Was ist Heimat? Ein neuer Ort fürs Wesentliche

Von Elisabeth Rank

Meine Heimat, mein Netz: Über das Internet lässt sich Nähe herstellen, über Tausende Kilometer bis ans andere Ende der Welt. So tritt neben die Heimat als Ort ein Gefühl von Zuhause im Web.

Bloggerin auf der Re:publica (Archivbild): "Hör nicht auf damit" Zur Großansicht
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Bloggerin auf der Re:publica (Archivbild): "Hör nicht auf damit"

"Zuhause ist nicht da, wo mein Herz ist, weil ich denke, dass das Herz irren kann." Johannes Ruthenberg

Eigentlich brauche ich die zwei Worte "Berlin-Mitte" nur denken und alle rollen schon die Augen, weil sie glauben, jetzt kommt wieder eine naive Abfeierei oder ein verzweifelter Diss. Wenn ich dann sage, dass ich aus Berlin-Mitte komme, füge ich meistens sofort hinzu, dass dorther kommen auch meint, ich wurde dort geboren, ich bin dort aufgewachsen, "direkt an der Mauer, da war eigentlich nur ein Friedhof dazwischen", zumindest wenn ich mit Nicht-Berlinern spreche. Dann schauen sie mir meistens direkt in die Augen, ziehen die Brauen verwundert hoch und fragen: "So ganz original?" Ja, ganz original. In Berlin geboren, in der Mitte sogar, auf der Ostseite, und immer noch da. Dann folgt der typische Gesprächsverlauf. Ja, mein Wohnhaus steht noch. Ja, daneben ist eine Galerie. Nein, die Hipster nerven mich nicht. Ja, ich wohne jetzt in Prenzlauer Berg. Das ist meine Heimat. Sie ist mir einfach so passiert.

Vielleicht wäre alles anders jetzt, wenn damals eine Zeitung oder ein Verlag gekommen wären und gesagt hätten: "Hier Lisa, wir geben dir ein Publikum und so viel Platz, wie du möchtest, du darfst schreiben, was du willst". Aber das Internet war schneller, und so war es dann mit uns, ich wuchs hinein, ohne es wirklich zu merken. Als ich begann, Texte im Web zu veröffentlichen, war ich noch in der Schule, das ist über zehn Jahre her, ich probierte alles aus und ich durfte es, so wie man zu Hause Dinge darf, die woanders nicht gehen. Die Einfachheit überwältigte mich, also blieb ich dabei, und irgendwann fragte das Internet, ob ich nicht auch noch Geld dafür haben wolle. Ich nickte sehr begeistert und machte weiter, die Kreise veränderten sich, aber die Grundstruktur blieb, das Einfache und immer Menschen, die sagten: "Mach das, mach weiter, hör nicht auf damit."

Heimat hat immer mit diesem Nebel zu tun, der sich über all das legt, an was wir uns nicht mehr ganz genau, sondern nur aus unserer eigenen Erzählung heraus erinnern können, weil wir sie schon so oft abgespult haben, vielleicht war doch aber alles ganz anders. Und Heimat haftet oft lange an einem, das geht nicht weg, ich kann es mir ohne das Netz nicht mehr vorstellen. Und das ist kein Ultimatum, sondern eher etwas, das mir anerzogen wurde von den Umständen. Natürlich kann ich drei Wochen Urlaub machen ohne W-Lan. Aber ich freue mich auch, wenn ich zurückkomme und sich nichts verändert hat. Und ich meckere nicht, wenn doch. Das ist eben so.

Wenn wir sitzen und über Heimat reden, kommt schnell das ganz klare Statement, dass Heimat der Ort ist und Zuhause das Gefühl. Heimat ist, wo man sich auskennt und weiß, wie man reden muss, um etwas zu bekommen, Abkürzungen, Schleichwege, all das nebenbei Gelernte. Mein Netz hat mir viele Dinge beigebracht und ermöglicht, mich mit Menschen bekannt gemacht und manchmal übernimmt es konkret Aufgaben, die die Realität nicht erfüllen kann. Nähe am anderen Ende der Welt herstellen zum Beispiel, wenn meine beste Freundin und ich Tausende Kilometer voneinander entfernt sind, aber reden müssen, weil wir sonst platzen.

In meiner Heimat kenne ich die Infrastruktur, die Grundfesten, Straßen, Ecken, ich habe zu dem meisten eine Erinnerung und einen Abgleich, ich weiß, wer wo gewohnt hat und welche Ampel die längste Grünphase hat. Ich kann heute an früher messen und weiß seit meiner Kindheit, dass man sich nicht über Veränderungen aufzuregen braucht, weil man erst glücklich wird, wenn man den Wandel als gegeben annimmt und versteht, dass es nicht wäre, was es ist, wenn es so bleiben würde. Es sind immer Wege und Technologie und Orte sowie deren Einteilung in nutzbar und furchtbar, angenehm und furchtbar, laut und leise und dass ich dort einen Platz habe, wann immer ich will - in Berlin und im Netz.

Ich habe mich eingerichtet, ich habe mein Blog samt Bettdecke, starke Fäden zu den wichtigsten Menschen und mein Bücherregal immer dabei. Es ist ein Ort für meine Arbeit, mit der ich Geld verdiene, ein Ort für die Phantasie und Inspiration, von der mein Herz lebt, ein Ort für Politik, Musik, Liebe und Pathos, und es ist immer die Ablage von dem, was eh passiert, wenn es nicht wirklich geschieht, dann auch dort nicht.

Das Wesentliche hat einen neuen Ort bekommen, einen dazu eigentlich nur, als hätte man ein weiteres Bettzeug für den Winter gekauft. Auch wenn mein Opa noch recht häufig den Kopf schüttelt und sagt: "Also ich bin früher immer Fahrrad gefahren."

Das ist keine Abfeierei und kein Diss, das alles hat nichts mit Bewertung zu tun, sondern mit dem Annehmen eines Umstands, einer Entwicklung, die zu meinem Leben gehört wie Berlin-Mitte. Und jetzt ist es immer noch da.

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1. Alternativ-Heimat
Ylex 13.04.2012
Zitat: „Das Wesentliche hat einen neuen Ort bekommen...“ Heimat ist also etwas Wesentliches und hat einen Ort? Fraglich. Aber fraglos liegt ein Bedürfnis vor. Der SPIEGEL hat sich der Heimat angenommen wie eines verwilderten Anwesens, das instandgesetzt werden soll – neue Fenster für neue Ausblicke, neue Streben werden eingezogen in das wackelige Gebäude Heimat, der Garten wird vom Unkraut der verwilderten Emotionen befreit, die eine zeitgemäße Natur der Heimat überwuchern. Doch die Renovierung verändert den Charakter und verunklart die Adresse: Empfänger verzogen, die Post der Gefühle geht ab, dann kommt sie überraschend zurück, unzustellbar. Die Heimat ist schwerer aufzufinden als früher, es erfordert Abstraktionsvermögen, sie zu entdecken, sie für den modernen Menschen wiederzuentdecken. Das Internet als Webgemeinde ohne Gemarkungsgrenzen, aber eine abgrenzbare Erstreckung imaginärer Lokalitäten, Zufluchtsstätten, Wärmestuben für die Seele, Räume für eine Selbstverortung durch Begegnung, sie öffnen sich per Mausklick, man kann sich in sie hineinbegeben, man kann sie wieder verlassen. Ist das vielleicht alles nur Einbildung, oder konstituieren sich dort wirklich Heimatgefühle? Warum nicht, wenn es doch schon so viele behaupten. Der mögliche Vorwurf, das sei eine voreilige Behauptung, geht ins Leere, weil er von denen kommt, die diese Alternativ-Heimat für sich noch nicht ausprobiert haben und es meistens auch gar nicht wollen. Die Internet-Jünger kontern: Die gewöhnliche Vorstellung von Heimat sei zu bürgerlich, zu altbacken, sie sei überkommen, eine miefige Mixtur aus Musikantenstadl-Idyllen und Fallerhäuschen-Romantik – Bergbach, Wiesengrund, das herausgeputzte, aber mittelalterlich anmutende Altstadt-Arrangement als Behelf für Sentiments ins Rückwärtige, eine Heino-Heimat voller Zenzis und schwarzer Barbaras. Solche Gegenangriffe verunsichern, sie machen embryonale Sehnsüchte suspekt, sie hinterlassen Ratlosigkeit. Plötzlich kommt man sich irgendwie unbehaust vor, man steht mit seinen Gefühlen auf der Straße, und dann hilft nur eines: Ich sage Ja zu deutschem Wasser – sich einfach mit der Heimat vertragen, die man hat.
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Zur Autorin
  • Elisabeth Rank, Jahrgang 1984, ist Konzepterin bei einer Agentur und bloggt auf lisarank.de. Ihr erster Roman "Und im Zweifel für dich selbst" erschien 2010 bei Suhrkamp, gerade schreibt sie ihr zweites Buch.


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