man besehe sich nur das Wort "Bug": Das steht im IT-Englisch für einen Fehler im System - sei es Hard- oder Software. So was muss man ausrotten, säubern, reparieren.

Wie im richtigen Leben. "Bug" - also Käfer - heißt der Computerfehler angeblich deshalb, weil in den guten alten Tagen Kurzschlüsse und System-Zusammenbrüche vor allem durch Insekten, Wanzen, Mäuse oder gar Ratten verursacht wurden, die sich in die schrank- bis wohnhausgroßen Kisten verirrt hatten. Das ist zum Glück vorbei.

In einen heutigen Laptop passt keine Ratte mehr. Wohl aber, behaupten Forscher der Universität Arizona, ein paar Milliönchen oder Milliarden von Bakterien, anderen Krankheitserregern, Pilzen, Flechten und was sonst noch anspruchslos und pflegeleicht so wächst, kreucht und fleucht.

Jugend forscht: Joanna Arendt und Maike Günther entwickelten vor zwei Jahren eine "Umwelttoilette", die mit einem ausgefuchsten Dreh-, Klapp- und Filtersystem Ausscheidungen verschiedener Konsistenz sauber trennt und geruchsdicht versiegelt
DPA

Jugend forscht: Joanna Arendt und Maike Günther entwickelten vor zwei Jahren eine "Umwelttoilette", die mit einem ausgefuchsten Dreh-, Klapp- und Filtersystem Ausscheidungen verschiedener Konsistenz sauber trennt und geruchsdicht versiegelt

Mein Rechner, mein Biotop

Herausgefunden - oder besser: wissenschaftlich belegt - wurde dies im Rahmen einer Studie, die Charles Gerba an der Universität Arizona initiierte.

Der ist alles andere als ein Unbekannter: Der Molekularbiologe und Virologe gilt als einer der bekanntesten Hygieniker Amerikas. Seit Jahrzehnten genießt er in schöner Regelmäßigkeit die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, wenn er tödliche Erreger jagend publikumswirksam durch Einkaufszentren, Kindergärten, Krankenhäuser oder über Spielplätze fegt.

So eine Karriere formt und schult, und seit Jahren schon weiß Gerba, wie man seine Message an den Mann bringt: Man muss dem biologischen Laien eine Vergleichsgröße bieten. Gerbas Vergleichsgröße ist das Klo.

Vor zwei Jahren demonstrierte er im CBS-Programm "48 Hours", wie und wo man die in lästig-schmerzhaften bis tödlichen Qualitäten vorkommenden Bakterien der Salmonellen-Gruppe so alles finden kann. Auf öffentlichen wie privaten Toiletten zum Beispiel, die für Gerba so eine Art Index darstellen: Die Quersumme aus den in den USA üblichen bis möglichen Toilettenzuständen nennt Gerba die "durchschnittliche Toilette".

Kultgegenstand: Der "Thron" mausert sich zum Möbel. Hier eine Toilette für Kinder
Foto: GMS

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Und schockt eine freiwillig und stolz ihre bestens gesäuberte Wohnung für Testzwecke zur Verfügung stellende Hausfrau mit der Feststellung, ihre Behausung sei eine "Samonellen-Hochburg", oder sachlicher: "Unterm Strich eine biologische Hotzone. Biohazard". Summa summarum teils "200-mal stärker befallen als eine durchschnittliche Toilette".

Da tröstet es wenig, dass die bei weitem meisten Bakterien, die Gerba in seinen Studien findet, völlig harmlos sind. Und Toiletten sind eine tolle Vergleichsgröße, weil man sie häufig säubert - normalerweise. Da schneidet selbst ein Gemüseschneidebrett im direkten Vergleich mies ab.

Oder aber ein Rechner. Der ist wohl mit Abstand das Ekligste, was man sich so hinstellen kann. Was alles durch die Ritzen des Keyboards fällt, um dort eine stetig wachsende Population von Bakterien, Flechten, Pilzen und Milben zu füttern und zu nähren, das kann und muss man mit einer griffigen Vergleichszahl ausdrücken: Wie wäre es mit dem Klo-Faktor?

Prestigeträchtiger Ort: Ein sauber glänzendes "Örtchen" zeichnet seinen Besitzer aus. Der 3D-Jewelry-Shop in Hongkong leistet sich eines aus Gold: Nichts glänzt sauberer, beeindruckt mehr und wäre kälter am Hintern
AP

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Der, sagt Gerba, liegt bei 400.

Noch mal: Normale Klobrille = 1, Computer-Keyboard = 400

Ganz besonders abstoßend sind übrigens Firmenrechner: Wie viele Menschen darauf herumhämmern, Spuren ehemaliger oder virulenter Krankheiten hinterlassend, Schuppen verlierend, in die Tastatur niesend, mit Krümeln und Essensresten das Mikro-Biotop unter den Tasten fütternd!

Dazu noch diese Milben-Achterbahn des PC-Gebläses: Kurz angesaugt, für eine Zeit gewärmt und genährt werden die Milben des Bürostaubs vom PC-Ventilator (wahrscheinlich laut und milbisch lachend) hinaus und hoch hinauf geblasen, nur um uns arme Büroarbeiter weiter zu schwächen. Wer da nicht in die Tastatur niest, der ist der Krankheitserreger-Attacke vom Klofaktor 400 wohl schon erlegen.

Nun veröffentlicht Charles Gerba seine Studien selten, nur um Büroarbeiter zu schocken. Er ist ein Mahner. Telefone, Computer und deren Keyboards, regt er an, könnte man ja durchaus auch ab und zu reinigen. Das aber geschehe in der Realität oft allenfalls alle paar Monate. So würden gerade aus Firmenrechnern "bakterielle Alpträume".

Salmonellen: Winzig kleine, potenziell tödliche Quälgeister - auch in Ihrer Tastatur?
Foto: Institut Pasteur

Salmonellen: Winzig kleine, potenziell tödliche Quälgeister - auch in Ihrer Tastatur?

Das sollte doch zu Denken geben. Ob Charles Gerbas löbliche Mahn-Studie nun die Säuberungsfrequenz von Computer-Keyboards oder die Häufigkeit von Keyboard-Phobien steigern wird, bleibt abzuwarten. Vorerst gilt es, das regelmäßige Tastatur ausschütteln nicht zu vergessen. Ist auch als gruppendynamischer Event sehr lustig: "Guck, mal, was bei mir alles drin ist!". Und vielleicht ist das eklige Häufchen auf ihrem Schreibtisch dann einmal Grund genug, ein wenig früher Schluss zu machen: Schließlich ist Wochenende.



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