Weshalb genau Saroo Brierley seiner Familie damals abhanden kam, ist nicht zweifelsfrei zu klären. Dass er sie jetzt mit Hilfe des Internets wiedergefunden hat, wird von der englischsprachigen Presse als modernes Wunder gewertet. Schließlich bediente sich der Geschäftsmann des Internets, um nach einem Vierteljahrhundert seine Verwandten ausfindig zu machen.
Die Aufgabe war nicht leicht, denn bereits im Alter von fünf Jahren war er von der Familie getrennt worden. Davon, wie das passierte, gibt es mindestens zwei Versionen. Dem australischen "Mercury" zufolge bettelte er gemeinsam mit seinem älteren Bruder auf einem Bahnhof, verlief sich, stieg schließlich in einen Zug, der ihn heim bringen sollte, schlief dann aber ein und fuhr stundenlang durch die Nacht.
Der BBC zufolge arbeitete Brierley dagegen spätabends mit seinem Bruder als Reinigungskraft in einem Zug. Irgendwann in der Nacht übermannte ihn der Schlaf. "Ich dachte, mein Bruder würde zurückkommen und mich wecken, aber als ich aufwachte, war er nirgends zu sehen", sagte Brierley der BBC. Also machte er sich auf die Suche, stieg in einen Zug, in dem er ihn vermutete, und der sich bald in Bewegung setzte.
Zur Adoption freigegeben
An dieser Stelle finden die beiden Geschichten wieder zusammen. Brierley schlief auch in dieser Variante in dem Zug ein und erwachte 14 Stunden später in einer ihm fremden Stadt: Kalkutta. Dort habe er sich zunächst wochenlang mit Bettelei über Wasser gehalten, bis er in ein Waisenheim kam. Weil er weder den Namen der Stadt, aus der er stammte, noch einen Familiennamen nennen konnte, wurde er zu Adoption freigegeben. Sein neues Zuhause allerdings lag in Tasmanien. Von dort stammen seine Adoptiveltern, in deren Firma er heute arbeitet.
Und dort begann der inzwischen 30-Jährige schließlich, nach seinem Heimatort zu suchen. Denn seine indischen Wurzeln soll er nie vergessen haben, auch wenn er sich kaum noch an diese Zeit erinnern kann. Also machte er sich per Google Earth auf die Suche nach seiner Heimat.
Nach zunächst ebenso mühseligen wie erfolglosen Versuchen, das ganze Land nach Anhaltspunkten abzusuchen, berechnete er schließlich, wie weit er in jener Nacht wohl gefahren sein könnte, zog einen entsprechend weiten Kreis um Kalkutta und kam so zu dem Ort Khandwa in Zentralindien. "Als ich das endlich gefunden hatte, zoomte ich in die Karte rein, und zack, gleich kam alles wieder. Ich konnte sogar den Wasserfall erkennen, an dem ich als Kind gespielt hatte."
Weitere Infos sammelte er über eine Facebook-Gruppe von Einwohnern seiner Heimatstadt, denen er seine Erinnerungen schilderte und die Namen seiner Familienmitglieder nannte. Wenig später saß er im Flugzeug, reiste nach Khandwa. Als er vor dem alten Haus seiner Familie stand, war die Enttäuschung allerdings groß: "Die Tür war verschlossen. Das Schloss sah alt und abgenutzt aus, als hätte dort schon lange niemand mehr gewohnt."
Mit einem Kindheitsfoto von sich in der Hand befragte er die Nachbarn nach seiner Familie. Und tatsächlich konnte ihn ein hilfsbereiter Mann zu der Mutter führen, die Brierley zunächst nicht erkannte: "Als ich sie zuletzt gesehen habe, war sie 34 Jahre alt und eine schöne Frau. Ich hatte vergessen, wie die Zeit ihre Spuren hinterlassen kann." Schließlich aber fand er in dem Gesicht seines Gegenübers doch die vertrauten Züge seiner Mutter wieder und ließ sich in ihr Haus führen.
Was dann folgte, schildert Saroo Brierley als eine anfänglich von stummem Staunen erfüllte Begegnung von Mutter und Sohn. Keiner der beiden hatte wohl ernsthaft erwartet, den anderen jemals wiederzusehen. Ein Wahrsager, so der wiedergekehrte Sohn, habe seiner Mutter allerdings Mut gemacht. Er hatte ihr prophezeit, sie werden Saroo eines Tages wiedersehen.
Nur seinen älteren Bruder, von dem er damals gehofft hatte, geweckt zu werden, traf er nicht wieder. "Einen Monat, nachdem ich weg war, wurde mein Bruder tot auf den Gleisen gefunden", erzählte er jetzt BBC.
So erstaunlich und verzweigt diese Geschichte auch ist, so absehbar war, was dann passierte: Wie die BBC berichtet, haben bereits Verlage und Filmproduzenten ihr Interesse an der Lebensgeschichte von Saroo Brierley bekundet.
mak/meu
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