I.P.O.-Gerüchte: Was ist Hulu wirklich wert?

Vor eineinhalb Jahrzehnten begannen Web-Unternehmen ohne nennenswerte Umsätze damit, ihre bloße Popularität an der Börse zu verkaufen - bis zum Platzen der Dotcom-Blase. Kleine Umsätze und viel Popularität hat auch die Videoseite Hulu.com: Genug, um damit zwei Milliarden Dollar zu bekommen?

Filmportal Hulu: Web-Videothek für den amerikanischen Binnenmarkt Zur Großansicht

Filmportal Hulu: Web-Videothek für den amerikanischen Binnenmarkt

Hulu, Amerikas populärstes legal operierendes Video-Stream-Portal für TV-Serien-Inhalte und Kinofilme, steht womöglich kurz vor dem Börsengang, berichtet die "New York Times". Hulu ist ein gemeinsames Webportal führender US-TV-Anbieter, das innerhalb der USA kostenfrei via Web TV-Inhalte zugänglich macht. Europäer sind vom Hulu-Angebot ausgesperrt. Nach Informationen der "Times" sondiere das Management von Hulu bereits die Aussichten, lasse sich von Investmentbanken beraten. Das angebliche Ziel: Hulu noch in diesem Herbst an die Börse zu bringen und damit zwei Milliarden Dollar zu erzielen.

Eine stolze Hausnummer: Im letzten Geschäftsjahr, behauptet Hulu, habe die Webseite rund 100 Millionen Dollar Umsatz gemacht und dabei in zwei Quartalen sogar schwarze Zahlen erzielt. Der Rubel rollt also, nur die Richtung ist nicht ganz klar: Man kann wohl davon ausgehen, dass unter dem Strich noch immer ein Minus steht - trotz einer unangefochtenen Marktführerschaft beim Streamen professioneller TV- und Filminhalte.

Videowerbung aber tat sich lange Zeit sehr schwer im Web, und bisher ist solche Werbung Hulus einzige erwähnenswerte Einnahmequelle. Noch in diesem Sommer soll ein Abo-Modell für ein Hulu-Premiumangebot hinzukommen. Dann sollen TV-Junkies 9,95 Dollar dafür bezahlen, um auf ein Archiv, das vollständige Serien mit allen ihren Staffeln enthält, zugreifen zu können. Der Erfolg steht in den Sternen, zumal immer mehr Konkurrenten ihre Angebote um on-demand-Angebote aufbohren.

Selbst in den USA mit seiner traditionsreichen Pay-TV und Kabel-TV-Kultur kommt da die Frage nach den Grenzen der Zahlungsbereitschaft auf. Hulu ist deshalb so populär, weil es kostenlos ist. Wie viele TV-Junkies gibt es aber, die bereit sind, Archivinhalte zu bezahlen? Überschneidungen mit der Gruppe der Käufer und Sammler von DVD-Boxen klassischer TV-Serien liegen nahe. Millionen sind das nicht.

Die glorreiche Vergangenheit: Milliarden für Habenichtse

Zu Hochzeiten des Dotcom-Booms wären all das beste Voraussetzungen gewesen, um an der Börse so richtig abzuheben. Die Internet-Hysterie hatte im August 1995 ihren Anfang genommen: Die Firma Netscape ging an die Börse und hatte nichts zu bieten außer Wachstumspotential - Netscape verschenkte den damals unangefochten führenden Webbrowser. Minimale Einkünfte hatte das Unternehmen ansonsten nur aus kleinen B2B-Geschäften und dem Verkauf von Fan-T-Shirts und ähnlichem - noch nicht einmal Peanuts in Relation zu den Millionen, die die Firma monatlich verbrannte.

Dass der Börsengang dann zu einem zu diesem Zeitpunkt fast beispiellosen Erfolg wurde, enthirnte die Zocker nicht nur an der Wall Street für die kommenden fünf Jahre fast völlig: Am ersten Handelstag vervielfachte sich der Aktienwert von Netscape kurzeitig auf bis zu 2,8 Milliarden Dollar, am Ende blieben 1,8 Milliarden (und damit eine satte Verdoppelung des schon reichlich mutig hoch geschätzten Wertes) übrig. Klar, dass sich in den Folgemonaten alles, was Popularität und Namen, aber kaum Umsätze hatte, um Nachahmung dieser wundersamen Geldvermehrung bemühte. Ein halbes Jahrzehnt funktionierte das ganz prächtig, das Platzen der Dotcom-Blase aber stürzte die Welt in eine Wirtschaftskrise, die sie erst nach Jahren verdaute. Seitdem wird der "I.P.O." ("Initial Public Offering": engl. für Börsengang) weit vorsichtiger gehandhabt, Euphorie kommt nur noch selten auf.

Zweifel an den Zukunftschancen

Doch so richtig vergleichbar ist die Situation ja auch nicht. Hulus Umsätze steigen, die Vermarktung der Video-Werbung wird zunehmend besser. Dass sich TV-Inhalte ins Internet verlagern, gilt längst als ausgemachte Sache - und zurzeit ist Hulu die einzig nennenswerte Antwort auf den Druck der wild operierenden Streaming-Seiten, die Inhalte kostenfrei verbreiten, ohne die Besitzer und Produzenten dafür zu entlohnen.

Druck machen jedoch die Besitzer von Hulu, die Medienunternehmen Disney, NBC Universal, News Corp. und der Risikokapitalinvestor Providence Equity. Die Medienfirmen sehen, dass ihre TV-Umsätze schneller bröckeln, als die Hulu-Umsätze wachsen. Dazu kommt, dass auch die Konkurrenz nicht schläft: Apples iTunes hat sich längst zur Videothek gemausert und soll planen, seine TV-Angebote weiter aufzubohren. Netflix, Amerikas größte Online-Videothek, gewinnt derweil zunehmend an Gewicht. Kurzum: Die Zahl der Anbieter, die für TV und Film die Hand aufhalten, wächst.

Hulu krankt zudem daran, dass sein Wachstum durch Faktoren, die Hulu selbst kaum beeinflussen kann, gebremst wird. Die geplante Expansion über die USA hinaus stockt, einen entsprechenden Versuch im Lizenzenzierungsdschungel Europa hat Hulu kürzlich frustriert aufgegeben. Derweil haben deutsche Sender anscheinend endlich begriffen, dass der Markt nach TV-Sender-Plattform übergreifenden Lösungen verlangt: ProSieben Sat 1 und die Mediengruppe RTL tüfteln gemeinsam an einer offenen TV-Plattform im Internet.

pat

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema IPTV
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.