Ideenklau Plagiat oder Paralleldenke?

Webdesigner stehen in harter Konkurrenz zueinander. Ihr Absatzmarkt ist klein, ihre gestalterischen Möglichkeiten durch den Monitor beschränkt. Wer hier Originelles leisten will, muss Arbeit investieren. Oder er kupfert ab: Auch das ist Alltag und fast nie nachzuweisen.

Von Markus Linden


"Rui Camilo", Vorbild für viele: Patente Lösung eines Design-Problems - und nicht "patentierbar"

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Portfolio nennt man die Auswahl von Fotos, die ein Fotograf zur Präsentation seiner besten Arbeiten nutzt. So ein Portfolio ins Web zu stellen, ist keine leichte Aufgabe - zumindest, wenn man besondere Ansprüche an die Bildqualität und an die Navigation stellt. Denn einerseits müssen Fotos groß präsentiert werden, wenn sie wirken sollen, andererseits dürfen sie nicht zu stark komprimiert werden, damit die Qualität nicht leidet. Warten wollen die Nutzer der Site natürlich auch nicht, denn das Blättern durch die Bilder muss schließlich Spaß machen.

Auf der neuen Site Indienfotos.de (zurzeit aus ungeklärten Gründen nicht erreichbar) kann man eine sehr schöne Lösung des Problems bewundern.

Die Macher haben einfach die Fotos selbst als Hintergrund genutzt, so dass sie in ihrer vollen Schönheit wirken. Auf den Fotos liegt eine kleine und transparente Navigationsleiste, mit der man durch den Fotobestand klicken kann. So etwas geht natürlich nur mit Flash - denn das eigentlich nicht für Bitmap-Grafiken geschaffene Flash-Format kann noch etwas, was sich mit einfachem HTML nicht realisieren lässt: Streaming.

Wenn ein Nutzer eine bestimmte Rubrik auswählt, dann werden alle Fotos in den Arbeitsspeicher geladen, obwohl zunächst nur das erste angezeigt wird. Das Laden der nächsten Fotos geht dann blitzschnell, weil die Daten nur noch aus dem Speicher geholt werden müssen.

Bewährtes Prinzip: Sollte man die "Bauprinzipien" einer Website schützen können?

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Eine tolle Sache. Aber leider ist das gesamte Prinzip in der einschlägigen Designszene seit langem bekannt.

Bereits Mitte 2000 erstellte die Multimediaagentur Scholz & Volkmer ein Portfolio für den Fotografen Rui Camilo. Der Verdacht, dass diese Site als Vorbild gedient haben könnte, drängt sich auf: Zwar ist die Navigationsleiste bei den Indienfotos horizontal statt vertikal angeordnet und auch die Schriftart wurde leicht verändert - der Rest aber ist inklusive des kleinen Buttons, der die Navigation mal eben minimiert, damit sich Bilder komplett betrachten lassen, verdächtig ähnlich.

"Paralleldenke" oder Plagiat?

"Das passiert nicht zum ersten Mal" erzählt Michael Volkmer, der als Geschäftsführer und Kreativdirektor die Rui-Camilo-Website gemeinsam mit der Art-Direktorin Heike Brockmann entwickelt hat. "Die Site ist in der Szene eingeschlagen wie eine Granate."

Die Kreativen von Scholz & Volkmer haben sich einfach auf das konzentriert, was ein Fotograf im Netz braucht: eine großflächige Präsentation seiner Arbeiten, bei der eine aufwendige Navigation nur stören würde. Die Idee mit der transparenten Navigation und dem Vorwegladen der großen Bilddateien war dabei eine einfache und geniale Lösung.

So genial, dass es, laut Volkmer, "immer wieder kopiert" wird. Ständig bekommen der Fotograf und die Webdesigner Hinweise von Freunden auf neue Sites, die das Rui-Camilo-Prinzip übernommen haben. Manchmal wird nur das technische Prinzip übernommen, oft auch die Art der Gestaltung. "Wir schicken dann ein E-Mail an die Betreffenden. Manchmal wird die Site dann vom Netz genommen, oft aber auch nicht," so Volkmer.

Schützen kann man sich als Webdesigner vor dem Ideenklau übrigens kaum: Denn während die Fotos von Rui Camilo automatisch durch das Urheberrechtsgesetz vor dem Kopieren geschützt sind, gelten Designleistung in der Regel als nicht schützbar, da sie nach Ansicht der Gesetzgeber nicht dieselbe "Gestaltungshöhe" wie ein Foto, Gemälde oder Roman aufweisen. Eine Möglichkeit bietet die Eintragung als Geschmacksmuster, die aber ist kompliziert, teuer und lohnt sich meist nur für größere Unternehmen.

Die Agentur und der Fotograf sehen die klammheimliche Übernahme ihrer Website eher gelassen: "Vielleicht haben wir mit der Rui-Camilo-Site eine Lösung geschaffen, an der man als Fotograf jetzt kaum noch

Frappante Ähnlichkeit: Kann so etwas wie "Tyrone O'Dea" Zufall sein? Der Designer arbeitet inzwischen an einer neuen Gestaltung

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vorbeikommt" meint Michael Volkmer. "Von mir aus kann sich ruhig ein Typ von Online-Portfolio etablieren, das sich an dem von Rui Camilo anlehnt." Von Klagen sehen die Wiesbadener in der Regel ab: "Nur einmal hat jemand einfach das Flash-File komplett kopiert - das ging mir dann doch zu weit," so Volkmer.

Für Webdesigner ist das Thema "Plagiat" mehr als heikel. Denn im Gegensatz zu Fotos oder Texten lassen sich kopierte Websites kaum eindeutig identifizieren. Schließlich reicht es aus, mit anderen Farben und Schriftarten zu arbeiten, um dem Ganzen ein völlig neues Gesicht zu geben - auch wenn das dahinterstehende Gestaltungsprinzip gleich geblieben ist. Und dann ist da noch die Frage, ab wann eine Gestaltungsidee wirklich innovativ ist. Man kann ja niemandem verbieten, seine Hauptnavigation in Blau auf weißem Grund anzulegen und oben anzuordnen, nur weil eBay es genauso macht.

Michael Volkmer hätte trotzdem gern einen kleinen Vermerk, angebracht auf all den Portfolios, die er für kopiert hält: "Original bei www.rui-camilo.de". Aber daraus wird wohl nichts. Die Macher von Indienfotos.de preisen ihre Site auf der Multimediaplattform Multimedia.de an - ohne Vermerk natürlich. Verpflichten kann man sie dazu nicht: Am Ende ist es ein Fall von Aussage gegen Aussage, ob etwas als Plagiat oder "Paralleldenke" zu sehen ist.



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