Polizei-Software In Santa Cruz sagen Computer Verbrechen voraus

Polizisten fahren dort Streife, wo ein Computer sie hinschickt: Im US-Küstenort Santa Cruz berechnet Software die Wahrscheinlichkeit von Einbrüchen und Raubdelikten ständig neu nach Stadtteilen. Laut Polizeichef zahlen die Prognosen sich aus.

Polizeieinsatz in Santa Cruz: Die Polizei des US-Küstenstädtchens nutzt Prognose-Software
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Polizeieinsatz in Santa Cruz: Die Polizei des US-Küstenstädtchens nutzt Prognose-Software

Von Thomas Schulz, San Francisco


Dümmer hätte es für den Autodieb kaum laufen können: Als er sich in einer Tiefgarage der kalifornischen Küstenstadt Santa Cruz an einem Wagen zu schaffen machte, wurde er von einem Polizisten beobachtet, der wenige Meter weiter in einem unmarkierten Streifenwagen gerade an seinem Mittagessen kaute. Noch bevor der Wagen aufgebrochen war, wurde der Dieb festgenommen.

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Heft 20/2013
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Der Streifenbeamte war jedoch alles andere als zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort. Er verbrachte seine Mittagspause an diesem Tag in der Tiefgarage, weil es ihm ein Computerprogramm so empfohlen hatte. Was klingt wie ein Zukunftsszenario ist Realität in Santa Cruz und in immer mehr amerikanischen Großstädten: Alle knapp hundert Polizisten von Santa Cruz werden schon seit knapp zwei Jahren jeden Tag zu Dienstbeginn nicht nur von ihren Vorgesetzten, sondern von einem Algorithmus auf ihre Schicht vorbereitet.

Mehrfach täglich neu gefüttert mit allen relevanten Daten, die der Polizeiapparat zu bieten hat, berechnet das Programm, in welchen Gegenden der Stadt zu welcher Uhrzeit die höchste Wahrscheinlichkeit für eine Straftat besteht - etwa einen Einbruch oder Raub. Tötungsdelikte sind bislang ausgeschlossen. Die Gefahrengebiete sind aufgeteilt in 15 Quadrate gerade einmal rund 150 mal 150 Meter groß, denen dann vorsorglich Polizeistreifen zugeordnet werden.

Erdbebenforschung hilft Polizisten

Das Konzept basiert auf aufwendigen Datenanalysen und nennt sich "Predicvtive Policing". Zu Deutsch: Vorausschauende Polizeiarbeit. Entwickelt wurde es maßgeblich von zwei Professoren, dem Computerwissenschaftler George Mohler und dem auf Verbrechensszenarien spezialisierten Anthropologen Jeffrey Brantingham. Die von den beiden entwickelte Anwendung basiert auf Modellen zur Vorhersage von Nachbeben nach Erdbeben: Demnach zieht ein erstes Verbrechen immer Folgeverbrechen nach sich.

Der stellvertretende Polizeichef von Santa Cruz, Steve Clark, hatte Anfang 2011 zufällig von der Idee der beiden Wissenschaftler gehört. Gemeinsam setzten sie ein Pilotprojekt auf: Sie fütterten das Programm mit Verbrechensstatistiken aus acht Jahren und noch zahllosen anderen Daten, die eine Rolle spielen können - Wetter, die Nähe zu Parks und Buslinien. Dazu muss jedes Verbrechen mit jedem anderen in Beziehung gesetzt werden, so entstehen enorme Datenmengen.

Weniger Einbrüche, mehr Festnahmen

"Es gab anfangs viele Skeptiker, mich eingeschlossen", betont Clark gleich zu Beginn unseres Gesprächs im Polizeipräsidium von Santa Cruz. "Aber die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Es funktioniert." In 66 Prozent der Fälle gab es ein verdächtiges Ereignis in einer der vorhergesagten Zonen. "Ich wäre ja schon mit zehn Prozent zufrieden gewesen", sagt Clark. Im ersten Jahr, in dem "Predictive Policing" zum Einsatz kam sind die Einbrüche um elf Prozent und Autodiebstähle um acht Prozent zurückgegangen, die Zahl der Festnahmen hat um 56 Prozent zugenommen - während laut Clark in den Städten in der Umgebung die Zahl der Verbrechen ansteigt.

Inzwischen ist das ganze Polizeipräsidium hochtechnisiert. Im Briefing-Raum bedeckt ein riesiger Monitor die halbe Wand. Darauf zu sehen: Das Stadtgebiet von Santa Cruz in Google Maps mit 15 roten Risiko-Quadraten für die aktuelle Schicht. Alle Polizisten sind dazu auch mit Smartphones und Tablets ausgestattet, um von unterwegs auf das webbasierte Vorhersageprogramm zugreifen zu können.

Die Polizisten sind angehalten, wann immer es geht, Zeit in den markierten Gebieten zu verbringen. Das Ziel sei dabei nicht, einfach die Zahl der Festnahmen zu erhöhen, sondern ein Verbrechen zu stoppen oder Kriminelle durch Präsenz abzuschrecken, betont der Polizeichef.

Entwickler verkaufen ihre Prognose-Software an Ermittler

Polizeichefs aus anderen Städten stehen inzwischen Schlange bei Clark, er sagt: "Jede Woche bekomme ich zwei Anrufe." Die beiden Datenexperten Mohler und Brantingham haben eine Firma gegründet und vermarkten ihren Analyse-Service unter dem Namen PredPol weltweit. Allein in den USA haben bereits mehr als ein Dutzend Police Departments die neue Methodik eingeführt, darunter Los Angeles, Boston und Chicago. Und Clark war jüngst einige Wochen in Großbritannien, um der Polizei von Kent bei der Einführung zu helfen. Zunehmend gibt es auch Konkurrenz: IBM etwa arbeitet mit den Polizeiverwaltungen von Memphis und Charleston an einem eigenen Programm.

In Deutschland ist von diesem amerikanischen Enthusiasmus bislang nichts zu spüren - auch wegen der damit zusammenhängenden Datenschutz-Fragen wird das Thema hierzulande weit kritischer betrachtet. Zu recht: Man muss gar nicht erst den extremen Überwachungsstaat aus "Minority Report" in Erinnerung rufen, um die Vorstellung von allwissenden Behörden beängstigend zu finden, die ausgestattet mit immer besseren Analyse-Programmen riesige Datenbanken aufbauen und durchforsten.

Die vorhersehende Kriminalitätsbekämpfung ist dabei nur ein Beispiel für immer mehr von Unternehmen und Behörden entwickelten Anwendungen zur Analyse von riesigen Datenmengen: Manche mit offensichtlichem Nutzen, wie die Vorhersage von Grippewellen. Andere mit eher zweifelhaften Zielen, etwa die gezielte Steuerung unseres Einkaufsverhaltens.

In der aktuellen SPIEGEL-Titelgeschichte haben wir uns ausführlich mit den Chancen und Gefahren von Big Data befasst.

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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
pirx64 14.05.2013
1.
Minority Report
criticalck 14.05.2013
2.
Alle Prognosen mit zuvielen Unbekannten arbeiten auf diese Weise - die Logik ist keine Spezialität der Erdbebenforschung.
Aguilar 14.05.2013
3.
Zitat: "In Deutschland ist von diesem amerikanischen Enthusiasmus bislang nichts zu spüren - auch wegen der damit zusammenhängenden Datenschutz-Fragen wird das Thema hierzulande weit kritischer betrachtet." Genau das ist das Problem. Sobald hier in Deutschland zutreffenderweise auf bestimmte, statistisch signifikante Negativeigenschaften bestimmter Bevölkerungsgruppen hinweist, kommt die Selbstzensur der political correctness. Deutschlands schafft sich eben ab.
forumgehts? 14.05.2013
4. Mit
Zitat von sysopAPPolizisten fahren dort Streife, wo ein Computer sie hinschickt: Im US-Küstenort Santa Cruz berechnet Software die Wahrscheinlichkeit von Einbrüchen und Raubdelikten ständig neu nach Stadtteilen. Laut Polizeichef zahlen die Prognosen sich aus. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/in-santa-cruz-sagen-computer-verbrechen-voraus-a-899422.html
anderen Worten: Wo viel Polizei - da viele Delikte! Macht das jemand stutzig? :)
spon-leser555 14.05.2013
5.
Minority Report lässt grüssen
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